derStandard.at-Interview

"Tschetschenien ist eine Art Codewort"

29. März 2010 12:20
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    Foto: universität innsbruck

    Russland-Experte Mangott

Der Russlandexperte Gerhard Mangott gibt sich überzeugt, dass der Anschlag auf die Moskauer Metro das Werk nordkaukasischer Islamisten ist

Der Russlandexperte Gerhard Mangott vom Innsbrucker Institut für Politikwissenschaften erklärt im Gespräch mit derStandard.at die Hintergründe des Doppelanschlags auf die Moskauer Metro. Dass die Spur in den Nordkaukasus führt, scheint ihm sicher.

derStandard.at: Der Vorsitzende des Sicherheitsausschusses der Staatsduma vermutet, es handle sich bei dem Anschlag um eine Racheaktion nordkaukasischer Terroristen für die Tötung eines ihrer Kader. Was war Ihre erster Gedanke?

Gerhard Mangott: Es spricht vieles für diese These. Bei dem von Sondereinheiten des Inlandsgeheimdienstes getöteten Mann handelte es sich um einen ethnischen Russen, der für technische Operationen wie lokale Anschläge zuständig war. Das kann natürlich ein Anlassfall sein, noch einmal deutlich zu machen, dass man trotz aller lokaler und föderaler Maßnahmen jederzeit in der Lage ist, sich zu restrukturieren und auch außerhalb des nördlichen Kaukasus solche Operationen durchzuführen. Der Anschlag selbst macht deutlich, dass die Terroristen ein Signal an die politische Führung und die Bevölkerung senden wollten, dass der Konflikt im Nordkaukasus auch nach nunmehr 19 Jahren nicht gelöst werden konnte. 

derStandard.at: Eine der Explosionen hat sich in unmittelbarer Nähe zum Hauptquartier des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB ereignet. Zufall oder Absicht?

Mangott: Das war sicher genau so geplant. Die Tötung des technischen Leiters im Nordkaukasus war ja eine FSB-Aktion, wenn es sich also um eine unmittelbare Racheaktionen gehandelt haben sollte, scheint die Auswahl dieser U-Bahnstation logisch.

derStandard.at: Jüngst gab es einen Skandal um gefälschte Videoaufzeichnungen in der Moskauer U-Bahn. Sind die Sicherheitsvorkehrungen ausreichend?

Mangott: Es ist geradezu unmöglich, solche Anschläge in der Moskauer U-Bahn zu verhindern - so wie eigentlich in allen derartigen U-Bahnen. Sie ist eben ein weiches Ziel und damit ein primäres Ziel terroristischer Aktionen. Angesichts der enormen Frequentierung der U-Bahn ist es nicht möglich, dem technisch vorzubeugen, etwa durch Metalldetektoren oder Bodyscans. Dass die Moskauer U-Bahn schon oft Ziel terroristischer Anschläge war, zuletzt 2004, zeigt ja, dass nicht mangelnde Sicherheit Schuld trägt, sondern schlicht und ergreifend der Umstand, dass die U-Bahn nicht zu schützen ist.

derStandard.at: Bei diesem letzten Anschlag vor sechs Jahren war noch Wladimir Putin Präsident Russlands. Hat sich seit dem Machtwechsel zu Dmitri Medwedew in Punkto Kaukaususpolitik etwas geändert?

Mangott: Es hat sich seither sicher das Bewusstsein dafür intensiviert, dass eine der vielen Ursachen der zunehmenden Radikalisierung der nordkaukasischen Muslime die enorme soziale Krise ist. Diese Ansicht hat aber schon unter Putin begonnen sich einzustellen. Diese Region zählt zu den wirtschaftlich strukturschwächsten in Russland, sämtliche positiven makroökonomischen Entwicklungen, also zum Beispiel Wirtschaftswachstum, steigende Reallöhne, steigende Beschäftigung, treffen auf den nördlichen Kaukasus einfach nicht zu. Der Nordkaukasus hat ein großes Bevölkerungswachstum, es handelt sich um eine sehr junge Bevölkerung, vor allem die jungen Männer bilden angesichts der sozialen Krise den Humus für islamische Radikalisierung.

Dieses Phänomen kennen wir auch als anderen Weltregionen. Darüber hinaus herrscht auch eine große Unzufriedenheit mit den lokalen politischen Führungen, die korrupt und ineffizient sind und oftmals mit der Moskauer Bürokratie zusammenarbeiten. Als dritter, oft vergessener Faktor kommt noch die extrem stark verwurzelte Klanstruktur dieser Region dazu. Es ist also nicht nur ein Konflikt zwischen der nordkaukasischen Region und der Moskauer Zentrale, sondern auch ein Kampf zwischen den einzelnen Klans und Völkern dieser Region. Die Brutalität, mit dem die russischen Sicherheitskräfte im Nordkaukasus vielfach vorgehen, trägt natürlich auch zu der Radikalisierung der Bevölkerung bei. Deshalb dürfte es mit dem Ruf nach mehr militärischer und polizeilicher Präsenz auch nicht getan sein, weil gerade die willkürlichen Entführungen und Morde durch die Hand der Moskauer Behörden mit an der Situation schuld sind.

derStandard.at: Der Konflikt dauert nun schon seit den Neunzigerjahren an. Warum gelingt es Moskau nicht, diese Region zu befrieden?

Mangott: Man hat schon ab 1994 über militärische Gewalt, also sicherheits- und nachrichtendienstliche Operationen versucht, führende Zellen des Widerstands auszuschalten. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Selbst Ramsan Kadyrow, der ebenso brutale wie moskautreue Präsident Tschetscheniens, ist daran gescheitert. Vor allem, weil es danach eine Art Diffusion der Kämpfer über den gesamten Nordkaukasus und somit eine Verschmelzung der lokalen Fehden zu einem größeren Konflikt gegeben hat. Insofern hat man früh erkannt, dass es diesen Wechsel zu einer sozialen und wirtschaftlichen Strategie braucht. Der neue Bevollmächtigte des Präsidenten, Alexander Chloponin, kommt aus dem Big Business und dient als Symbol, dass man die wirtschaftliche Dimension zur Stabilisierung des Nordkaukasus ernst nimmt. Die momentane budgetäre Situation Russlands macht die Situation natürlich nicht leichter.

derStandard.at: Kann es auch sein, dass die Spur in den Nordkaukasus eine falsche ist?

Mangott: Das würde mich schon sehr überraschen. Es gibt in Russland immer wieder Spekulationen über eine sehr militante rechtsextreme Szene. Man darf das natürlich nicht ausschließen, aber das Muster deutet stark auf einen islamistischen Hintergrund hin, weil es ja auch schon eine Geschichte dieser Art des Terrors in Moskau gibt. Es spielt aber überhaupt keine Rolle, ob es nun tschetschenische oder dagestanische oder inguschische Terroristen waren. "Tschetschenien" ist schon eine Art Codewort für diesen amalgamierten Konflikt, dass die Anschläge aber einen nordkaukasischen Hintergrund haben, scheint mir gänzlich sicher. (flon, derStandard.at, 29.3.2010)

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23 Postings
Info Service
30.03.2010 22:08
Für alle, die Prof. Mangott mal bei Veranstaltung sehen wollen:

Video einer Podiumsdiskussion zw. Mangott, Heinz Gärtner und Georg-Hoffmann Ostenhof:

"USA, Europa und Russland" -
welche Rollen werden diese 3 Weltmächte zukünftig einnemhmen? - auf etalks.tv

http://etalks.tv/blog/2010... -russland/

piroschka d.
30.03.2010 14:16

sehr gutes Interview!!

ich hatte vor Laengerem die Ehre eine Vorlesung mit Hrn. Mangott zu geniessen...

ein sehr sehr gscheiter Mann, meine Hochachtung!

Der hackfleischhassende Zerhacker
30.03.2010 17:43

ich hatte auch eine vorlesung bei ihm und ich kann mich nur anschließen wirklich ein hervorragender professor mit einem mehr als ausgezeichnetem englisch!

Seine Vorlesungen sind eine wahre Wohltat!

piroschka d.
30.03.2010 23:43

unsere vorlesung war auch englisch, und es war eine der besten überhaupt.

man hat ja auch den vergleich zu anderen englisch vortragenden ... "my english is not the yellow from the egg, but it goes... *kopfschüttel...*

Karl Heiden
30.03.2010 15:18

Über das Lob wird er sich freuen. Er bekommt eh so wenig davon zu hören (von seinen Studierenden).

Fisch^^Fisch
30.03.2010 19:31

Bei der Benotungspraxis und den Kommentaren die man sich bei einer Seminarpräsentation anhören darf nicht ganz unverständlich...

Karl Heiden
30.03.2010 20:42

Seine Lehrveranstaltungen sind eben auf "high level" - und daran sind die Studierenden nicht so sehr gewöhnt ...

piroschka d.
30.03.2010 23:38

wohl wahr ...

Der Alte vom Berge
30.03.2010 08:04
Deutschland wird am Hindukusch Verteidigt ?

Ergebniss:

Afghanistan Überall auf dieser Welt.

NATO raus aus Afghanistan. ^^

Der Doktor
30.03.2010 13:52
So ein Unsinn!

Mir geht diese linke blah-blah von wg. raus aus Afganisthan so sowas von am Sack! Dort kämpft doch nicht die USA (nebenbei bemerkt die wohl beste Hegemonialmacht nach WKII, die sich Europa wünschen konnte...) gg. ein paar Islamisten. Dort kämpfen Weltanschauungen gegen einander! Wenn der Westen am Hindukusch scheitert ist das das Signal für diese widerwärtigen Steinzeit-Islamisten noch mehr Staaten zu destabilsieren und die dortige Bevölkerung (insbesondere die weiblich) aufs grausamste zu terrorisieren. In Afganisthan muss geblieben und gewonnen werden!!!

Para Dox
30.03.2010 15:09
Viel blöder geht's nimmer!

Und du glaubst, dass man den Steinzeitislamisten eine andere Weltanschauung in die Köpfe bomben kann? Lächerlich!

Nebenbei: Durch den Afganisthankonflikt droht Pakistan bereits destabilisiert zu werden. Dieser Krieg liefert den Islamisten auf der ganzen Welt überhaupt erst die Argumente, um auf den "bösen" Westen zu zeigen.

warp.faktor
30.03.2010 14:45
Derselbe Unsinn!

Überlegen Sie mal, wer die Taliban aufgerüstet hat!

Tipp: Sehen Sie sich mal den US-Propagandafilm Rambo III an!

Ich bin sicher kein Freund religiöser Fanatiker, aber militärisch ist dieser Konflikt nicht zu lösen.

Außerdem macht der NATO-Afghanistaneinsatz Europa zur Zielscheibe der Terrors!

Fisch^^Fisch
30.03.2010 19:33

Die meisten Soldaten sterben durch zusammengeschusterte Sprengsätze. Die werden die USA wohl kaum in den 80ern geliefert haben,...

Diese Ausrüstung existiert heute kaum mehr. Von abgeschossenen Flugzeugen hätte ich in Afghanistan nichts gehört. Ergo dürften zumindest die gelieferten Stinger nicht mehr existent sein.

Karl Heiden
29.03.2010 22:26
Vor allem die jungen Männer bilden angesichts der sozialen Krise den Humus für islamische Radikalisierung

Diese Analyse trifft exakt auch für den Gaza-Streifen und die Westbank zu: Junge arbeits- und perspektivenlose Männer bilden das Reservoir, bei dem die Extremisten ins Volle für ihre Rekrutierung neuer "lebender Bomben" greifen können. In Tschetschenien gibt es zusätzlich noch das Phänomen der von den russischen Streitkräften geschaffenen "schwarzen Witwen".

bösartigster Schlechtmensch
29.03.2010 15:18
strukturschwach, wirtschaflich schwach

und enormes Bevölkerungswachstum.
Ich fasse das unter dem Begriff Kriegsvorbereitung zusammen.

Ava Tar
29.03.2010 13:59
Die Wr. U-Bahn ist ein genauso weiches Ziel

Drum nicht in fremden Ländern morden gehen es kommt zurück nach Hause.

anke wiesen
29.03.2010 20:20
schön erkannt

genau;)..stichwort irak und anfganistan

Ava Tar
29.03.2010 19:39

Die drei Rotstrichler, die gern in andere Länder morden gehen möchten, sind freundlich eingeladen, zur deutschen Staatsbürgerschaft zu wechseln. Dort hat man kein Problem damit. Wir gottseidank schon.

Ex-Muslim
29.03.2010 15:43

Deine Kommentare wirken manchmal wie Tipps und gefährliche Drohungen.

Sag mir wenns so weit ist. Dann nehm ich den Bus. Ok?

sisosa
29.03.2010 13:55
sehr

interessantes interview...

Cranio-schamanischer Bachblütenakupunkteur C30
29.03.2010 15:29

Ja, sehr erfreulich dass hier jemand inhaltlich argumentiert. Die unsäglichen flachen "Putin-ist-schuld"-Kolumnen von Kirchengast kommen aber eh noch ;-)

Kirchengast
30.03.2010 09:16

Putin ist Schuld

Dante Alighieri
29.03.2010 14:50

V.a. weil es mittlerweile vollkommen akzeptiert zu sein scheint jemandem ohne jegliche Beweise die Schuld zu geben.

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