Wirbelketten, die durch Körperteile schlingern

30. März 2010, 17:41
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Franz Graf hat eigene Arbeiten aus drei Jahrzehnten stimmig arrangiert

Krems - Rhythmus - es ist ein Stück mit verschiedenen Tempi, das Franz Graf in Krems zur Aufführung bringt: 270 Arbeiten hat der 53-Jährige in vier Räumen zu einer Gesamtkomposition arrangiert. Anfang? Ende? Das spielt hier in dieser Dichte, wo ein Blatt das andere ergänzt und kommentiert, keine Rolle mehr, vielmehr verschmelzen im Graf-Kosmos Raum und Werk miteinander.

Ornamentale Serien auf Papier sind wie ein Stakkato in A4 an die Wand gepflastert. Die papierenen Freunde, je nach Art ihrer Verwahrung mehr oder weniger vergilbt, formen Gruppen, oder besser: kurze Strophen. Wenn Zeichnungen einen Geist hätten, sie wären sich der Verführungsgewalt ihrer Linien, der einlullenden Wirkung ihrer Ornamente und der meditativen Kraft ihrer konzentrischen und symmetrischen Bildkonzeption bewusst.

Nebenan klammern sich kleinere Zeichnungen - Figuratives, Vegetabiles, Geometrisches und deren Zwitterwesen gemeinsam mit Typografie und Wortgedichten - eng und unruhig an den Türstock. Danach Innehalten in Form eines Stückchens weißer Wand. Eine Lücke schweigend wie leere Buchseiten. Es folgen große Leinwände, zum hellen ruhigen Block gefasst oder zum Fries gebundene Quer- und Hochformate.

Das Schwarz und Weiß, auf das sich Graf beschränkt und das er einmal zugunsten des Lichten, ein andermal zugunsten des Dunklen ausfallen lässt, verdichtet den Gedanken an Rhythmen: Franz Graf ist bildender Künstler und Musiker. Neben seiner umfassenden, drei Schaffensjahrzehnte widerspiegelnden Personale hat Graf in der Kunsthalle für das Donaufestival ein Setting entworfen:Das Kremser Festival elektronischer Musik hat damit nun eine weitere Spielstätte und hofft auf kunstaffine Publikumsschichten. Grafs Installationen in der zentralen Halle dienen ab 28. April den gemeinsam mit Franz Pomassl geladenen isländischen Sound- und Performance-Künstlern (u. a. Matmos, Magnus Arnason, Auxpan) als Bühne.

Die Geräusche und Sounds in Grafs Ausstellungen animiert dieser allerdings in den Köpfen der Betrachter: Für Säuseln sorgen Eidechsen und Lurche oder durch verschiedenste Körperteile schlingernde Wirbelketten. Ein Wabern, das jede Frage nach Datierung der einzelnen Blätter und Objekte vertreibt. Farbe kommt hie und da auf Fotografien ins Spiel. Geradezu spürbare Akzente setzen im Raum arrangierte Objekte: Quaderformen befreien seine ornamentalen Zeichnungen von ihrer Verhaftung mit der Wand, ein seiner Sitzfläche verlustig gegangener Sessel aus Eisenrohr wird zur Linie im Raum, ein Haufen schwarzer Spielzeugskelette verflacht sich zum lichtschluckenden Muster. Letzteres korrespondiert mit dem ins Frauenhaar eingeflochtenen Rückgrat (Komm Lieber. Feuer fließt mir im Haar): Muster, die sich in den Körper einschreiben. "Das Ornament, das heute geschaffen wird, hat keinen Zusammenhang mit uns, hat überhaupt keine menschlichen Zusammenhänge, keinen Zusammenhang mit der Weltordnung" , schrieb Adolf Loos in Ornament und Verbrechen (1908). Der Mensch ist Ornament, scheint Graf gut hundert Jahre später zu antworten. Aber Grafs "Philopoesie" formuliert keine klaren Sätze, sondern wirft einem Brocken hin:Schwarz Heute Jetzt Habe Dass Schon Fast Vergessen. Der Ausstellungstitel gibt eine Kostprobe.

Franz Graf, der neokonzeptuellen Generation Zobernigs, Koglers oder auch Kowanz' (mit der er von 1979 bis 1984 eine künstlerische Symbiose einging) zugehörig, erzählt über das Wesen des Seins: über Leidenschaften, über Scheitern und auch den Tod. Das kann man nicht nur sehen, sondern auch spüren und hören. (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 3. 2010)


Bis 27. 6.

  • Minimalausschnitt aus Franz Grafs Gesamtkomposition "Schwarz Heute
Jetzt Habe Dass Schon Fast Vergessen" für Krems.
    foto: franz graf

    Minimalausschnitt aus Franz Grafs Gesamtkomposition "Schwarz Heute Jetzt Habe Dass Schon Fast Vergessen" für Krems.

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