STANDARD-Interview

"Terroristinnen werden als Monster dargestellt"

30. März 2010, 18:39
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    Zur Person
    Claudia Brunner forscht am Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Universität Klagenfurt zu den Themen politische Gewalt sowie Terrorismus und Geschlecht.

Politologin Brunner im STANDARD-Interview: Mediales Bild von "Schwarzen Witwen" lenkt von Hintergründen ab

Mit Claudia Brunner sprach Alexander Fanta.

*****

STANDARD: Reagiert die Öffentlichkeit anders auf Terroristinnen als auf männliche Attentäter?

Brunner: In den Medien werden weibliche Attentäterinnen tendenziell als getrieben von privaten Motiven dargestellt. Die Attentäterinnen von Moskau werden als "Schwarze Witwen" charakterisiert, die nur ihre Männer rächen wollen. Dabei haben ihre Taten durchaus einen politischen Hintergrund, den Konflikt im Kaukasus. Diese Darstellung als "Schwarze Witwen" passt jedoch in ein Grundschema - die Trennung des öffentlichen, politischen Raums, der männlich besetzt ist, vom privaten, häuslichen Raum, in dem Frauen verortet werden.

STANDARD: Kann man sagen, dass das Bild der "Schwarzen Witwe" instrumentalisiert wird?

Brunner: Terroristen werden durch ihre mediale Darstellung ausschließlich als brutal und irrational gezeigt, um dadurch ihre politischen Ziele unsichtbar zu machen. Das kann man auch im aktuellen Fall beobachten. Der Begriff "Schwarze Witwe" verweist ins Tierreich, auf eine tödliche Spinnenart. Die Täterinnen werden somit entmenschlicht. Die gleiche Logik bedient der russische Premier Putin, wenn er davon spricht, dass die Täterbande "vernichtet" werden soll. Die Terroristinnen werden als Monster dargestellt.

STANDARD: Könnte hinter dieser Darstellung auch politisches Kalkül vonseiten der russischenRegierung stehen?

Brunner: Wenn die Attentäterinnen von ihrem Kontext - der russischen Politik und den Kämpfen im Kaukasus - getrennt werden, ist es leichter, sie als irrationale Fremdgesteuerte zu bekämpfen.

STANDARD: Nützt solche Berichterstattung dem Kreml?

Brunner: Je mehr auf private Motivationen - wie Rache für Angehörige - verwiesen wird, desto weniger Verantwortung hat die russische Regierung. Man wird vom eigentlichen Problem abgelenkt. Menschen hören die Nachrichten und sagen: "Huch - Schwarze Witwen!" , und nicht: "Warum dauert denn der Kaukasus-Konflikt noch immer an?" Eine Lösung des Konflikts wird schwierig werden, solange man die politischen Motive der Akteurinnen und Akteure in der Region nicht ernst nimmt.

STANDARD: Spielen die menschlichen Abgründe, etwa der Tod von Angehörigen der "Schwarzen Witwen" , für ihre Taten keine Rolle?

Brunner: Das sind nicht nur "menschliche Abgründe" - im Sinne von Persönlichem. Die in den Medien beschriebene und zum Grund für ihre Taten ausgewalzte Traumatisierung dieser Frauen ist wohl ein Produkt des militärischen Konflikts der russischen Armee mit Aufständischen in den Kaukasus-Republiken Russlands. Ihre Angehörigen starben durch Krieg, nicht durch einen Autounfall. Das rechtfertigt ihre Taten nicht, aber es macht sie für uns in einem politischen und historischen Kontext verstehbar.

STANDARD: Ist die Motivation der Täterinnen bedeutsam für unser Verständnis des Konflikts an sich?

Brunner: Private Motive werden den Selbstmordattentäterinnen manchmal auch bloß zugeschrieben. Da sprechen Journalisten und Wissenschafter hinterher mit den Angehörigen der Täterinnen, die ihnen über deren Leben und Leidensgeschichte erzählen. Das sagt jedoch noch nicht aus, wie die Frauen sich selbst sehen. Die permanente Individualisierung von Konflikten, die eine gesamte Gesellschaft betreffen, ist Teil des Problems. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2010)


Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 307
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PatriotInnen sind IdiotInnen
00

ich habs schon immer vermutet aber die Postings hier sind der Beweis, ja die Bildung in diesem Land geht den Bach runter, sinnerfassendes Lesen ist völlig out.
WO hat Frau Brunner die Taten der Terroristinnen auch nur im geringsten verharmlost? HALLO Liebe Leute, sie hat eine Studie über die Mediale Darstellung von Terroristinnen am Beispiel der U-Bahn Attentate gemacht und hat dazu ein Interview gegeben. Sie hat - zugegeben ganz im PoWi-Sprech - ihre Analyse vorgetragen. Aber sofort weiß das halbe Forum "Diese Frau hat Verständnis für die Terroristinnen".

Back to school Kinder ... wenn ihr das Interview kritisieren wollt müsst ihr schon sachlich argumentieren und nicht via emotionalisierter Kindergartendiskussionskultur ...

manfred koehler
 
00
frau b. und ihre "friedensforschenden" erklärungen...

... dass frau b. den femin.terror gutheisst , ist eine mehr als unsinnige frage ; bestimmt ist das nicht ihre absicht !!

also bleibt "einfach" zu fragen : WAS wollte sie mit ihren "antworten" verdeutlichen ... ????

mfg
m.k.

?&!
50
es ist schon wirklich erschütternd, dass hier kaum wer sinnerfassend lesen kann!

danke frau brunner, für diesen mini exkurs über den medialen umgang mit terror.

Adalbert M. Rohde
00

Ich würde eher sagen, was Claudia Brunner sagt ist wenig überzeugend.

manfred koehler
 
01
frau brunner , "die friedensforscherin" ...

..mit verlaub!
mir drängt sich langsam der verdacht auf , dass frau b.
sich "medial" in scene setzen lassen wollte .... themathic : nicht so sehr von bedeutung!?... wenigstens "gehört" werden !

bangt sie vielleicht um die fortsetzung ihres arbeitsvertrages ???


... ihr intelektueller habitus "erscheint".... mehr leider nicht !

nunmehr einfach ermüdend ... und substanzloses , pseudowissenschaftliches gerede soweit sie ihre
"fachwissenschaftliche objectivität" zu legitimieren sucht, oder es nur wollte , dass derartiges
angenommen wird!??? ... niveaulos , in anbetracht der opfer , die sie im wahrsten sinne des wortes nur als "rand-objecte" erfasst !

i.d. sinne ,
manfred köhler


...

zwergleviathan
04
jeder Terrorist hat eine Message, ein politisches Ziel. bei männlichen Terroristen interessiert es allerdings schon lange keinen mehr, für welche Ziel er tötet

also denke ich sollte man nicht so blauäugig sein zu denken, daß ein "Verständnis" für diese Monster irgend etwas anderes fördert als Nachahmer und Trittbrettfahrer.

Als Entschuldigung für diese inakzeptable Form sich zu artikulieren wird dann das Geschlecht angeführt...

entschuldigen sie bitte, aber ich muss kotzen

manfred koehler
 
13
...unglaublich , fast !!!!

wo , verdammt noch mal , ist ein unterschied zu verzeichnen, ob ich durch einen männlichen oder durch einen weiblichen terroristen meine angehörigen verliere?
soll ich meinen schmerz splitten : nur 60% schmerz für männl. killer und -vielleicht - "nur" 45% für weibliche massenmörder ?
... weil feminine terroristinnen -möglicherweise-
die beidgeschlechtlich divergenten differenzprocente für sich verbuchen können... gleichsam als prozentual gemeinte legitimation für ihre unmenschlichen verbrechen ?

fast unglaublich , was diese links-faschistoide frau "abartigkeit" hier in aller öffentlichkeit zum besten gibt !!!

Stani83
112
"Die Terroristinnen werden als Monster dargestellt."

Wer unschuldige Menschen in U-Bahnen tötet ist genau das!!!!!

Thomas Bayer
01
Vielleicht gibt es eine ökofeministische Terroristinnentheorie

und HARP ist an den Attentaten Schuld. Ausserdem gilt die Unschuldsvermutung.

Peter Trykar
 
00
Was ist der KHG auch daran beteiligt?

Edward, Hüter des Schatzes
216
Uuuunglaublich, die Terroristinnen werden als Monster dargestellt

obwohl sie sich doch nur politisch artikulieren wollten und das ist für Brunner verstehbar...

Nicht verstehbar für Brunner ist, dass nach den ethnischen Säuberungen in Tschetschenien von 1990 bis 1993 hunderttausende Russen, Ukrainer, Armenier, Inguschen verjagt, ermordet wurden.

Und zwar verjagt und ermordet von den Vätern, Brüdern und Männern der "Schwarzen Witwen" die jetzt wieder Unschuldige umgebracht haben - das hat den Einsatz der Arme erzwungen - das ist der Kontext, der dahinter steht!


Gemurr Gemurr
42
Gangster gibt es weit und breit

Politischer Terrorismus ist grundsätzlich ein anderes Thema. Er entsteht nicht von heute auf morgen, sondern beruht auf einer langen Leidensgeschichte. Irgendwann kippt dieses Leiden in ungebremste Aggression.

Alexei Pavlov
15
31.3.2010, 23:57

Wie es aussieht, wurde Frau Expertin auch gerne die Terroristinnen psychologisch betreuen.

Aber nur davor.

Oder auch danach, falls diese zufallig uberleben.

Nur mochte auf keinen Fall sie ihnen wahrend der Ausfuhrung ihrer Mission beistehen. Lieber wenn die anderen, die namenlosen FahrgastInnen oder Fu?gangerInnen, in dem Moment in ihrer Nahe sind.

Oder verstehe ich da etwas falsch?

Gemurr Gemurr
42
31.3.2010, 22:50
Entgegen den vielen ablehnend-abwertenden Postings

finde ich das Interview zumindest interessant. Auch ein Psychotherapeut oder Psychiater muss große Anstrengungen machen, um dem Problem des/der Klienten/Klientin auf den Grund zu gehen. Wo wird verharmlost und zu welchem Zweck sind entscheidende Fragen.

Parteinahme für die TerroristInnen sehe ich nicht, nur eine mögliche Erklärung für ihr handeln. Es gehört wohl zur Friedensforschung, sich mit den brutal Unzufriedenen auseinanderzusetzen.



Gemurr Gemurr
00
31.3.2010, 22:15
Die Waffen der Terroristen

haben eine erschreckende Entwicklung erfahren. Waren es zunächst Einzelattentate, folgten ferngezündete Bomben und schließlich Selbstmordkommandos. Seit relativ kurzer Zeit werden Frauen zu Terroristinnen - freiwillig oder gezwungenermaßen, also gewollt oder benützt. Das verstößt gegen das biologische Grundprinzip, dass Frauen Leben spenden und fördern (Krankenschwestern, Altenpflege), und nicht zerstören. Das sitzt tief. (Zur Erinnerung: der Aufschrei gegen weibl. Personal im Bundesheer.) Das macht den Schock über die Metro-Attentate noch größer.

Timagoras
 
57
31.3.2010, 18:58
"Terroristen werden durch ihre mediale Darstellung ausschließlich als brutal und irrational gezeigt"


dabei sind sie ja weder das eine, noch das andere.

das hinmorden von dutzenden oder gar hunderten menschen ist doch nicht "brutal und irrational", sondern sanft und rational.
eine frechheit, dass diese guten menschen, die doch nur auf missstände aufmerksam machen wollen, in den medien immer so negativ dargestellt werden.





geht's noch?????



ich kenne übrigens etliche traumatisierte Tschetschenen und Tschetscheninnen, die unfassbares leid erfahren haben - und trotzdem keine massenmörderInnen wurden!

Nick Not
00

naja, aber es steht doch weiter ".. um dadurch ihre politischen Ziele unsichtbar zu machen.". Dieser Zusatz ist nicht so unwichtig. Rational bedeutet ja nicht, dass man gut handelt, sondern dass man sich was überlegt, Alternativen auslotet etc. bevor man was macht. Brutal ja, aber irrational, ich mein schon allein um das zu organisieren muss man irgendwie rational an die Sache rangehen.

Wenn man diese ganze Tat ausschließlich durch persönliche Rache erklären will, würde man die Tat aus der Perspektive der Täterinnen wirklich verstehen bzw. nachvollziehen können? Das ist mM nach die wichtige Frage. Selbst wenns "nur" Rache war, wie ist die Rache entstanden, etc. und irgendwann werden sie halt bei militärischen,politischen Fragen landen.

DieBo
32
31.3.2010, 21:44
75% der europäischen Bevölkerung wollten auch keinen Afghanistan Krieg. Sie durchschauten den Kampf gegen den Terror als das was er ist, als Kampf um Ressourcen. Auf diese NATO Agression musste Russland reagieren.

Und darunter leiden jetzt ihre Tschechenen. Bloß einige ziehen es wohl eher vor nicht mit ihnen zu quatschen sondern zu handeln. Veranstalten brutale Verzweiflungstaten damit wir endlich aufwachen. Ich bezweifle das sie, Timagoras, jemals aufwachen.

Timagoras
 
41
31.3.2010, 23:15
"Und darunter leiden jetzt ihre Tschechenen"


Sie wissen nicht mal, wie das land bzw. die menschen dort heißen.

aber die NATO ist schuld am leid der - wie nannten sie sie? - "Tschechenen"?

und die russische regierung musste auf den Afghanistan-krieg (den die Russen übrigens begonnen haben!) mit der beinahe-vernichtung Tschetscheniens reagieren???

Sie haben sich mal wieder selbst untertroffen ...

Chukche
43
31.3.2010, 19:40
Das ist doch etwas aus dem Kontext gerissen

Es geht doch hier darum, dass in einer Situation der Ohnmacht - Terror eben nicht verhindern zu können - diese Gewalt als brutal und irrational zu bezeichnen, um die Attentäter rhetorisch aus der Gattung zivilisierter Mensch auszuschließen und sich so der (etwas naiven) eigenen, vermeintlichen, Gewaltaversion, die den friedlichen Westen charakterisieren soll, zu versichern.

Und den Terror heißt sie ja nicht gut und fordert auch nicht, dass man die Attentäter glorifizieren soll. Es geht ihr doch um die mediale Inszenierung eines schlichtweg Anderen, das die Analyse der Gründe für diese Gewalt überdeckt und verhindert.

mistvieh666
 
01
31.3.2010, 22:06

analyse:
es gibt in tschetschenien mehrere mafiaclans, die sich die herrschaft ueber das land mit der russischen armee teilen. du hast bei so einen mafiaclan einen job, oder nicht. wie im zaristischen russland tun sich die adeligen gegenseitig nicht weh und lassen die bauern sterben, putin ist kein richtiger erloeser aber wenigstens ein ganz kleiner prophet.
das wars dann auch schon.
traumatisiert? wie die meisten oesterreicher war ich schon ein paar mal im leben so im dauerstress, dass ich kein emotionales problem damit gehabt haette viel menschen zu toeten. wir tun das aber nicht. seltsam.
als selbsternannter kriegsforscher find ich friedensforscher so was von abgehoben.

Chukche
20
31.3.2010, 23:40

Und auf welcher Ebene kritisieren Sie jetzt das, was ich geschrieben habe?
Auf der Ebene desjenigen, der sich einbildet, in einer Situation gewesen zu sein, in der er zum Mörder hätte werden können - oder auf derjenigen des Geschockten angesichts der Verwüstung durch Terror?
Kleine Notiz am Rande - ich befinde mich auf letzterer!

Chukche
32
31.3.2010, 18:32
Dass der Schock noch zu tieg sitzt,

um etwas ehrlicher zu reflektieren, ist verständlich. Nur will mir nicht in den Kopf gehen, weswegen die Thesen von Frau Brunner als skandalös dargestellt werden. Nicht Ihre Aussagen, sondern die Zustände sind skandalös. Attentäter zeigen doch im Grunde dies: Ihr, die Ihr Euch im Westen sicher fühlt, seid verletzlich und ich kann Euch töten. Genau diese Disposition zum Töten macht sie zu Menschen und nicht zu Monstern. Denn Menschen, historia docet, tun so etwas. Dass sie töten um uns zu zeigen, dass sie töten können, ist in sich schon ein politischer Akt - weil wir und die Medien ihn so lesen und deuten. Warum sollte Rache vorpolitisch sein?Als Akt von Kommunikation ist er in unserer Gesellschaft doch gerade deshalb politisch!?

Der Waehlerwille
 
17
31.3.2010, 18:19
es wäre also in ordnung wenn russische soldatenwitwen

sich in tschetschenengruppen in die luft sprengen würden?

wenn frauen aus rivalisierenden clans .. die jeweils durch den anderen menschen und angehörige verloren haben dies tun würden?

THE MGT.
53
31.3.2010, 21:23

Nein. Und niemand hier - auch nicht Fr. Brunner - behauptet, es wäre "in Ordnung" wenn Tschetscheninnen sich und die Unbeteiligten in der Moskauer U-Bahn töten.

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