Gewalt und Computer

Killerspiele machen keine Amokläufer

Zsolt Wilhelm, 28. März 2010, 14:18

Wissenschaftler: Spiele können keine Ursache sein

Von "Gewaltverherrlichung" ist die Rede, "das kann nicht gut für junge Menschen sein", "Killerspiele konditionieren Heranwachsende zur Gewalt", "so ein Blödsinn, ich erschieße jeden Tag Computergegner und bin dennoch Pazifist" - wenn man einen Blick in die Foren zu Berichten wirft, die über die aktuellen Entwicklungen in der so genannten "Killerspiel-Debatte" berichten, hat man das Gefühl, es gäbe gar keinen richtigen Diskurs. Hier gibt es lediglich zwei Seiten mit zwei vorgefertigten Meinungen. Allerdings scheint dies nicht nur auf Konsumentenseite so zu sein, selbst Entscheidungsträger und Politiker argumentieren, als ob sie von Meinungen, anstatt Erkenntnissen getrieben würden. Bei jedem Amoklauf eines Jugendlichen wird sofort nachgeforscht, ob der Täter vielleicht brutale Computerspiele konsumiert hat. Allein schon die Bezeichnung "Killerspiel" impliziert bereits Negatives, aber ist dies auch nur Ansatzweise gerechtfertigt?

Zu Komplex für ein Spiel

Ganz offensichtlich handelt es sich um ein äußerst schwieriges Thema, das eigentlich von Fachkundigen und nicht von Meinungsträgern diskutiert werden sollte. Rasch werden Schlüsse gezogen, Zusammenhänge hergestellt und Aussagen wie "Gewaltspiele fördern aggressives Verhalten" getroffen. Nach Deutschland hat nun auch die Schweiz beschlossen, besonders brutale Videospiele zu verbieten. Für die Initiatorin der schweizer Gesetzesinitiative, der Sozialdemokratin Evi Allemann, ist klar, dass "ein exzessiver Konsum von Actiongames einen Einfluss auf das Aggressionspotenzial hat." Aber entspricht dies auch den Erfahrungswerten der Wissenschaft?

"Tatsächlich wissen wir heute immer noch sehr wenig über die Wirkung von Computerspielen und werden es wahrscheinlich auch in Zukunft niemals vollständig wissen", erklärt Michael Wagner von der Donau-Uni Krems. Wagner ist Universitätsprofessor für Technologieunterstütztes Lernen und Multimedia und in seiner Tätigkeit einer jener wenigen Experten, die sich dezidiert mit der Wirkung von Videospielen beschäftigen. "Die meisten Expertinnen und Experten, die zum Thema Computerspiel forschen, gehen heute davon aus, dass es keine oder maximal eine vernachlässigbare Wirkung gibt", so Wagner. Aber weshalb finden sich dann immer wieder Studien, die auf eine aggressionsfördernde Eigenschaft von Videospielen hinweisen. "Der Grund für die weite Streuung der Aussagen liegt darin, dass man auch als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler bei einem derartig emotionalisiertem Thema Gefahr läuft, die eigene Meinung unbewusst in die wissenschaftliche Bewertung einfließen zu lassen. Da es sich um ein extrem schwierig zu erforschendes Gebiet handelt, ist dies leider häufiger der Fall als es eigentlich sein sollte."

Amokläufer kommen nicht aus dem Computer

Wagner nach dürfte die Komplexität also eine wesentliche Rolle bei der Meinungsbildung spielen. "Es handelt sich um ein Thema, dass für jedermann leicht zugänglich ist und eine auf dem so genannten Hausverstand beruhende Scheinlösung anbietet. Tatsächlich ist die Problematik allerdings erheblich komplizierter, als man selbst als Experte auf den ersten Blick annimmt." Laut dem Wissenschaftler sei dies der Grund dafür, weshalb die Debatte auch in den Massenmedien nicht differenzierter geführt würde. "Diese Komplexität ist dem Großteil der Bevölkerung nicht vermittelbar und stößt daher in den Massenmedien auf geringes Interesse."

Aber welche klaren Erkenntnisse gibt es denn? Können Gewaltspiele nun vielleicht doch Gewaltausbrüche in der Größenordnung eines Amoklaufs provozieren? "Dazu gibt es aus wissenschaftlicher Sicht ein ganz klares Nein, selbst von den heftigsten Kritikern von Computerspielen. Computerspiele können ein derartiges Verhalten nicht auslösen", betont Wagner. "Die Gründe für einen Amoklauf liegen in der Regel in einer tiefgehenden persönlichen Verletzung, die sich über Jahre hinaus aufbaut. Wenn überhaupt ist der Konsum von derartigen Spielen höchstens ein Symptom aber niemals eine Ursache."

Sind Verbote sinnvoll?

Weshalb greifen dann Österreichs deutschsprachige Nachbarländer dennoch zur Brechstange und boxen Verbote durch? "Es gibt in den deutschsprachigen Ländern eine gewisse Tradition der so genannten Bewahrpädagogik, also der Tendenz, Medien oder Inhalte, die als gefährlich betrachtet werden, lieber zur Sicherheit zu verbieten", so Wagner. Dabei stelle sich aus Konsumentensicht überhaupt die Frage, wie sinnvoll derartige Verbote sind. Dank Euro und EU stellen Importe schließlich auch keine Hürde mehr da. "In der heutigen Zeit hat sich dieser Ansatz (des Verbietens) vollkommen ad absurdum geführt. Durch ein Verbot werden Inhalte für die Jugendlichen noch interessanter und die Verbreitung durch das Internet lässt sich mit rechtsstaatlichen Mitteln heute nicht mehr verhindern. Durch ein Verbot erreicht man also genau genommen gerade das Gegenteil dessen wofür Jugendschutz steht", meint Wagner und teilt damit die Ansicht des Leiters der Bundesstelle für die Positivprädikatisierung von Computer- und Konsolenspielen (BuPP) Herbert Rosenstingl.

Rosenstingl unterstützt als Mitarbeiter des "Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend" Eltern dabei, sich mit dem Spielverhalten Ihrer Kinder auseinander zu setzen. Darüber hinaus empfiehlt das BuPP auch bestimmte, dem Alter der Jugendlichen entsprechende Spiele. Dass Verbote von Erfolg gekrönt würden, sieht auch Rosenstingl nicht. "International zeigt es sich immer wieder, dass Spiele nach der Indizierung eine weitere Verkaufsspitze erreichen und dass durch Importe die nationalen Maßnahmen der Anpassung umgangen werden."

Beruhigung und was hilft wirklich?

Trotz erregter Gemüter, hat der BuPP-Leiter nicht den Eindruck, dass der nicht altersgemäße Konsum von Videospielen ein massives Problem darstelle. "Abweichungen von ein oder zwei Jahren (dass also 10- oder 11-jährige Spiele mit der Kennzeichnung 12+ spielen) kommen zwar relativ häufig vor, da sind jedoch keine gravierenden Folgen zu befürchten. Größere Abweichungen scheinen selten." Wenn tatsächlich Kinder Inhalte konsumieren, die nicht für ihr Alter geeignet sind, läge dies seltener an reiner Neugier, als an familiären Umständen. "Wenn größere Abweichungen auftreten, dann scheinen diese im Allgemeinen im Zusammenhang mit schwierigeren Familien-Situationen zu stehen: Gleichgültigkeit und eine fehlende Gesprächsbasis zwischen den Erziehenden und den Kindern sind dort das zentrale Problem, das sich dann auch auf den Medienkonsum auswirkt", so Rosenstingl.

Demnach sei die grundlegende Kommunikation zwischen Eltern und Kindern der entscheidende Faktor beim Medienkonsum der Kinder und Jugendlichen. "Information und Motivation der Erziehenden und Eltern, sich mit ihren Kindern zu beschäftigen, ist der Schlüssel zum altersangemessenen Spielen." Gleichzeitig räumt er ein, dass es hierbei auch von Elternseite Mut kostet, an die oftmals unvertraute Thematik heranzutreten. "Die 'normalen' Differenzen und Ablösungsprozesse der Heranwachsenden machen es Eltern ohnehin schon schwer. Hinzu kommen hier eine Technologie und eine Art des Spielens, die den Erwachsenen fremd sind. Eltern brauchen dann den Mut, ihre Kinder schlicht zu fragen, was denn da im Spiel passiert und wie das funktioniert", gibt Rosenstingl zu bedenken.

Rechtslage und mögliches Verbot in Österreich?

Dass es in Österreich zu ähnlich breit angelegten Verboten kommt, wie etwa in Deutschland, ist ob derartiger Initiativen wie dem BuPP weniger wahrscheinlich. In Österreich ist die Lage überhaupt etwas speziell, da die Abgabe von Gewaltspielen an Jugendliche je nach Bundesland unterschiedlich geregelt wird. Hier kommen zwei Systeme zum Einsatz: Die wie in Deutschland eingesetzte und striktere USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) und der PEGI (Pan-European Game Information), wie er etwa auch in Großbritannien angewandt wird. Von Seiten des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend heißt es dazu, dass man sich zurzeit mitten in den Gesprächen zur "bundesweiten Harmonisierung des Jugendschutzes" befände und Videospiel-Verbote nicht Gegenstand der Verhandlungen seien. Allerdings setze man "verstärkt auf eine Bewusstseinsbildung durch die Positivprädikatisierung von Computerspielen." In einer aktuellen Aussendung hat sich die SPÖ zumindest einmal für eine Wien-weite Konsolidierung auf das PEGI-System ausgesprochen. Derzeit werden Konsumenten in der Landeshauptstadt noch mit beiden Alterskennzeichnungen im Fachhandel verwirrt.

Fraglich sei, so Prof. Wagner abschließend, ob es überhaupt strengerer Auflagen bedarf. "Meiner Meinung nach reicht die derzeitige Gesetzeslage durchaus aus. Es ist ja auch jetzt schon möglich, Inhalte unter gewissen Umständen entweder zu verbieten und unter einen strengen Jugendschutz zu stellen." Videospiele als Sündenbock darzustellen, mache jedenfalls weder aus wissenschaftlicher, noch aus pädagogischer Sicht einen Sinn.

(Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 28.3.2010)

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julianpeter
03
10.5.2010, 21:09
Diesen Satz muss ich mir merken

"Diese Komplexität ist dem Großteil der Bevölkerung nicht vermittelbar..."
Das trifft den Nagel auf den Kopf, meistens, egal welches Thema.

Am dam des
00
11.5.2010, 09:10
es ist alles furchtbar kompliziert

wer auf dm markt hosen verkauft, ist sich der verantwortung nicht bewußt (oder hieß es „der tragweite“?)

mayho33
11
12.4.2010, 15:34
Ich glaube nicht...

...dass radikale Islamisten und sonstige Selbstmord attentäter, die man durchaus als Amokläufer bezeichnen darf, Ego-Shooter spielen.
Wahrscheinlich allein aus glaubensgründen schon. Trotzdem findet man dort die meißten Schießwütigen und "Ich-sprenge-mich-im-Bahnhof-in-die-Luft-Idioten"

Eventuell hat das was mit dem Glauben zu tun? Gut dass ich aus der Kirche schon ausgetreten bin

Eine Kreatur
00
"selbst Entscheidungsträger und Politiker argumentieren, als ob sie von Meinungen, anstatt Erkenntnissen getrieben würden."

und das ist ... neu ???????

entweder der herr journalist hat keinen schimmer von der realen welt oder er ist selbst eine computergeneriert identität mit den heutzutage noch sehr beschränkten selbstständigen wahrnehmungs- und lernfähigkeiten

ketter_nerl
00
13.4.2010, 12:00
Recht hoda!

Es wird nicht mehr lange dauern bis Gaming-Nerds hochrangige Politiker werden und die ganze Sache dann etwas empirischer behandelt wird - im positiven Sinne für uns Gamer. :)

htt29
00

solange nicht mehr leute amok laufen, werden wir nie wirklich wissen woran es liegt.

marksu
00
beides unbewiesen

ich denke nicht, dass diese spiel per se krank machen, aber es gibt eben sicher auch labile leute, die sich dadurch inspirieren lassen und machtgefühle ausleben.

Takis
00
26.4.2010, 13:04

Sollen sie doch ihre Machgefühle ausleben am Computer.
Und wenn einer wirklich amok läuft, dann war er sowieso gewaltbereit und geisteskrank. Da haben Computerspiele keinen Einfluss.

BAMM der Trollkilla
00
BAMM...

immer das gleiche....

früher bücher, dann platten mit "böser" musik, brutale filme und jetzt halt computerspiele :)

warum lernen die menschen nicht?

und zu ihrer argumentation unten:

wenn nur ein autofahrer alkoholisiert autofährt und jemandem umbringt dann ist das schon zuviel---> deswegen autos und alkohol verbieten!
...
was für eine schwachsinnige argumentation!

Dr.mumunator
01
30.3.2010, 20:59
Einer der wenigen guten Artikel zu diesem Thema

Eine Kreatur
00
naja ..

wer da die erkenntnis hat, dass politikerInnen und meinungsbildnerInnen meinungen vertreten und nicht unbedingt erkenntnisse, muss ein ziemlich schräger typ sein ..

und auch sonst vermittelt der artikel mehr die aussage "alles sehr kompliziert und vermutlich nie genau erklärbar .." und sonst beschränkt sich der herr nur darauf, meinungen und aussagen anderer zu sammeln und zusammenzufassen ..

kurzum - etwas lahm .. unter journalismus verstehe ich etwas anderes ..

ramshackle
32
30.3.2010, 20:09

Wenn jeder, der "Killerspiele" spielt amok laufen würde, dann ..naja dann wär wohl zB der Sprit nicht mehr so teuer, weil die Nachfrage fehlen würde.

Vgl.: Wenn jeder, der gerne Sex hat zum Vergewaltiger würde, ...

Andrian Susu
92
31.3.2010, 01:09
schwachsinniger, unpassender Vergleich

1) es reicht wenn einer aus hundert amok läuft

2) wenn sie tagtäglich auf dem rechner vergewaltigung spielen, dann besteht ein risiko, dass sie das auch im realen leben irgendwann austicken

mayho33
00
12.4.2010, 15:29
Ach wirklich??

...und wenn ich am Computer eine Site kreiere, dann habe ich auch sicher Ambitionen Phissing zu betreibern.

Mache verbreiten mehr gequirrlte SCH.... als sich in ihrem Kopf befindet

Markus KA
01

Es läuft einer von hunderten Millionen Amok.

Das allein sollte selbst dem langsamsten beweisen, dass hier kein Zusammenhang besteht.

maruh
00
31.3.2010, 15:39

einer aus hundert....

03.12.2008
Counter-Strike (PC) - 4,2 Millionen Stück
Counter-Strike: Condition Zero (PC) - 2,9 Millionen Stück
Counter-Strike: Source (PC) - 2,1 Millionen Stüück
Counter-Strike (Xbox) - 1,5 Millionen Stück


muss man jetzt angst bekommen?

marksu
00
selbst wenn einer aus 7 mill oder einer aus 80 mill

austickt wegen dem scheiss, dann ist es quatsch das runterzuspielen

herois
01

und rauchen darf man?

Al Borland
01

Nein, ist es nicht.

Wenn andere Todesursachen ein paar 100000mal wahrscheinlicher sind als ein Amoklauf, dann darf man es sehr wohl "herunterspielen".

Bernout
 
01
31.3.2010, 04:13

Wenn "einer aus hundert" Amok laufen würde, hätten wir auch schon den Ausnahmezustand.

Interessant, welche Vorstellung Sie von der Verbreitung von Shootern (oder was auch immer man unter "Killerspielen" versteht) haben.

Knochenmann
15
31.3.2010, 03:15

Einer aus hundert wäre in Deutschnad bei 10 Millionen spielern auch schon 100.000 Amokläufer. Ich glaube, das würde man bemerken.

2) Mein Lieblingsspiel am PC ist Defcon, ein spiel in dem man mit Atombomben Millionen von Zivilisten tötet (pro eine Million gibts einen Punkt). Wie hoch ist das Risiko das ich im wirklichen Leben einen Atomkrieg starte?

marksu
10
mit idiotischen rechnungen und vergleichen wird das problem nicht gelöst

fludriwusch
02
es gibt nur kein problem

also mach kein´ draus und verallgemeinere nicht...

schind-luder
10
30.3.2010, 19:55
Games don't kill people - guns do!!

Ich, der sch... Gutmensch
11
30.3.2010, 20:51
But people pull the trigger

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