Alexander Lebedev: Der Zeitungszar, der aus der Kälte kam

29. März 2010, 18:32
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Warum kauft ein Oligarch und früherer KGB-Mann ein britisches Blatt nach dem anderen?

120 Prozent mehr Auflage binnen Wochen: Der russische Miliardär Alexander Lebedev ist seit Herbst dabei, die britischen Blätter gehörig durchzuwirbeln. Der frühere KGB-Agent in London übernahm die Mehrheit am Evening Standard. Und begann im Oktober, das Blatt zu verschenken, für das Leser seit 182 Jahren zu zahlen hatten. Statt 255.000 Exemplaren bringt der Standard nun gut 610.000 Exemplare unters Volk.

Mit laut Forbes zwei Milliarden Dollar Vermögen aus vielerlei Finanzgeschäften und mit Beteiligungen etwa an der russischen Fluglinie Aeroflot kann sich Lebedev eine Zeit leisten, auf Verkaufserlöse zu verzichten.

Er hat noch Spielraum für ein zweites Blatt: Den Independentübernahm Lebedev nun wie berichtet. Zwar kostete das ebenfalls sieche Qualitätsblatt formal nur ein Pfund. Doch dieser Independent verliert derzeit zumindest eine Million davon - pro Monat. Die bisherigen Besitzer, Independent News & Media, hätten die Blätter wohl geschlossen, trotz der hohen Kosten von geschätzten 28 Millionen Euro für einen Schlussstrich unter den viel beachteten Zeitungs-Newcomer der 1980-er Jahre. Nun geben die bisherigen Besitzer dem Indie noch 9,25 Millionen Pfund mit auf den Weg, damit sie ihn loswurden. Ihre Druckerei garantierte dem Blatt noch einen langfristigen Druckvertrag.

Im Westen investieren

Was will Alexander Lebedev mit den britischen Blättern? „Wladimir Putin sagt den russischen Oligarchen stets, sie sollen im Westen investieren", zitiert der Guardian einen Menschen aus dem Umfeld von Alexander Lebedev. Der Oligarch wolle Putin zeigen, dass er Teile der westlichen Medien unter seine Kontrolle bringen kann, auch im Sinne von Russlands Bild im Westen. 

Zugleich hält Lebedev mit Michail Gorbatschow Anteile an der Nowaja Gaseta, einem der letzten regimekritischen Blätter Russlands, die Zeitung der ermordeten Anna Politkowskaja. Er wollte mit Gorbatschow eine Partei gründen. 

Seine erste Firma in London ließ er noch als russischer Diplomat in den Diensten des KGB eintragen. Kein Dreivierteljahr später, Ende 1992, endete sein Job beim Geheimdienst, jedenfalls offiziell. Schon in KGB-Diensten hatte er Finanzwirtschaft studiert. Mit hoch riskanten Anleihen soll er rasch eine halbe Milliarde Dollar beisammen gehabt haben. Mit ehemaligen KGB-Kollegen kaufte er die kleine russische National Reserve Bank und brachte sie laut Observer binnen eines Jahres unter Russlands stärkste Banken. 

Von anderen Oligarchen unterscheidet Lebedev soziales Engagement. Seine Charity-Events bringen internationale Kulturprominenz zusammen. „Lebedev sucht ständig Aufmerksamkeit", zitiert Konkurrent Guardian andere Kenner des Oligarchen. Die damit sein Medienengagement begründen. 

In Teilen Londons experimentiert der Standard übrigens schon wieder mit Verkaufspreisen. (Sebastian Borger aus London, Harald Fidler, DER STANDARD; Printausgabe, 30.3.2010)

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    Russisches Investment in britische Medien: Oligarch Alexander Lebedev.

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    grafik: der standard
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