Putin: "Terroristen werden vernichtet"

29. März 2010, 15:55
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Bislang bekennt sich niemand zu Anschlägen - Geheimdienst: Spur führt in den Nordkaukasus - Weitere Anschläge befürchtet - mit Video

Moskau - Zwei Selbstmordanschläge in der Moskauer U-Bahn haben Russland bis ins Mark erschüttert. Mitten im Berufsverkehr sprengten sich zwei Frauen am Montag kurz hintereinander in die Luft und rissen mindestens 37 Menschen mit in den Tod. Eine der Bomben ging in unmittelbarer Nähe der Geheimdienstzentrale hoch. Bei den schwersten Anschlägen in der russischen Hauptstadt seit sechs Jahren wurden mehr als 60 Menschen verletzt. Ein Bekennerschreiben lag nicht vor, aber der Geheimdienst erklärte umgehend, die Spur der Täter führe in den Nordkaukasus, wo die islamistische Gewalt nicht abebbt. Präsident Dmitri Medwedew drohte, kompromisslos den "Krieg gegen den Terror" fortzusetzen. 

Der erste Sprengsatz zerriss kurz vor 8.00 Uhr einen voll besetzen U-Bahn-Wagen an der Station Lubjanka im Zentrum Moskaus, nur wenige Meter entfernt vom Hauptquartier des russischen Inlandsgeheimdienstes. Mindestens 23 Menschen starben. Überwachungskameras zeigten leblose Körper auf dem Boden. Sanitäter beugten sich über die Opfer. Schnell breitete sich Panik aus, als die Überlebenden versuchten, sich im dichten Qualm einen Weg nach draußen zu bahnen.

Die zweite Explosion sorgte rund 40 Minuten später in einem wartenden Zug am Bahnhof Park Kulturi umweit des beliebten Gorki Parks für Angst und Schrecken. "Ich war in der Mitte der Bahn, als ich plötzlich im ersten oder zweiten Wagen eine laute Explosion hörte", berichtete ein Augenzeuge. "Ich habe die Erschütterung in meinem ganzen Körper gespürt. Die Menschen haben höllisch geschrien. Nach etwa zwei Minuten war alles in Rauch gehüllt." "An den Türen stolperten alle Menschen übereinander", sagte ein anderer Zeuge. "Ich habe eine Frau mit einem Kind auf dem Arm gesehen. Sie hat darum gefleht, durchgelassen zu werden, aber es war unmöglich."

Quelle: CNN

Dritter Sprengstoffgürtel entdeckt

Nach Angaben des Inlandsgeheimdienst-Chefs Alexander Bortnikow waren die Bomben mit Schrauben und Eisenteilchen gefüllt. Die Anschläge offenbarten Lücken im Sicherheitsapparat, die nach vergleichbaren Taten nur unzureichend geschlossen worden waren. Aus Angst vor weiteren Anschlägen wurden die Sicherheitsvorkehrungen etwa auf Flughäfen verstärkt.

In einer der betroffenen Stationen haben Sicherheitskräfte danach eine weitere scharfe Sprengladung entdeckt. In der Station Park Kultury sei am Montag ein nicht detonierter Sprengstoffgürtel entschärft worden, meldete die Agentur RIA Novosti nach Angaben von Ermittlern. In der Station wurden auch der Kopf und weitere Körperteile einer Selbstmordattentäterin im Alter von etwa 18 bis 20 Jahren gefunden.

Es wurde damit gerechnet, dass die Zahl der Toten noch steigt, da mindestens 30 Menschen sehr schwere Verletzungen erlitten. Sie wurden in Rettungshubschraubern in Kliniken gebracht. Vor den Bahnhöfen standen Krankenwagen bereit. In die unterirdischen Stationen wurden Leichensäcke gebracht.

Bortnikow sagte weiter, Forensik-Experten hätten sterbliche Überreste der beiden Attentäterinnen sichergestellt. In der Vergangenheit hatten wiederholt Witwen und Schwestern getöteter muslimischer Extremisten aus dem Kaukasus, sogenannte schwarze Witwen, Anschläge verübt. Die russischen Behörden versuchen vergeblich, die Gewalt in der muslimisch geprägten Region an der Grenze zu Georgien und Aserbaidschan unter Kontrolle zu bringen. Die Gewalt konzentriert sich auf Dagestan und Inguschetien, doch auch Tschetschenien ist nicht zur Ruhe gekommen. Dort hatte der Rebellen-Anführer Doku Umarow im Februar im Internet angekündigt, den "Krieg in die russischen Städte" zu tragen.

Quelle: CNN

Putin: Werden Hintermänner jagen

Medwedew sprach von einem Versuch, Russland zu destabilisieren und kündigte einen unerbittlichen Kampf gegen Extremisten an. Ministerpräsident Wladimir Putin drohte den Hintermännern des Doppel-Anschlags mit einer gnadenlosen Jagd. "Ich bin zuversichtlich, dass die Polizei- und Justizbehörden keine Anstrengung unterlassen werden, die Kriminellen zu finden und zu bestrafen. Die Terroristen werden vernichtet werden", sagte er.

Putin brach eine Reise nach Sibirien ab und kehrte nach Moskau zurück. US-Präsident Barack Obama sprach von "abscheulichen terroristischen Anschlägen" und sicherte dem russischen Volk die Anteilnahme der Amerikaner zu. In mehreren amerikanischen Großstädten verstärkten die Verkehrsbetriebe als Reaktion auf die Anschläge in Moskau die Sicherheitsvorkehrungen.

Es waren die schlimmsten Anschläge in Moskau seit Februar 2004. Damals starben mindestens 39 Menschen als sich ein nach Behördenangaben tschetschenischer Selbstmordattentäter in der Metro in die Luft sprengte. Zuletzt war im November ein Sprengsatz entlang der Bahnstrecke zwischen Moskau und Sankt Petersburg explodiert. Bei dem Anschlag auf einen Hochgeschwindigkeitszug, der ebenfalls Extremisten aus dem Kaukasus zur Last gelegt wird, kamen 27 Menschen ums Leben.

Der Rubel gab in Reaktion auf die Ereignisse deutlich nach, erholte sich aber im Handelsverlauf wieder. Die russischen Aktienmärkte tendierten kaum verändert. (Reuters)


derstandard.at-Interview mit Russland-Experte Gerhard Mangott: "Tschetschenien ist eine Art Codewort"

BBC: Deadly explosions on Moscow Metro system (mit Video)

Moscow Metro Map


  • Polizeikontrollen bei der Avtozavodskaya-Station in Moskau.
    foto: epa/sergei chirikov

    Polizeikontrollen bei der Avtozavodskaya-Station in Moskau.

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    "Die Terroristen werden vernichtet werden", sagte Ministerpräsident Putin am Montag.

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  • Polizist und Spürhund.
    foto: epa/sergei ilnitsky

    Polizist und Spürhund.

  • Einsatz der Feuerwehr bei der Lubyanka-Station.
    foto: russia - tags: disaster crime law

    Einsatz der Feuerwehr bei der Lubyanka-Station.

  • Feuerwehrmänner und ein Mitarbeiter des Innenministeriums am Ausgang der Lubyanka-Station.
    foto: russia - tags: disaster crime law

    Feuerwehrmänner und ein Mitarbeiter des Innenministeriums am Ausgang der Lubyanka-Station.

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    Insgesamt gab es über 30 Tote und an die 20 weitere Verletzte.

  • Das Gebäude des russischen Geheimdienstes FSB auf dem Lubyanskaya-Platz.
    foto: epa/izvestia

    Das Gebäude des russischen Geheimdienstes FSB auf dem Lubyanskaya-Platz.

  • Kontrollen bei der Station Kitay-Gorod.
    foto: epa/sergei chirikov

    Kontrollen bei der Station Kitay-Gorod.

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