Hymnen für die ewige Jugend

30. März 2010, 17:18
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"Es ist einfach Rockmusik": Die deutsche Rockband Tocotronic begeisterte in der ausverkauften - und entfesselten - Wiener Arena

Wien - Wenn die Hamburger Wahlberliner von Tocotronic in Wien spielen, dann ist es wie ein Heimspiel. Auch nach über 15 Jahren werden die Bandmitglieder von ihren Fans wie obergscheite Kumpels gesehen - selbst wenn sie mittlerweile nicht nur vom Trio zum Quartett, sondern auch von einer ungestüm rumpelnden Adoleszenzkapelle zu einer der respektiertesten Formationen der deutschen Rockmusik gewachsen sind.

Klar, die musikalischen Vorbilder sind noch immer im US-Indie-Rock des letzten Jahrtausends zu finden, und die Lust am gepflegten Zitat ist nach wie vor ungebrochen, doch wird dies alles heutzutage viel dezenter zum Vortrag gebracht. Da lassen sich auf dem aktuellen Album Schall und Wahn durchaus auch Streicher hören, während Sänger Dirk von Lowtzow in seinen Texten immer abstraktere Pfade beschreitet.

Live gilt gemäß einem alten Songtitel allerdings immer noch das Motto "Es ist einfach Rockmusik" . Das bekam auch das Wiener Publikum zu spüren, als die Band am Montag ihren ersten von zwei ausverkauften Terminen in der Arena absolvierte. Tocotronic wiederum konnten die geballte Zuneigung ihrer Fans genießen, eröffneten ihr Set passend mit Eure Liebe tötet mich, der ersten Nummer des aktuelle Albums. Der charismatische Frontman von Lowtzow, der sich abseits von Tocotronic mittlerweile auch mit bildender Kunst beschäftigt, führte freundlich und doch nie anbiedernd durch den Abend. Ein großer Sänger wird er nie werden, dafür hat er sich mittlerweile einen etwas theatralischeren Vortragsstil angeeignet, der auf Platte ebenso funktioniert wie im entfesselteren Rahmen eines Konzerts. Ansonsten präsentierte sich die Band so jugendlich wie eh und je, die Seitenscheitel sitzen wie mit Mitte 20 und die Hosen ebenso.

Das zu Beginn präsentierte neue Liedgut wurde vom treuen Publikum so textsicher wie erfreut aufgenommen. Einer Sloganhaftigkeit, insbesondere der früheren Texte, verdankt die Band zweifelsohne einen Großteil ihres Ruhms, daher ist es auch wenig verwunderlich, dass die Stimmung einen ersten Höhepunkt erreichte, als Aber hier leben, nein danke erstmals unverhohlen zum lauten Mitskandieren einlud.

Mit dem Teufelchen Nostalgie

Das stets auf die alten Jugendhymnen hoffende Teufelchen Nostalgie kam so im Mittelteil des Konzerts auf seine Kosten, wenn sich die vier Freunde Dirk, Jan, Arne und Phil der Geschichtsforschung hingaben. Ein Höhepunkt für viele Fans der Moment, als Sankt Arne, der Schutzheilige aller femininen Rundrücken, von seinem Schlagzeug herniederstieg, um mit leiernder Stimme zwei Pretiosen aus den mittleren Neunzigern zum Besten zu geben. Und dann natürlich Drüben auf dem Hügel, der Klassiker fortgeschrittener Pubertätsmelancholie, der nur noch deutlicher machte, wie diese Band in Sachen Emotionalität andere einst ebenfalls der sogenannten Hamburger Schule zugeordnete Bands in den Schatten stellt.

Mit drei aktuellen Stücken wurde die dramaturgische Klammer geschlossen und nach bravourös bestandener Pflicht schließlich die Kür von lautem Gitarrenfeedback eingeläutet. Nach den zwei offiziell eingeplanten Zugaben hatten große Teile des euphorisierten Publikums allerdings noch lange nicht genug und johlten bei bereits eingeschaltetem Saallicht noch so lange, bis ihre Jungs noch einmal auf die Bühne kamen, um dem nun endgültig finalen Pure Vernunft darf niemals siegen auch Rechnung zu tragen. Dass der harte Kern anschließend noch 15 Minuten um eine Zugabe bat, blieb folgenlos, das letzte Wort hatte das Sicherheitspersonal. Enttäuscht war da freilich keiner mehr.

Glückliche Kartenbesitzer können die Band übrigens am Mittwoch (31. 3.) noch im ebenfalls ausverkauften Linzer Posthof erleben. (Dorian Waller/DER STANDARD, Printausgabe, 31. 3. 2010)

  • Voller Einsatz: Dirk von Lowtzow bei der Arbeit, im Hintergrund macht es Arne Zank seinem Kollegen von Tocotronic gleich.
 
    foto: christian fischer

    Voller Einsatz: Dirk von Lowtzow bei der Arbeit, im Hintergrund macht es Arne Zank seinem Kollegen von Tocotronic gleich.

     

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