Finanzkrise erfasst Privatkundengeschäft

28. März 2010, 19:18
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Im Investmentbereich verdienen Banken wieder recht ordentlich. Auf der Strecke bleibt das Geschäft mit Privatkunden, das mit Verspätung von der Finanzkrise getroffen wurde

Gerade dort liegt aber Potenzial brach. 

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Wien - Meldungen von Bankengewinnen und erneut hohen Bonuszahlungen könnten den Eindruck erwecken, dass die Krise in der Finanzbranche - und für Banken im Besonderen - längst passé ist. Doch das wäre zu kurz gegriffen, glaubt man jüngsten Studien.

Mit dem Vertrauen der Retailkunden in ihre Bankinstitute hapert es nämlich noch massiv, wie eine Erhebung der Karmasin Motivforschung zeigt (siehe Grafik). Demnach sind Kunden generell skeptischer gegenüber ihren Banken geworden - 76 Prozent der 500 Befragten kommen zu dieser Ansicht. 60 Prozent reagieren mit "Rückzug" und versuchen, so wenig Geldgeschäfte wie möglich durchzuführen.

Mehr Kontrolle gewünscht

Diese Skepsis bringt aber auch Positives mit sich. So haben die Befragten auch angegeben, jetzt vorsichtiger bei der Geldanlage zu sein, sich verstärkt Angebote von mehreren Banken unterbreiten zu lassen, sich bei Finanzfragen im Bekannten- oder Freundeskreis stärker zu informieren und sich auch ausführlicher vom Bankberater beraten zu lassen. Über den sorgsameren Umgang mit Geld dürften sich zumindest die Konsumentenschützer freuen, die schon lange für mehr Achtsamkeit bei der Geldanlage plädieren.

Damit die Kunden ihren Finanzdienstleistern wieder mehr Vertrauen schenken, wünschen sich 85 Prozent eine Verstärkung der externen Kontrolle - also härtere Strafen bei Vergehen, mehr Kontrolle durch den Staat, eine strengere Finanzmarktaufsicht (FMA) und externe Prüfungen durch Institutionen wie die Arbeiterkammer oder den Verein für Konsumenteninformation (VKI).

Strategie für Nachhaltigkeit

78 Prozent sehen im Bereich "Nachhaltigkeit" sinnvolle Maßnahmen zur Vertrauensstärkung. Hinter diesem Begriff verbergen sich Vorschläge wie die Deckelung der Manager-Boni, weniger Profitorientierung und mehr nachhaltige Strategien sowie ein größeres Angebot im Bereich ethischer Geldanlage. Eine "objektive Beratung" und "ehrliche Hinweise auf Risken" werden von Kunden ebenfalls stark gefordert.

Das ernüchternde Ergebnis der Karmasin-Studie: 47 Prozent der befragten Kunden haben bisher kaum positive Veränderungen im Verhalten ihrer Bank registriert.

Zuwenig Zeit für die Kunden

Zu dem Schluss, dass das Privatkundengeschäft weiterhin ein schwieriges Umfeld bietet, kommt auch eine Studie von der Unternehmensberatung AT-Kearney. In Zahlen ausgedrückt: Die Ergebnisentwicklung im Privatkundengeschäft hat sich im Vorjahr (gemessen an 2008) um 40 Prozent verringert. Für heuer wird zwar ein Anstieg auf 75 bis 85 Prozent erwartet, was aber noch immer weit weg ist vom 2008er-Niveau. Dabei liege viel Potenzial brach. Denn bis zu 30 Prozent der Kunden im Bestand würden von ihrer Bank nicht richtig angesprochen.

Erforderlich seien daher intelligente Beratungskonzepte. So sollte die Beratung etwa stark in die Richtung "Schließung der Alterslücke" gehen. Dabei müsse ein Kunde spüren, dass der Berater für ihn Zeit hat. Denn: "Trotz hoher Bankendichte haben Betreuer nur wenig Zeit für ihre Kunden", heißt es in der Erhebung. In Österreich kommen ob der hohen Zahlen an Bankstellen rund 2000 Einwohner auf eine Filiale. Das klingt zwar nach viel. Laut Oesterreichischer Nationalbank liegt Österreich damit aber im EU-Vergleich im niedrigsten Drittel.

Verluste noch nicht verdaut

Die wesentlichen Gründe für die Zurückhaltung der Privatkunden würden in den anhaltenden Zukunftssorgen und dem gesunkenen Anlegervertrauen liegen, da viele mit ihren Produkten Verluste einstecken mussten. "Die Ertragslücken müssen daher durch Verbesserungen im Kerngeschäft kompensiert werden", sagt Studienautorin Daniela Chikova, die im Bereich Financial Institutions bei AT-Kearney tätig ist.

Gelingt es den Banken nicht, ihre Erträge zu steigern, werden sie um Preiserhöhungen nicht herumkommen. Dafür gibt es laut AT-Kearney noch Spielraum, "denn in Österreich sind Bankleistungen im europäischen Vergleich eher günstig". (Bettina Pfluger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.3.2010)

  • Infografik: Die Reaktionsmuster auf die Vertrauenskrise.
    grafik: standard

    Infografik: Die Reaktionsmuster auf die Vertrauenskrise.

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