Ein verhinderter Maler reüssiert in Aneignungskunst

29. März 2010, 17:10
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    foto: reuters/tobias schwarz

    Der nachmalige Diktator als hochneurotischer junger Mann: Tom Schilling spielt Adolf Hitler in Urs Odermatts Geschichtsgroteske "Mein Kampf".

Führer-Werdung als laue Groteske: Urs Odermatt hat George Taboris Stück "Mein Kampf" fürs Kino adaptiert

Wien - Einer erreicht im Jahre 1910 mager und dreckig die Stadt Wien. Er kommt vom Land, kaum mehr als eine zerfledderte Zeichenmappe bei sich, und die Adresse eines "Heimes für arbeitslose Künstler" . Adolf Hitler heißt der schmächtige junge Mann mit dem wilden Blick. Er wird im Zimmer Nummer vier einquartiert, dort wohnen schon der fliegende Händler Schlomo Herzl und der Koch Lobkowitz. Und er wird dort "die traurigste Zeit seines Lebens" verbringen.

Zwischen Herzl, der gerade nach einem Titel für seine Memoiren sucht ("Mein Kampf?" - "Jetzt ham Sie's!" ), und dem jungen, halb verhungerten Kunstmaler-Aspiranten aus Oberösterreich entwickelt sich rasch eine ambivalente Beziehung. Herzl (Götz George) versucht sich als Erzieher und väterlicher Freund, Hitler (Tom Schilling) dankt ihm seine Zuwendung mit Verrat. Er schließt sich einem armseligen Grüppchen Deutschnationaler an und erreicht mithilfe der Herzl'schen Unterweisungen und äußerlichen Optimierungen, aber auch infolge von Un- und Zufällen seinen allmählichen Aufstieg zum politischen Führer. Parallel dazu spannt er Herzl noch die resche blonde Tirolerin aus, die bei der Wohnheimwirtin im Sold steht, und macht sie zum prototypischen deutschen Mädel.

Erzählt wird die Geschichte vom verhinderten Maler, der sich als begabter Aneignungskünstler erweist, im Tonfall einer leicht surrealen Farce. Allegorische Figuren - wie Elisabeth Orths Postbotin des Todes - agieren neben dem erfundenen und historischen Personal. Schließlich basiert Urs Odermatts aktueller Kinofilm Mein Kampf auch auf dem gleichnamigen Theaterstück von George Tabori. Allerdings ist seit dessen Uraufführung im Jahr 1987 am Wiener Akademietheater nicht nur fast ein Vierteljahrhundert ins Land gezogen.

Es hat seither beispielsweise im Fernsehen jede Menge populärwissenschaftlicher Betrachtungen zu Person und Umfeld des Gröfaz gegeben (Hitlers Frauen, etc.), und auch das Kino folgte dieser Tendenz einer "Entzauberung" , die man auch als eine der Trivialisierung und Relativierung sehen kann.

In diese Bildergeschichte, von Guido Knopps Fernsehformaten bis zu Der Untergang und Mein Führer, schreibt sich der Film des Schweizer Regisseurs und Autors Odermatt zwangsläufig ein - und zwar ohne dass man den Eindruck einer Auseinandersetzung damit hätte. Und leider sieht er dieser Bildergeschichte auch ziemlich ähnlich: Nicht nur die bräunlichgrüne Farbdominante, die häufig Schauplätze und Geschehen als historische kodieren muss, auch Kulissen und Kostüme erinnern an Fernseh-Kammerspielästhetik. Das eigentümliche Mischmasch von Kunstdialekten und Intonationen irritiert und will nicht so recht als Verfremdungseffekt durchgehen.

Was in den 80er-Jahren, zu Zeiten, als Herbert Achternbuschs bitterböser, traurig-schöner Film Heilt Hitler! noch für Aufsehen sorgte, als abgründige Idee funktioniert haben mag, das wirkt jetzt bloß wie ein halborigineller x-ter Aufguss eines Hitler-Sketches (die Entstehung des Bärtchens, des Gestenrepertoires oder der spezifischen Rhetorik; der Abdruck der Polster-Ziernähte im Gesicht, der das Hakenkreuz-Design in Hitlers Kopf setzt; etc.).

Hineinsteigerungskomik

Nur in manchen Szenen haben der schlecht zurechtmaskierte Götz George und sein Widerpart Tom Schilling den Raum und die Zeit, um absurde, slapstickhafte Komik zu entwickeln und auszuspielen: Etwa wenn sich letzterer in die Figur des spindeligen, wehleidigen Hysterikers so richtig körperlich hineinsteigern darf und zum Beispiel in der Opernloge auffällig wird, weil er sich von seiner Richard-Wagner-Liebe hinreißen lässt. Insgesamt wirkt das jedoch alles zu gebändigt, um tatsächlich die Dynamik und die Energie einer Farce zu erreichen. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 30.3.2010)

 

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Gegenflieger
02
30.3.2010, 16:47
Mal was anderes.

Hitler reicht einem langsam.
Wie wäre es mal mit Biographien über Stalin oder Mao tse tung.
Deren Geschichten sind weitaus Interessanter als die des kleinen versagers,der hörige Deppen um sich scharte.Obwohl die auch Deppen um sich gescharrt hatten.

Guido Knopp mach mal was

GABO aus Ungarn
 
00
ja zurecht;- genug mit Hitler weil...

also vollkommene Abwehrhaltung! Danke! Reicht.
Nun liegt die Aufmerksamkeit dummerweise nur auf diesem Naturtalent?!
Wir laufen diesem Mainstream nach, ja. Warum? Die Medien brauchen diese Popstars; und mehr ist unser Herr Hitler im medialen Massenverkehr nun auch tatsächlich nicht. Leider? Es war eben nicht nur diese Figur, die über ca. 55 000 000 Seelen das pure Leben abgeschaltet hat ( unzähligen das Leben für immer versauert hat ) :!! Das darf zunächst respektiert werden.
Und hier macht ein winziger Mensch, dessen Familie, dessen Freunde nun nicht mehr existierten keinen grossen Zauber.
Er weint mit Hitler - er lacht über den ganz normalen Wahnsinn. Hochachtung!
Es geht nicht um ein Hitlerabziehbild zum 1000mal.
Vergiss Hitler!!!

GABO aus Ungarn
 
00
Richtig - Hitler reicht schon lang!!

also vollkommene Abwehrhaltung! Danke! Reicht.
Nun liegt die Aufmerksamkeit dummerweise nur auf diesem Naturtalent?!
Wir laufen diesem Mainstream nach, ja. Warum? Die Medien brauchen diese Popstars; und mehr ist unser Herr Hitler im medialen Massenverkehr nun auch tatsächlich nicht. Leider? Es war eben nicht nur diese Figur, die über ca. 55 000 000 Seelen das pure Leben abgeschaltet hat ( unzähligen das Leben für immer versauert hat ) :!! Das darf zunächst respektiert werden.
Und hier macht ein winziger Mensch, dessen Familie, dessen Freunde nun nicht mehr existierten keinen grossen Zauber.
Er weint mit Hitler - er lacht über den ganz normalen Wahnsinn. Hochachtung!
Es geht nicht um ein Hitlerabziehbild zum 1000mal.
Vergiss Hitler!!!

Olivio Tasso
01
30.3.2010, 00:10
Ich glaube

dass der Film ein ziemlicher Schmarrn wird. Die Bildausschnitte und die Darsteller-Besetzung bringen das nicht rüber, was man von Taboris Stück kennt oder von ihm erdacht war. Tom Schilling und Götz George haben sicher bei der einen oder anderen guten Produktion mitgewirkt. Aber ihrer Darstellerpräsenz in "Mein Kampf" steh' ich (persönlich) skeptisch gegenüber. Gelingt es Schilling nicht als "Jung-Hitler" zu überzeugen, könnte der ganze Film nur "Müll" werden. Aber hoffen, darf man immer noch . . .

GABO aus Ungarn
 
00
nun gut

hallo Olivio Tasso,
wie ich lese kennst Du Taboris Stück.
Solltest Du mittlerweile die gelegenheit zum kinoschauen genutzt haben, so bin ich gespannt, wie Du den kinofilm wahrgenommen hast.
vielleicht magst Du hier ein paar zeilen veröffentlichen?
alles gute michael + danke

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