derStandard.at-Interview

"Russen müssen ohnehin Trägersysteme deaktivieren"

31. März 2010, 07:08
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    foto: chrisian fischer

    Heinz Gärtner: "Ein Zusammenhang zwischen Offensiv- und Defensivwaffen ist schwer abzustreiten – den gibt es seit Schwert und Schild."

Rüstungsexperte Heinz Gärtner erklärt im derStandard.at-Interview, was hinter dem neuen START-Abkommen steckt

US-Präsident Barack Obama hat am Freitag bekanntgegeben, dass er und sein russischer Amtskollege Dmitri Medwedew ein Nachfolgeabkommen zum START-Abrüstungsvertrag unterzeichnen werden. Dann fehlt nur noch die Ratifizierung in den Parlamenten beider Länder. Obama braucht dafür neben den Stimmen der Demokraten die sieben republikanischer Senatoren. Überraschend war, dass der umstrittene US-Raketenschutzschild in dem Dokument nur am Rand erwähnt wird. Rüstungsexperte Heinz Gärtner erklärt im Gespräch mit Berthold Eder, was dahintersteckt.

***

derStandard.at: Der neue Vertrag sieht vor, dass die Nukleararsenale gegenüber dem Moskauer Abkommen 2002 um 30 Prozent reduziert werden sollen. Allerdings sind die US-Anlagen SANDIA und PANTEX, in denen ausgediente Sprengköpfe recycelt werden, auf Jahre ausgelastet. Was geschieht  mit den Waffen, die nun reduziert werden?

Heinz Gärtner: Im Abkommen steht nirgends, dass Sprengköpfe vernichtet werden müssen. Die Waffen dürfen nur nicht einsatzbereit sein. Die Sprengköpfe werden also getrennt von den Trägersystemen eingelagert, können bei Bedarf aber wieder aktiviert werden.

derStandard.at: Wie wird die Abrüstung überprüft?

Gärtner: Der neue Vertrag sieht für jede Seite je zehn unangekündigte Inspektionen einsatzbereiter Raketen, acht Besuche in Lagern für Sprengköpfe und den Austausch telemetrischer Daten von fünf Testflügen pro Jahr vor.

derStandard.at: Im aktuellen Vorschlag werden nur 60 der 111 atomwaffenfähigen US-Bomber als einsatzbereit ("deployed") gelistet, ein Bomber, der bis zu 20 Bomben oder Cruise Missiles transportieren kann, wird als ein Sprengkopf gerechnet. Welche Vorteile hat die russische Seite von der neuen Übereinkunft?

Gärtner: Die Russen müssen aus finanziellen Gründen ohnehin einen Teil ihrer Trägersysteme deaktivieren. Deshalb können Sie diese Reduktion als Erfolg bezeichnen.

derStandard.at: Ist die Reduktion der Trägersysteme (also auch der Bomberflotte) in den USA innenpolitisch durchzusetzen? Obama braucht 67 Stimmen, ist also auf die Unterstützung zumindest von sieben republikanischen Senatoren angewiesen.

Gärtner: Der Vertrag ist für die USA äußerst günstig, weil die meisten Forderungen bereits erfüllt sind und eine Wiederaufnahme der Inspektionen russischer Nuklearanlagen ermöglichen. Man hat allerdings schon bei der Debatte um die Gesundheitsreform gesehen, dass sich die Republikaner nur darin einig sind, dass sie Obamas Programm ablehnen und ihm keine Erfolge gönnen. Obwohl mehrere republikanische Senatoren die Abrüstungsbestrebungen unterstützen, könnte es schwierig werden, den Vertrag durch den Senat zu bekommen.

derStandard.at: Warum sollte ein republikanischer Senator, der sich im November der Wiederwahl stellen muss, dafür stimmen, dass Obama "die Sicherheit der USA an die Russen verkauft"? Wird nukleare Abrüstung vor den Midterm Elections im November zum Wahlkampfthema?

Gärtner: Das Argument, dass Abrüstungsverpflichtungen die Weiterentwicklung von Waffensystemen behindern, wird sicher kommen. Auch die Zusage, dass sich beide Seiten bei der Entwicklung strategischer Abwehrsysteme zurückhalten sollen, wird heftig kritisiert werden.

derStandard.at: Wie konkret sind die Pläne, Abwehrsysteme in Bulgarien und Rumänien zu stationieren? Vize-Außenministerin Ellen Tauscher sagt, dass die ersten Raketen ab 2011 im Mittelmeer und dann 2015 in Rumänien und 2018 in Polen stationiert werden sollen, die Radarstandorte sind noch nicht fixiert.

Gärtner: Die Russen brauchen zwar keine Angst vor den taktischen Abwehrraketen haben, die Obama rund um den Iran und in Südosteuropa plant. Ein Umbau dieser Systeme, um gegen russische Raketen vorgehen zu können, ist allerdings technisch möglich, und ein Zusammenhang zwischen Offensiv- und Defensivwaffen ist schwer abzustreiten – den gibt es seit Schwert und Schild. (derStandard.at/31.3.2010)

Links

Federation of American Scientists: New START Treaty Has New Counting

Whitehouse.gov: Key Facts about the New START Treaty

RIA Novosti: New START treaty faces unclear future

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 51
1 2
klausenpown
02
31.3.2010, 18:09

Die USA könnten Atomwaffen in den Iran exportieren - die suchen nämlich. Würd gleich das Defizit reduzieren.

Fritz Wunderlich
00
31.3.2010, 15:38

träge systeme

Heimwerkerkönig
 
103
31.3.2010, 13:00
Der Raketenabwehschild bringt den USA nur dann einen Vorteil....

.... wenn man den Erstschlag ausführt.
Sprich, nachdem man beträchtliche Teile der russischen Raketenbasen zerstört hat, kann man den danach noch einsatzbereiten Rest (größtenteils) mit dem Raketenabwehrschild neutralisieren.

Nur, wieso sollten die USA einen Erstschlag gegen Russland führen?
Das, und somit die Angst der Russen vor dem Abwehrschild, konnte mir noch niemand schlüssig erklären.

il padrino
00
16.12.2010, 10:44

russland ist so groß, die können seit Christopher Columbus auch andersrum schießen ....

Prof. Wolf
01
31.3.2010, 20:00
Also sie ganz Schlauer

Russland hat eine Fläche von 17 Millionen 098 Tausend 242 km², die Amis haben momentan um ca. 3000 Nuklearraketen weniger als die Russen. Die zu zerstören dürfte nicht möglich sein
a) da die Amis zu wenig Feuerkraft (die konventionellen Waffen eingerechnet)
b) zu wenig Geld haben
c) Russland selbst Verteidigungswaffen hat
...
Russland wäre selbst nach einen Erstschlag noch stark um zurück zu schießen, Amerika hätte China am Hals. Die Wahrscheinlichkeit eines Erstschlags egal von welcher Seite ist gleich 0. Sonst wäre dieser Krieg wohl nicht kalt gewesen und wir würden hier wohl nicht schreiben!

johnnycash
 
00
31.3.2010, 18:06

Schon mal was von Ubooten gehört?

NONE
00
31.3.2010, 15:25

Es geht hier um theoretische Spiele, nicht um reale Fälle.

Direkte Konfrontationen wird es nicht geben.

Aber indirekte, wo kleinere Länder leiden müssen, sehr wohl.

Das war schon immer so.

Clemens Gruber1
 
41
31.3.2010, 16:53
Dynamik

Ich glaube Herr Heimwerkerkönig sollte besser bei seinen Werkzeugen bleiben, ihm fehlt anscheinend das grundlegende Verständnis für die Dynamik solcher Handlungen.

Der kalte Krieg wird wieder angeheizt, Russland fühlt sich provoziert und wird ebenfalls "Raketenabwehrschilde" an den Landesgrenzen positionieren.

Man denkt, der Aufrüst-Wahn sei überwunden, aber man wird auch mit Obama eines besseren belehrt, die imperialistische Natur seines Staates gefällt eben auch diesem Präsidenten sehr gut.

solandre
 
00
5.11.2010, 04:41
rüsten hat eben seine eigene dynamik. das hat nur bedingt mit der politischen richtung von obama zu tun. rüstungsstrategie wird durch den worst case bestimmt und der worst case wiederum durch den worst player.

selbst wenn die chinesen sich auf ihre wirtschaft konzentrieren und die russen gas exportieren wollen genügt es, wenn ein iraner labil genug erscheint zb nuklearwaffen gegen israel einzusetzen. das ist der worst case, deshalb raketenschild. dann ist der worst case für die russen wiederum, dass ihre doomsday-maschine (ihr vergeltungsarsenal gegen die usa) teilweise unwirksam wird. also müssen sie irgendwie darauf reagieren .... etc etc etc ... ein gleichgewicht oder gar deeskalation ist dabei nur mit viel fingerspitzengefühl und guter kommunikation zu erreichen. und einmal erreicht, genügt eine kleine änderung und alles muss neu arrangiert werden. ... deeskalation ist eine sauharte arbeit die vielen zu aufwendig ist.

Heimwerkerkönig
 
33
31.3.2010, 18:08
Ist ein Aufrüstwahn,...

... mit Abwehrsystemen nicht besser, als einer mit Nuklearsprengköpfen, die man, wie man sieht, zurzeit reduziert bzw. einmottet?

Russland fühlt sich seit jeher von allem und jedem eingekreist und provoziert.
Die armen missverstandenen Russen. Wo doch in den letzten 100 Jahren so viel gutes aus Russland gekommen ist....
Und Leute wie du, finden Russland nur deshalb so toll, weil ihr die USA nicht mögt.
Immer nach dem Motto, "der Feind meines Feindes ist mein Freund".
Ich finde beide Staaten letztklassig, was bei mir für eine gewisse Ausgewogenheit sorgt.

Und diese Untergriffe bezüglich des Postingnamens, sind einfach nur arm.
Man muss intellektuell schon ziemlich vernagelt sein, wenn man meint solche Mittel nötig zu haben.

a b1
20
11.4.2010, 15:15
Gut geschrieben

Deshalb jetzt ein Zuckerl, nämlich einen Denkansatz, warum der "Raketenabwehrschild" die Russen trotzdem beängstigen könnte:

1.) Dieser ist weiterentwickel- und ausbaubar.

Wenngleich zum jetzigen Zeitpunkt nur wenige Raketen abgefangen werden könnten, kann bei weiterer Entwicklung bis hin zu einer Quote von 100 % alles möglich sein.

2.) Russlands Macht baut auf Atomraketen

Wenn diese Bedrohung eingeschränkt ist, lassen sich weniger Staaten von Russland einschüchtern, was sich dann in weiten Bereichen (auch Wirtschaft) auswirken kann.

Artischoke
00
31.3.2010, 15:03

Naja die ganze Geschichte mit dem nuklearen Gleichgewicht des Schreckens ist momentan nicht sehr konkret. Trotzdem bestehen die Nuklearmächte, vor Allem USA und Russland, darauf hier nicht an Potenz zu verlieren.

Alle Argumente, die Russland dazu bringen sein Nukleararsenal nicht überwiegendst einzuschrotten (ohne dafür Zugeständnisse von anderen zu verlangen), bringen Russland auch dazu den Abwehrschild zu hassen. Und die Tatsache, dass es Abrüstungsverträge gibt, zeigt schon dass damit zumindest am bisschen politisches Kleingeld machbar ist.

Bitte nicht hinterm Gartenhaus.
02
31.3.2010, 14:50

Ich glaube da gehts vor allem darum, dass die Russen keine (neuen) US-Waffen so nahe an ihren Grenzen wollen. Das und das Erstschlagsargument, obwohl selbiges natürlich lächerlich ist: Erstens, warum sollten die USA einen Schlag gegen Russland führen? Es gibt dafür einfach keinen Grund. Und zweitens sind diese Abfangsysteme sowieso höchst fragwürdig, was die Erfolgschancen angeht. Wenn 5000 russische ICBMs starten, hat das keine Chance (vor allem, weil die im Gegensatz zu allen anderen Raketen eine ballistische Bahn über den Nordpol nehmen). Das würde es in den USA mehr Sinn ergeben, wenn sie wieder runterkommen.

Die 'Bedrohung' durch den Iran kaufe ich nicht. Meine Vermutung: Waffenindustrie sponsern und die Präsenz erhöhen.

NONE
00
31.3.2010, 15:25

Es geht aber nicht nur um das "Austricksen" eines Schildes.

Es geht um das Ausweiten der Interessenssphäre.

CaptainMaxwell
52
31.3.2010, 12:51

1.) Danke lieber Standard - mittlerweile beginnt ihr doch ein bisschen zu denken und übernehmt den Jubelmüll vom Obama nicht 1:1. In Wirklichkeit ist der Vertrag nämlich noch lächerlicher.

2.) Bitte lieber Standard - hört auf den Gärtner zu interviewen. Was den zum Experten qualifiziert weiss ich bis heut noch nicht.

teukros
01
31.3.2010, 13:47
Naja

in Österreich gibts leider nicht wirklich IB Experten, da gehört der Gärtner noch zu den Guten.

Fritz Wunderlich
11
31.3.2010, 14:30

sic

Info Service
00
31.3.2010, 12:42
Video des Standard Gesprächs: A world free of Nuclear Weapons?

Mit Heinz Gärtner, Glyn Davies (US-Ambassador), Markus Kornprobst (Diplomatische Akademie), Alexander Kmentt (CTBTO), moderiert von Christoph Prantner (DER STANDARD), leider vom Ton in suboptimaler Qualität, hier zu finden auf etalks.tv:

http://etalks.tv/blog/2010... r-weapons/

Stephan Schaefer
 
00
31.3.2010, 12:03

Falsche Logik im letzten Satz!

Abfangschirme gegen iranische Raketen sollten NAH an Iran postiert werden und nicht nah an Russland in Europa!

Wenn es keine ballistischen sondern gesteuerte Raketen im Abwehrschirm sind, dann lassen sie sich sehr leicht auch in andere Richtungen als Iran steuern.
Sind es ballistische so lassen sie sich auch leicht drehen, was im Endeffekt das gleiche bedeutet.

Mfg

Tompkins, Mr. Tompkins
 
00
31.3.2010, 13:23
Wann denken Sie haben ...

... Sie mehr Zeit, um auf einen Raketenstart zu reagieren: Wenn Ihre Rakete in der Nähe der Startposition aufgestellt ist, oder nahe des Zielorts?

Ahner von Bösem
 
00
31.3.2010, 14:34
Nahe an der Startposition

Danach geht eine Interkontinentalrakete ins All, wo sie nicht zu treffen ist, und kann erst nach dem Wiedereintritt wieder getroffen werden, was aber nicht attraktiv ist, da sich dann schon die Sprengköpfe trennen.

Andreas S.
00
31.3.2010, 21:34

In der brennphase waere sie am leichtesten zu treffen, die ist aber nach 90-110 sekunden vorbei. (gross und heiss). Da hat sie den iran nicht mal noch verlassen. bzw die gegen rakte kann sie noch nicht erreicht haben.

Dann fliegt nur mehr der warhead.

der ist im all leichter zu treffen, am apogaeum ist er am langsamsten und er fliegt ballistisch (kann die richung nicht aendern).

Nachteil die abfangrakete muss auch goss sein um die hoehe zu erreichen, kann sich aber zeit lassen (10-20min).

Natuerlich gibt es einen plan b sollte plan a versagen um das teil dann beim widereintritt zu erwischen (zb arrows2 oder PAK3).

Tompkins, Mr. Tompkins
 
00
31.3.2010, 15:17
Iranische ...

... Interkontinentalraketen?

Clemens Gruber1
 
00
31.3.2010, 16:58

Na was jetzt, entweder man rechnet mit Interkontinentalraketen (-> Schild nahe bei Startposition) oder man rechnet nicht damit (gar kein Schild!) in keinem Fall aber sollte ein Schild welches jederzeit mit Offensivwaffen bestückt werden kann, so nah wie möglich zum ehemaligen Erzfeind hin positioniert werden.
Außer man möchte genau diese Effekte haben, die dadurch entstehen und uns wieder dorthin bringen wo wir schon einmal waren.

Tompkins, Mr. Tompkins
 
00
31.3.2010, 17:24
Fräulein ich hätte gere ...

... "Einmal die ideologische Scheuklappen beseitigen" bitte.

Die Betonung liegt auf "ehemalig".

Und warum darf ich mich vor ICBM fürchten, vor MRBM nicht?

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