Bettelverbot in Wien: Shoppen ohne Lazarus

29. März 2010, 20:04

Alle atmen erleichtert auf, weil Wien nun eine bettlerfreie Stadt ist: Man kann jetzt unbehelligt von Elendsbildern durch die Einkaufsstraßen bummeln - Aber wir sollten uns wenigstens dafür genieren

Im Lukasevangelium steht die Geschichte vom Bettler Lazarus, der am Ende im Himmel landet, der reiche Mann dagegen, der ihm zu Lebzeiten nichts gegeben hat, in der Hölle. Dieser letztere ist ein Unsriger. Wir geben den Bettlern auch nichts. Im Wiener Landtag wurde dieser Tage ein Gesetz verabschiedet, das analog zu anderen Städten das "gewerbsmäßige" Betteln in der Stadt verbietet.

"Gewerbsmäßiges Betteln", im Gegensatz offenbar zu Hobby-Betteln oder Betteln "zur Überwindung einer momentanen Notlage", wie ein Polizeivertreter im Fernsehen erläuterte, ist gewissermaßen Betteln als Hauptberuf. "Aggressiv" und "organisiert" betteln oder betteln mit Kindern oder innerhalb einer Bannmeile um Schulen oder Kirchen darf man ohnehin schon lange nicht mehr, wobei schon bittend ausgestreckte Hände als aggressiv gelten.

In der Wiener U Bahn gab es vor einiger Zeit eine Lautsprecherdurchsage, die die Fahrgäste aufforderte, Bettlern nichts zu geben. Unbarmherzigkeit, amtlich empfohlen. Folgerichtig sind die knienden oder stehenden Gestalten mit ihren Pappbechern aus der Wiener Innenstadt jetzt vollends verschwunden. Die Saison beginnt, die Touristen kommen, die Bettler sind weg.

Niemand vermisst sie. Denn es stimmt, der Anblick von Armut und Elend stößt uns ab. Er irritiert uns, beunruhigt uns, erweckt Schuldgefühle, Angst und Abscheu. Mein täglicher Weg durch die Bettlermeile im Zentrum der Bundeshauptstadt glich in letzter Zeit einem Slalom. Ich wechselte von einer Straßenseite auf die andere, um das Vorbeigehen an den Bettlern zu vermeiden. Ich hatte eine Gabe für die alte "Bunte Zeitung"-Frau in meiner Straße bereit, aber das wars auch schon. Mehr, fand ich, war nicht drin. Ich war als Kind dazu angehalten worden, einem Bettler immer in die Augen zu schauen, wenn man ihm etwas gab, also: ihn als Person wahrzunehmen. Aber eben das fällt uns schwer. Einen Erlagschein ausfüllen, das ja. Aber einen wirklich armen Menschen anschauen? Das halten wir nicht aus.

Das Perfide dabei ist, dass Kronen Zeitung und Politik alles tun, um uns in dieser Haltung zu bestärken. Wir sollen ein gutes Gewissen haben, wenn wir die Bettler wegjagen. Fort mit ihnen. Geiz ist geil und Armut ein Vergehen, Gutmensch ist ein Schimpfwort und Hartherzigkeit Bürgerpflicht. "Bettlerunwesen" - das bedeutet Banden und Mafias, Arbeitsscheu, Selbstverstümmelung, Betrug, geheimnisvolle Bosse mit Mercedes im Hintergrund. Wer weiß, womöglich sind die Bettler gar nicht arm und auf jeden Fall selber schuld an ihrem Unglück. Zwischen Bettler und Verbrecher ist nach dieser Logik kaum ein Unterschied, analog der fließenden Grenze zwischen Asylwerbern und Kriminellen.

Wir sind nur allzu gern bereit, dieser Argumentation zu folgen. Alle atmen erleichtert auf, weil Wien nun eine bettlerfreie Stadt ist. Man kann jetzt unbehelligt von Elendsbildern durch die Einkaufsstraßen bummeln. Aber wir sollten uns wenigstens dafür genieren, statt der Unbarmherzigkeit auch noch die Selbstgerechtigkeit hinzuzufügen. Bettler Lazarus und sein Gegenbild, der reiche Prasser, lassen grüßen. (Barbara Coudenhove-Kalergi/DER STANDARD-Printausgabe, 30.3.2010)

  • 24.5.2012
    • Menschen im Warteraum [22]

      Ein "Termin" beim Bundesasylamt. Die Asylwerber zittern vor diesen Terminen, denn da geht es um die Schicksalsfrage: abgeschoben werden oder dableiben dürfen

  • 3.5.2012
    • Piraten-Mode [91]

      In Deutschland wurde vor dem Parteitag im Zeichen der Transparenz ein Antrag im Internet diskutiert, die Hauptdiskutanten hießen crackpille und penis

  • 19.4.2012
    • Museum Wien [5]

      Wien ist schön, reich, sicher und hat eine funktionierende Infrastruktur, nur sollte "die Seele der Stadt nicht verkauft werden"

  • 5.4.2012
  • 22.3.2012
    • Staatsdiener alter Schule [25]

      Früher waren Millionäre geehrt, wenn sie mit einem Hofrat oder Minister verkehren durften - Heute hat sich das ins Gegenteil verkehrt

  • 8.3.2012
    • Die Integrationslüge [123]

      Es lohnt sich , den allgegenwärtigen Begriff "Integration" genauer zu betrachten

  • 23.2.2012
    • Kampf um den ORF, Phase 2 [11]

      Nach dem Teilerfolg der Verhinderung eines SPÖ-gestützten Büroleiters für den Generaldirektor geht die Auseinandersetzung jetzt in eine neue Etappe: eine Reform der Gremien, insbesondere des Stiftungsrats

  • 8.2.2012
    • Der Monti-Effekt [28]

      Das italienische Beispiel zeigt: Die Leute haben genug vom Populismus

  • 26.1.2012
    • Demokratie im Zwielicht [50]

      Demokratie ist von allen schlechten Lösungen immer noch die beste, meinte Churchill - Selbst daran wird derzeit gezweifelt

  • 12.1.2012
    • Symbolfiguren [24]

      Wer als Österreicherin in den deutschen Medien die Christian-Wulff-Debatte verfolgt, kann sich eines gewissen Neidgefühls nicht erwehren

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 316
1 2 3 4 5 6 7
hema1
 
10
25.5.2010, 11:07
der Anblick von Armut und Elend stößt uns ab

So sollte es nicht sein!
Der Gedanke ist die größte Macht! So wie wir denken, so müssen wir leben. Wer keine Barmherzigkeit kennt, der wird keine erleben.
Das ist ein göttliches Gesetze.
Österreich war immer (und ist es noch) ein gutes und hilfsbereites Land mit guten und hilfsbereiten Menschen. So soll es auch bleiben, denn
DIE ERDE IST NUR EIN LAND UND ALLE MENSCHEN SIND BRÜDER UND SCHWESTERN!

http://www.hopeland.at

giftwitwe
10
26.4.2010, 19:54

wenn sich jemand genieren sollte dann die bettler.

t-bonesteak
02
gegen bettler sein und

gleichzeitig stillschweigend zu akzeptieren, dass wir von konsorten wie strache, grasser & co ausgenommen werden wie eine weihnachtsgans, ist ein armutszeugnis

sitting bull
42
30.3.2010, 23:23
Kein evangeliumspolitisches Problem sondern ein demokratiepolitisches, teil 2

Zitat Sybille Hamann im Heute vom 18.3. Teil 2:
"In einem demokratischenGemeinwesen ist die Irriterbarkeit der einen allerdings kein ausreichender Grund, um andere einfach des Platzes zu verweisen. Wie viel "Verwahrlosung" dürfte es denn sein, ehe man den Titel "Bürger" entzogen bekommt? UNd wer bestimmt das?"

Es ist zu klären, ob das, was unseren verarmten Mitbürgern und Mitbürgerinnen, die außer Betteln keine andere Möglichkeit mehr haben, um sich am Leben zu erhalten, hier passiert, mit den Menschenrechten zu vereinbaren ist.

Wir brauchen WIEDER demokratiepolitisches Bewußtsein. Denn UNSERE DEMOKRATIE WIRD TAG FÜR TAG ABGEBAUT...IM NAMEN VON SAUBERKEIT UND HYGIENE.....den SCHLÜSSELWÖRTERN DES FASCHISMUS.

Bevor es zu spät ist!




sitting bull
10
30.3.2010, 23:14
Kein evangeliumspolitisches Problem sondern ein demokratiepolitisches, teil 1

Ihre Kollegin Sybille Hamann wies in einem m.E. hervorragenden Gastkommentar im "Heute" vom 18.3 imZusammenhang mit Bettelverboten auf folgenden nicht evangelialpolitischen sondern demokratiepolitisch fundamentalen Umstand hin. Ich zitiere: "Es geht nämlich bei Bettelverboten nicht um die Ordnung unseren Privatgärten, sondern um den öffentlichen Raum. Der gehört allen. Es mag schon sein, dass manche Menschen durch ihr verwahrlostes Auftreten erhebliceh Verunsicherungen auslösen". Es mag auch sein, dass Punks, Polizisten, Pelzhaubenträgerinnen, kranke oder SPÖ-Funktionäre durch ihr jeweils spezifisches Auftraten Verunsicherung auslösen. (fortsetzung folgt gleich)

a las barricadas
05
30.3.2010, 18:59
na ja

da der 7te hieb, nach dem ersten und 19. bezirk, der reichste bezirk von wien ist, und dort vornehmlich jene wohnen, die grün wählen, also jene, die für das bettln sind, täte ich meinen, alle bettler den weg richtung siebner hieb zu weisen, wo sie die gstopften grünen um geld anbohren können und wo sie mit den grünwähler in harmonie und zufriedenheit leben können.

ohromat
00
26.4.2010, 20:52

ich wohne dort, bin ein "gstopfter grüner" und habe kein problem mit bettlern.
bitte schicken sie sie hierher, ich geben ihnen gerne geld,
- so wie ich auch ihr leben finanziere, indem ich pro monat mehr steuern und sozialversicherung zahle als sie wahrscheinlich in 10 jahren.

zwurbelbart
 
02
30.3.2010, 18:38
talfuchs
10
30.3.2010, 18:07
bettlern nicht in die augen schauen

erfordert weniger Härte als den bettlern in die augen zu schauen und dann einfach weiterzugehen. ohne die fähigkeit zu letzterem Verhalten bleibt man/frau allerdings lebenslang ein weichei.

Zenon
00
30.3.2010, 17:37

Ähnliches Thema:
http://www.mediengestalter.cc/wp-conten... rsula1.jpg

Ich habe mir noch keine Meinung zum Bettelverbot gebildet, möchte mich aber vorweg gegen den Vorwurf verwahren, ich würde mich hauptsächlich deshalb durch BettlerInnen gestört fühlen, weil sie Schuldgefühle weckten.

ulkike
01
30.3.2010, 17:16
Schau dem Bettler in die Augen ...

... das hat schon jemand in diesem Forum formuliert, aber ich mache das wirklich so seit vielen Jahren.
In unserem Bezirk humpelt ein alter bärtiger Mann mit Krücken und Rucksack von einem Geschäft zum anderen. Ich habe ihm noch nie etwas anderes gegeben als einen Apfel, eine Extrawurstsemmel, ein paar Hustenzuckerl oder ein wenig Schokolade. Wenn er mich von weitem sieht, winkt er mir schon freudestrahlend entgegen und auch wenn ich ihm manchmal nichts gebe, winkt er mir in einer fremden Sprache freundliche Worte sprechend nach.
Es ist mir völlig egal, ob dieser Mann zu einer organisierten Bettlerbande gehört oder nicht.
Wenn ich ihm nie wieder begegnen sollte, würde er mir abgehen.

Atlas Shrugged
 
11
30.3.2010, 16:59

grad war ich fürchterlich subversiv - zweimal 50 Ct für Bettler vorm Hofer und eine Schokolade für das Kind, das sie bei sich hatten. Die Kleine hat die Schoki übrigens nicht in den Mistkübel geworfen. :)

Und freundlich angelächelt hab ich die auch noch - werd ich jetzt verhaftet?

liebes oesterreich
00

ich hätte ihre 50 cent auf der stelle in den mist geworfen.

Chanel3
07
30.3.2010, 16:42
Wenn eh schon für alles eine Studie gemacht wird..

...dann bitte zu diesem Thema! Ich möchte keine ideologisch eingefärbten Vermutungen mehr hören oder lesen, weder klein- noch grossformatig, weder klein- noch grossbürgerlich, sondern einfach neutrale Fakten erfahren.

1) Wo kommen sie her?
2) Organisiert oder nicht?
3) Lohnt es sich überhaupt?

Es gäbe sicher noch viele weitere Fragen. Sollte es diese Studien schon geben, dann bin ich für einen Link dankbar.

Ludwig - Vogelstrauß
32
30.3.2010, 16:38
Liebe Kommentatorin

1) Wenn etwas Unrecht ist, sollte man klar dagegen Stellung beziehen. Sich bloss genieren ist so katholisch wie ihre Einleitung.

2) Die Bunte Zeitung ist eine Zeitung, die auf der Straße VERKAUFT wird. Wenn sie das unter Betteln subsummieren, dann zerstören Sie den Sinn dieses Projektes.

sungun
31
30.3.2010, 16:25

Stellt sich halt nur die Frage, ob diese Bettler wirklich die Armen von den Ärmsten sind, - oder doch jene die nach getaner "Arbeit", die Prothese abmontieren und in ihren BMW einsteigen und nach Hause fahren.

t-bonesteak
00
sie haben ein völlig falsches bild

fürchte ich. die typen, die im bmw vorfahren sind nicht die, die den ganzen tag am gehsteig hocken, sondern diejenigen, die sie morgens dorthin bringen und abends abholen und ihnen dabei das geld abnehmen. die sind die verbrecher.

josef S
00
30.3.2010, 18:57

warum gehen sie nicht betteln,dann haben sie auch endlich ihren bmw.

Desmond Dekker
61
30.3.2010, 15:39
mich stört an diesem wiener gesetz

dass a******cher mit kapperl entscheiden dürfen, wer "gewerbsmäßig" und wer "hobbymäßig" bettelt. das ist reine willkür. verbietets das betteln generell oder nicht, aber nicht so ein fauler kompromiss. punkt.

Atlas Shrugged
 
10
30.3.2010, 17:55

ja :) die Kapperlständer wissen nicht mal, daß ein Mensch ersticken kann, wenn man sich 15 Minuten lang auf seine Brust kniet, aber gewerbsmäßigkeit sollen sie beurteilen.

Festnetzwiederanmelder
32
30.3.2010, 15:37
Liebe Frau Callerghi,

erstens sind die Bettler nicht weg. Soll ich ihnen ein paar zeigen?

zweitens gebe ich fast jedem, ich hab extra einen Jackensack voll Kleingeld dabei - 50 C bis 1 Euro pro Bettler, 2 Euro für diverse Straßenzeitungen.

drittens verarme ich dadurch nicht.

Im Extremfall hab ich jeden Tag einen bis zwei Euro zu spenden - wären höchstens 60 Euro im Monat. Das vertrinken Sie doch mit Ihrem Prosecco an zwei Abenden mit Freunden, also seien sie in Zukunft freigiebiger.

Ich spende um allen Verboten zu trotzen. Als mündiger Bürger, der sicher weniger verdient als Sie

Proconsul
01
31.3.2010, 06:29
Brav!

Sowas hören die Clanbosse gerne! ;)

Erleuchter
00
30.3.2010, 19:02
Danke für Ihre zweifelhafte Wortspende!

Raphae1
10
30.3.2010, 18:02

Das Gesetz tritt auch erst Ende Juni in Kraft, d.h. Anfang Juli wir es die ersten Polizei-Razzien geben und jeder Bettler der keine 700 € (!) zahlen kann, muss eine Woche Ersatzfreiheitsstrafe (in den 30ern nannte man es euphemistisch "Schutzhaft") verbüßen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 316
1 2 3 4 5 6 7

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.