Wohnen mit Blick auf die Feuerschutzmauer

29. März 2010, 18:51
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Nachbarn sind von neuem Mehrparteienhaus empört und hoffen auf einen Baum, der genau auf der Grenze steht

Wien - Wenn Zeljka Kössldorfer durch das Haus in Wien-Donaustadt geht, in dem sie wohnt, dann begrüßt sie ihre Nachbarn mit Vornamen. Im Garten spielen die Kinder gemeinsam in der Sandkiste, und auch das dort aufgestellte Partyzelt dürfte bald wieder zum Einsatz kommen. "Wir wohnen hier miteinander, nicht nebeneinander" , sagt Frau Kössldorfer.

Die Idylle in der Stadlauer Straße 47 wird seit einiger Zeit durch Baulärm gestört: Nebenan, auf Nummer 49, baut die Strabag im Auftrag der Wiener gemeinnützigen Wohn- und Siedlungsgenossenschaft ein Mehrparteienhaus. Bis vor kurzem stand hier eine kleine Jugendstilvilla, doch die Eigentümerin hat das Grundstück verkauft. Von ihrem kleinen Balkon aus sehen Zeljka Kössldorfer und ihr Mann Max nun direkt in die Baugrube. Laut den aktuellen Bauplänen werden sie bald direkt auf eine fensterlose Feuerschutzmauer blicken. Nur sechs Meter von ihrem Balkon entfernt - denn da verläuft die Grundstücksgrenze des Hauses Nummer 47. Und die Strabag plant, jeden Quadratmeter von Nummer 49 auszunützen: Das neue Wohnhaus beginnt direkt an der Grenze, "geschlossene Bauweise" nennt man das.

Bei "offener Bauweise" müsste der Neubau mindestens drei Meter hinter der Grundstücksgrenze stehen. Mehr verlangen die Kössldorfers und ihre durchwegs gleichgesinnten Nachbarn gar nicht: "Wir sind nicht gegen ein Bauvorhaben auf dem Nachbargrundstück, sondern lediglich gegen die Art und Weise." Denn ihrer Rechtsansicht nach darf von der offenen Bauweise nur abgewichen werden, wenn die Anrainer dem zustimmen. Schließlich entwerte die drohende Lichtlosigkeit ihr Haus.

Servitut und Bauordnung

Das über die Jahre entstandene Servitut hätte die Baubehörde berücksichtigen müssen, ist Herr Kössldorfer überzeugt. Außerdem würden die geplanten Aufbauten für Lift und Stiegenhaus der Bauordnung widersprechen.

Die Hoffnungen der Anrainer ruhen nun auf einer alten Linde, die genau auf der Grundstücksgrenze steht. Die 50-50-Teilung des Baumes zwischen Nummer 47 und Nummer 49 führt zu einer kuriosen Situation: Da es sich um einen "Grenzbaum" handelt, müssen alle Anrainer seiner Fällung zustimmen. Stünde der Baum nur auf Nummer 47, könnte der Bauherr vom Überhangsrecht Gebrauch machen - und den halben Baum einfach entfernen. Entsprechende Versuche der Baufirma sind gescheitert, nachdem die Anrainer rasch das Baumschutzreferat eingeschaltet hatten.

Mittlerweile beschäftigt sich der Verwaltungsgerichtshof mit der Causa. Ob der Bau rechtens ist, darüber wird wohl erst nach dessen Fertigstellung entschieden. Derzeit gibt es einen gültigen Baubescheid, die Bagger sind längst aufgefahren. Von ihrem Balkon aus können die Kössldorfers jeden Tag zuschauen, "wie hier Fakten geschaffen werden".
(Andrea Heigl/DER STANDARD-Printausgabe, 30.3.2010)

  • Wo sich vorher mit Abstand eine kleine Villa befand, ...
    foto, renderin: privat

    Wo sich vorher mit Abstand eine kleine Villa befand, ...

  • ... soll bald, direkt an die Grenze gebaut, das große Mehrparteienhaus stehen - was die Aussicht der Nachbarn dramatisch verändern würde.
    foto, renderin: privat

    ... soll bald, direkt an die Grenze gebaut, das große Mehrparteienhaus stehen - was die Aussicht der Nachbarn dramatisch verändern würde.

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