Stadt setzt Audimax-Obdachlose auf die Straße

31. März 2010, 12:40
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Notquartier schließt mit Ende April - Die Caritas feilt an einer Dauerlösung für EU-Obdachlose, die Stadt Wien ziert sich aber

Der Winter war lang und kalt. Im November und Dezember suchten viele Obdachlose im Audimax der Universität Wien Unterschlupf, das zu dieser Zeit von Studenten besetzt wurde. Kurz vor Weihnachten wurde das Gebäude allerdings geräumt und die Studentenproteste für beendet erklärt. Damit die Obdachlosen nicht auf der Straße stehen, wurde für sie die Möglichkeit geschaffen, in einer Notunterkunft unterzukommen, nämlich im Caritas-Haus St. Josef in der Lacknergasse in Wien-Währing.

Im Gegensatz zu beispielsweise der Gruft in Wien-Mariahilf sollten dort auch wohnungslose EU-Bürger übernachten können. Untertags wurden die Obdachlosen auch im Haus Hermes der Stadt Wien und in einer Einrichtung des Roten Kreuzes im 10. Bezirk aufgenommen. "Die Leute haben sich gut integriert", berichtet ein Sozialarbeiter, der seinen Namen nicht nennen will, im Gespräch mit derStandard.at.

Im Haus St. Josef haben das Angebot insgesamt 210 Personen seit Ende Dezember in Anspruch genommen. Die meisten Wohnungslosen kamen aus Rumänien, gefolgt von Polen, der Slowakei und Ungarn (siehe Grafik).

Wohnungslose müssen wieder raus

Mit Ende April müssen die Obdachlosen allerdings wieder auf die Straße. Immerhin schneit es nicht mehr und die Temperaturen sind gestiegen. Weil der nächste Winter bestimmt wieder kommt, wird jetzt an einer Dauerlösung gefeilt: Es soll eine dauerhafte Unterkunft geschaffen werden, die im Herbst ihren Betrieb aufnehmen soll, wo Wohnungslose, die nicht aus Österreich kommen, übernachten können.

Die Caritas hat ein Konzept für diese "2. Gruft" für obdachlose Menschen erstellt. Jedoch reichen die finanziellen Mittel nicht aus und deswegen ist die Caritas auch jetzt wieder auf Unterstützung der Stadt Wien angewiesen. "Die Gespräche mit dem Fonds Soziales Wien verlaufen diesbezüglich sehr positiv und im Laufe des Jahres soll es eine gemeinsame Lösung geben. Darüber sind wir sehr froh, weil wir die Finanzierung rein aus Spendenmitteln nicht schaffen", sagt Michael Zikeli, Caritas-Leiter für Asyl und Integration im Gespräch mit derStandard.at.

Quartier für jeden, egal welcher Herkunft

Notwendig ist aus Sicht der Caritas zumindest ein befristetes (Nacht-)Notquartier um niemanden, egal welcher Herkunft, auf der Straße stehen zu lassen. Die Situation der hilfesuchenden Menschen soll abgeklärt werden, deshalb sieht das Konzept unter anderem ein verpflichtendes Beratungsangebot vor, damit die Betroffenen auch wieder den Weg aus der Obdachlosigkeit schaffen.

Ausgeschlossen wird seitens der Caritas nicht, dass sie den Wohnungslosen empfehlen werden, Österreich wieder zu verlassen: "Leider ist es manchmal auch notwendig, dass wir die hilfesuchenden Menschen enttäuschen, wenn wir ihnen klarmachen, dass es für sie keine Perspektiven in Österreich gibt. Hier soll auch eine Rückkehrberatung greifen", sagt Zikeli. Zum Teil sollen dann Fahrscheinkosten für die Heimreise übernommen werden.

Stadt Wien zögert

Einigung mit der Stadt Wien wurde allerdings noch keine erreicht. Während man bei der Caritas guter Dinge ist, gibt sich der Fonds Soziales Wien noch sehr zurückhaltend. Florian Winkler vom Fonds Soziales Wien sagt im Gespräch mit derStandard.at: "Wir haben laufend Gespräche mit der Caritas und die sind sehr konstruktiv. Im konkreten Fall haben wir das Konzept, das die Caritas hier anspricht, noch nicht, werden aber dennoch in den nächsten Tagen diesbezüglich Gespräche führen." Und diese Gespräche, da ist Winkler überzeugt, werden zielorientiert verlaufen.

Sozialarbeiter "müssen Drecksarbeit machen"

Die Sozialarbeiter in den Notunterkünften fühlen sich jedenfalls vor den Kopf gestoßen. Sie nämlich sind diejenigen, die die Delogierung vollziehen und die Wohnungslosen im April auf die Straße setzen müssen. "Wir müssen jetzt die Drecksarbeit machen", sagt ein Sozialarbeiter im Gespräch mit derStandard.at. Seit Jahren sei bekannt, dass es keine Lösung für Obdachlose aus den EU-Ländern gibt. Vor Weihnachten sei nur eine kurzfristige Entscheidung getroffen worden, um schnell wieder aus den Medien zu kommen.

Grüne "völlig entsetzt"

Kritik kommt auch von den Grünen. Die Sozialsprecherin der Wiener Grünen, Heidi Cammerlander sagt im Gespräch mit derStandard.at: "Man kann sich nur fragen, was die Stadtregierung denn überhaupt will. Wie kann man die Obdachlosen auf die Straße setzen und gleichzeitig das Bettelverbot beschließen?" Cammerlander zeigt sich "völlig entsetzt" und fordert von der Stadt Wien, die Notunterkünfte weiter zu finanzieren. (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 31.3.2010)

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    Die Obdachlosen aus dem Audimax wichen in eine Notunterkunft in Wien-Währing aus.

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    Das Haus St. Josef der Caritas bietet allerdings nur bis Ende April Unterschlupf.

  • Die meisten Obdachlosen, die in der Notunterkunft übernachten, kommen aus Rumänien. Insgesamt haben seit 21. Dezember 210 Personen im Haus St. Josef übernachtet. Jede Nacht sind es rund 40 Personen.
    grafik: caritas

    Die meisten Obdachlosen, die in der Notunterkunft übernachten, kommen aus Rumänien. Insgesamt haben seit 21. Dezember 210 Personen im Haus St. Josef übernachtet. Jede Nacht sind es rund 40 Personen.

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