"Tür für nächste Anschlagsserie könnte geöffnet sein"

29. März 2010, 19:02
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Mit den Anschlägen wollten Islamisten aus dem Nordkaukasus ihre Macht demonstrieren, meint der russische Experte Alexej Malaschenko im Standard-Interview

STANDARD: Russische Sicherheitskräfte haben Terroristen aus dem Nordkaukasus für die Metro-Anschläge verantwortlich gemacht. Warum sind sie so sicher, dass die Explosionen in Zusammenhang mit dem Unruhegebiet stehen?

Malaschenko: Es besteht kein Zweifel, dass die Anschläge etwas mit der Situation im Nordkaukasus zu tun haben. Der Hauptgrund für den Terrorakt ist Rache. Erst kürzlich wurden zwei hochrangige Terroristen bei Spezialeinsätzen getötet. Ansor Astemirow, der Drahtzieher eines Terrorangriffs in Kabardino-Balkarien im Jahr 2005, wurde am Donnerstag ermordet. Anfang März wurde der Chefideologe des terroristischen Untergrundes im Nordkaukasus, Said Burjatski, in Inguschetien getötet. Außerdem heizt die instabile politische Lage, die schwierige wirtschaftliche Situation und die Arbeitslosigkeit im Nordkaukasus den Terrorismus an.

STANDARD: Haben die russischen Sonderoperationen im Nordkaukasus, die seit kurzem verstärkt durchgeführt werden, die Anschläge provoziert?

Malaschenko: Die Sicherheitskräfte versuchen, ihr Bestes zu geben. Es ist unmöglich, Terroristen, die sich in der Moskauer Metro in die Luft sprengen wollen, zu stoppen. Rebellenführer Doku Umarow erklärte Russland zum Gebiet des Jihads. Mit den Anschlägen wollen die Islamisten zeigen, dass sie mächtig sind und auch Anschläge in Moskau durchführen können.

STANDARD: Rechnen Sie mit weiteren Anschlägen?

Malaschenko: Schwer zu beantworten. Aber ich befürchte, dass damit die Tür für die nächste Anschlagsserie geöffnet wurde.

STANDARD: Inwiefern unterscheidet sich der heutige Terrorakt von den Anschlägen, die 2004 und 2006 Moskau erschütterten?

Malaschenko: Damals war die Situation anders. Die Terroristen wollten die Behörden an den Verhandlungstisch zwingen. Heute ist klar, dass es nicht um Verhandlungen geht. Niemand ist an Gesprächen interessiert, es geht darum, Macht zu demonstrieren.

STANDARD: Wird Russland nun seine Kaukasuspolitik überdenken?

Malaschenko: Die Kaukasuspolitik hat sich bereits geändert. Mit dem neuen Beauftragten, Alexander Chloponin, wurde erstmals ein erfolgreicher Geschäftsmann in der Krisenregion eingesetzt, dessen Aufgabe es ist, vor allem die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Der Anschlag ist die Antwort der Terroristen auf diese Bestellung: Trotz des neuen Verwaltungschefs bleiben wir so, wie wir sind.

STANDARD: Wird der Anschlag Präsident Dmitri Medwedew politisch schaden? Die Bestellung Chloponin gilt als seine Idee.

Malaschenko: Nein, ich denke nicht. Der Präsident wird die Anschläge sicherlich kommentieren und gegen die Banditen wettern. Es ist wichtig zu erkennen, dass die eigentliche Gefahr aus dem Kaukasus kommt, und nicht etwa aus Saudi-Arabien.

Zur Person:

Alexej Malaschenko ist Kaukasusexperte am Carnegie-Zentrum in Moskau.

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    foto: privat
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