Garantiert keine Zauderer

30. März 2010, 14:57
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Helge Hesse beschreibt in seinem neu aufgelegten "Personenlexikon der Wirtschaftsgeschichte" 900 Biografien aus vier Jahrtausenden

Bei einem "Personenlexikon der Wirtschaftsgeschichte" muss man gehörig aufpassen, dass man sich nicht zu sehr verfranzt, wenn man die Aufnahmekriterien etwas aus den Augen verliert. Helge Hesse gab schon 2003 ein "Ökonomen-Lexikon" heraus, beschränkte sich dabei auf 600 Namen und verzichtete bewusst auf noch lebende Menschen. Nun legt Hesse im Stuttgarter Schäffer-Poeschel Verlag eine zweite Auflage vor, und zwar unter dem oben erwähnten neuen Titel und mit einem Zuwachs um 300 - teils noch quicklebendig unter uns weilende - Personen.

Entwicklungshelfer

Der neue Titel treffe die ursprüngliche Absicht des Werkes genauer, schreibt Hesse im Vorwort. "Zwar ist im weitesten Sinne jeder Mensch ein Ökonom, da er, ob er will oder nicht, ökonomisch handeln muss, doch verstehen wir im Allgemeinen unter einem Ökonomen einen Wissenschaftler, der sich mit Fragen der Wirtschaft beschäftigt. Da dieses Lexikon jedoch nicht nur jene versammelt, die Entscheidendes zur Entwicklung des ökonomischen Denkens beigetragen haben, sondern auch jene porträtiert, die wichtige Beiträge zur Entwicklung der Wirtschaft selbst leisteten, haben wir diese Titeländerung vorgenommen (...)." In der Folge wurde auch der Umfang auf die nunmehr 900 "Denker, Unternehmer und Politiker", wie es im Untertitel heißt, erweitert.

Eher nur in eine der letzten beiden Kategorien dürften dabei so Figuren wie Silvio Berlusconi, Hermann Göring (!), Stalin (!!) und Hitler (!!) fallen, die Hesse in seinem Buch ebenso porträtiert wie untadelige Vorbilder (Muhammad Yunus, Martin Luther, Milton Friedman, Thomas Morus), all-time-Geschichtsgrößen (Lenin, Krösus, Konfuzius) und jeweils mehrere Vertreter längst zum Mythos gewordener Familienclans (Fugger, Rothschild, Taxis, Medici, Krupp). Leicht ins Absurde droht das Werk dann beim Eintrag "Dagobert Duck" abzudriften. Der wurde ganz so geschrieben, als hätte ein "Entenhausener Unternehmer" dieses Namens, geboren 1867 in Glasgow, tatsächlich gelebt, inklusive Geldspeicher und allem. "1942 zog sich Duck aus dem Geschäftsleben zurück. Erst Ende 1947, er war bereits 80 Jahre alt, wurde er wieder tätig, häufig unterstützt von seinem Neffen Donald Duck und seinen Großneffen Tick, Trick und Track (engl. Hewey, Dewey und Louie)", erfährt man da. Nun ja.

Horch, Gates

Die anderen Einträge haben alle tatsächlich existierende bzw. gelebt habende Menschen zum Thema. An noch aktiven Unternehmern findet man etwa IKEA-Gründer Ingvar Kamprad, Apple-Chef Steven Jobs, sein Microsoft-Gegenüber Bill Gates oder auch den Inder Lakshmi Mittal, der im Jahr 2007 aus seinem Konzern Mittal Steel und dem europäischen Konkurrenten Arcelor den heute größten Stahlkonzern der Welt, Arcelor Mittal, schmiedete. Legendäre Figuren aus der deutschen Unternehmensgeschichte - Audi-Gründer August Horch, adidas-Gründer Adi Dassler (dessen Bruder, Puma-Gründer Rudolf, allerdings keinen eigenen Eintrag bekam), Rudolph Karstadt, Reinhard Mannesmann, TV-Mogul Leo Kirch und viele andere - fehlen in dem Buch genausowenig wie sozialistische Säulenheilige (Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Otto Bauer, Rosa Luxemburg) und die praktisch vollzählig versammelte Mannschaft der österreichischen Schule der Nationalökonomie: Carl Menger, Eugen von Böhm-Bawerk, Ludwig von Mises und natürlich Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek, um nur ein paar zu nennen.

Überhaupt findet man alle bisherigen Wirtschafts-Nobelpreisträger in einem eigenen Index im Anhang versammelt, inklusive kurzer Begründungen der Preisvergabe. Seitenangaben wären noch hilfreich gewesen, ihr Fehlen ist aber aufgrund der ohnehin alphabetisch vorgenommenen Reihung der Namen verschmerzbar.

Trotzki neben Trump

Diese lässt wiederum beim Durchblättern einige bemerkenswerte Nachbarschaften erkennen: Hermann Göring zwischen dem gebürtigen Warschauer Juden Samuel Goldfish (der später unter dem Namen "Goldwyn" zur Filmlegende wurde) und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow; der amerikanische Staatsrechtler und Friedensnobelpreisträger Thomas Woodrow Wilson zwischen dem englischen "Eroberer" König Wilhelm I. und der amerikanischen Revolver-Legende Oliver Winchester; Margaret Thatcher neben Thomas von Aquin, der griechische Reeder Aristoteles Onassis neben dem deutschen Autobauer Adam Opel, Rupert Murdoch neben Benito Mussolini, Leo Trotzki neben Donald Trump ...

Im Anhang des Buches befindet sich eine recht ausführliche "Zeittafel zur Wirtschaftsgeschichte", beginnend mit dem "Codex Hammurapi" 1750 v. Chr., danach werden auf zwölf Seiten die wichtigsten Begriffe und Denkschulen, etwa "Ordoliberalismus" oder "Utilitarismus", erklärt. Nach der schon erwähnten Liste der Nobelpreisträger folgt dann noch ein Quellenverzeichnis sowie ein Personen- und ein Firmenregister.

Hesses Buch eignet sich nicht nur als Nachschlagewerk vortrefflich, sondern ist auch ein tolles Buch zum Schmökern. Interessante Persönlichkeiten lassen sich darin entdecken, die man noch nicht oder viel zu wenig kannte, Literaturhinweise unter jedem Eintrag erleichtern den Beginn eines tiefergehenden Studiums zur betreffenden Person. (Martin Putschögl, derStandard.at, 30.3.2010)

  • Helge Hesse:Personenlexikon der WirtschaftsgeschichteDenker, Unternehmer und Politiker in 900 PorträtsISBN 978-3-7910-2647-3ca. 700 SeitenSchäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart39,95 Euro

    Helge Hesse:
    Personenlexikon der Wirtschaftsgeschichte
    Denker, Unternehmer und Politiker in 900 Porträts
    ISBN 978-3-7910-2647-3
    ca. 700 Seiten
    Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart
    39,95 Euro

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