"Stehen wir auf und gehen wir"

26. März 2010, 18:52
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Skifahrerin Claudia Lösch, die vier Medaillen gewann, starrt zurück, wenn sie angestarrt wird, ist gegen Quoten und will Behinderten als Role-Model dienen

Standard: Als das Paralympics-Team am Flughafen empfangen wurde, wurde in einer Politikerrede die Leistung behinderter Sportler mit jener, ich zitiere, "gesunder" Sportler verglichen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Lösch: Als Minister Darabos das gesagt hat, haben wir alle ein bisschen geschluckt. Den Terminus "gesund" als Gegensatz zu uns, das hören wir nicht so gern. Gott sei Dank hört man so etwas nicht mehr so oft wie früher. Das Gegenteil von gesund ist krank, und das Gegenteil von behindert ist nichtbehindert.

Standard: In Ihrem Steckbrief steht "Querschnittlähmung L2". Was bedeutet das?

Lösch: L2 steht für den zweiten Lendenwirbel. Das gibt die Lähmungshöhe an. Die geringste Lähmungshöhe ist L5, höher als L sind die Lähmungshöhen TH und C, die für Brust- und Halswirbel stehen. Bei mir ist es so, dass die Oberkörpermuskulatur uneingeschränkt funktioniert, nur die Beinmuskulatur ist gelähmt.

Standard: Sie sind seit einem Autounfall behindert, damals waren Sie fünf Jahre alt. Wissen Sie das genaue Datum des Unfalls?

Lösch: Natürlich, der siebente Oktober. Den weiß ich, wie ich meinen Geburtstag weiß oder andere ihren Hochzeitstag wissen. Okay, den wissen vielleicht nicht alle. Der siebente Oktober gehört zu meinem Leben, er ist sowieso leicht zu merken, ich hab nur zwölf Tage später Geburtstag.

Standard: Wie ist der Unfall passiert, welche Erinnerungen daran haben Sie?

Lösch: Es war auf der B4 bei Großweikersdorf, meine Mutter hat überholt, die Stelle war mehr oder weniger übersichtlich. Wir sind nicht mehr in die Spur zurückgekommen, der Zusammenstoß war frontal. Mich hat es am schwersten erwischt. Ich kann mich nur noch an das Gesicht des Mannes erinnern, der mich aus dem Auto gezogen hat.

Standard: Gibt es Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall?

Lösch: Das sind Erinnerungen wie Schnappschüsse, die eine oder andere Szene in einem Urlaub. Aber wie das Gefühl zu gehen ist, weiß ich überhaupt nicht mehr. Ich hatte natürlich noch keine Ausbildung, kaum einen Freundeskreis, kein großes soziales Umfeld. Ich habe also keine Ahnung, wie mein Leben ohne den Unfall verlaufen wäre. Das ist ein Vorteil, das Was-wäre-Wenn ist sehr klein. Viele meiner Teamkollegen sind wirklich wo herausgerissen worden. Die hatten ihre Unfälle, als sie 20 oder 25 waren.

Standard: Für viele ist der Sport eine große Hilfe, um nach einem Unfall mit der Behinderung zurechtzukommen. Wie haben Sie zum Sport gefunden?

Lösch: Ich hab 1996 zufällig ein Rennen der Behinderten-Ski-WM im Fernsehen verfolgt und mir gedacht, cool, das will ich machen. Ich hab daheim gebettelt, bis ich einen Skikurs machen konnte, so ist es losgegangen. Als Neunjährige bin ich die ersten Rennen gefahren. Aber im Sport wäre ich auch ohne den Unfall gelandet, das lag in meinem Naturell.

Standard: Wie oft fühlen Sie sich tatsächlich behindert?

Lösch: Sicher gibt es immer wieder Situationen. Drei Stufen vor einem Restaurant, ein Strandurlaub, da kann es Probleme geben. Und man fährt halt lieber mit dem Auto als mit dem Zug. Es gibt Schaffner bei der ÖBB, die sich mächtig aufregen, wenn man ohne Voranmeldung mit einem Rollstuhl daherkommt. Das ist mir mehrmals passiert. Aber manchmal muss man halt kurzfristig wohin und kann sich nicht Tage vorher anmelden.

Standard: Ist Österreich generell behindertenfreundlich?

Lösch: Behindertenfreundlicher als früher. Es hat sich einiges getan, auch mit dem Behindertengleichstellungsgesetz, so gut oder schlecht es sein mag. Für Schwerbehinderte kann ich nicht sprechen, die haben sicher mehr und öfter Probleme. Aber ich sehe wenige Barrieren, vor allem natürlich in neuen Gebäuden.

Standard: Man nimmt in der Öffentlichkeit eher selten behinderte Menschen wahr. Da gibt es den einen Opernsänger, den einen Astrophysiker. Im österreichischen Nationalrat sind von 183 Abgeordneten nur zwei behindert. Könnten Quoten helfen?

Lösch: Ich bin eher gegen Quoten, bei Behinderten genauso wie bei Frauen. Quoten helfen vielleicht am Anfang, um etwas in Gang zu bringen. Aber sie sind auch gefährlich, weil bald einmal eine Qualifikation, auch wenn sie da ist, infrage gestellt wird. Die Quote ist nicht das Allheilmittel.

Standard: Stimmt es, dass Sie wegen Ihrer Behinderung beinah in einer Sonderschule gelandet wären?

Lösch: Das stimmt. Und das geht wohl vielen körperlich behinderten Kindern heute noch so. Da gibt es noch viel zu tun, auch wenn es langsam besser wird. Im Gymnasium in Horn war ich die allererste Behinderte. Mittlerweile gehen dort zwei Gehörlose und ein Blinder zur Schule.

Standard: Sie sagen, Sie haben Ihre Medaillen nicht nur für sich selbst, sondern für hunderttausende Behinderte in Österreich gewonnen. Wie ist das gemeint?

Lösch: Ich komme einmal pro Woche ins Reha-Zentrum. Und wenn ich dort den Schwerverletzten erzähle, wo ich herumfahre in der Welt und was ich erreicht habe, dann leuchten ihre Augen. Dann sehen diese Menschen, es gibt auch ein Leben nach dem Unfall. Deshalb hoffe ich schon, als Role-Model dienen zu können. Und ich hoffe, dass einige Mädels anfangen mit meinem Sport. Derzeit gibt es in Österreich nur ganz wenige, deshalb trainiere ich vor allem mit den Männern.

Standard: Müssen Sie oft um Hilfe ersuchen? Und ist das ein Problem für Sie?

Lösch: Jetzt gar nicht mehr. Am Anfang, in den ersten Jahren nach dem Unfall, bin ich mir halt ziemlich behindert vorgekommen, wenn ich um Hilfe fragen musste. Jetzt gibt es in der Woche vielleicht zwei, drei Situationen, in denen ich wirklich auf Hilfe angewiesen bin. Ich lebe in Innsbruck allein in einer Wohnung, die halte ich selbst in Schuss. Ich habe ein eigenes Auto, bin mobil.

Standard: Was stört Sie an Menschen, die Ihnen begegnen?

Lösch: Wenn sie mich anstarren. Ich habe mir irgendwann angewöhnt, in solchen Fällen einfach zurückzustarren. Das hilft sehr. Manchmal bin ich auch mit einer Freundin unterwegs, und die Leute fragen sie, wie es mir geht, statt dass sie mich direkt fragen.

Standard: Gehen Sie oft aus? Wobei, jetzt merke ich, die Frage ist wohl blöd formuliert.

Lösch: Ist mir gar nicht aufgefallen. Das passiert mir auch selbst, dass ich sage, gehen wir einen Kaffee trinken. Stehen wir auf und gehen wir, auch das hab ich schon gesagt, ohne es zu merken. Alle anderen am Tisch haben gelacht. Also: Ja, ich gehe manchmal aus.

Standard: Sind Sie liiert?

Lösch: Dafür hab ich momentan einfach keine Zeit. Aber ich mach mir da auch keinen Stress. Ich bin so oft auf Trainingslager und bei Wettkämpfen, dass ich sehr viel meiner Zeit mit Teamkollegen verbringe. Aber Teamkollegen kommen nicht infrage, im eigenen Teich fischt man nicht.

Standard: Werden die vier Medaillen von Vancouver Ihr Leben verändern?

Lösch: Darauf bin ich selbst gespannt. Privat ändert sich hoffentlich wenig bis gar nichts. Bei der Sponsorensuche werd ich mir vielleicht leichter tun. Wüstenrot, zum Beispiel, unterstützt mich seit einigen Jahren schon und will diese Zusammenarbeit ausweiten. Jetzt hat mich der ORF zu "Sport am Sonntag" eingeladen, nächste Woche gibt's noch einige Empfänge. Ich will aber unbedingt bald noch einmal auf die Piste, damit ich die Saison mit einem guten Technikgefühl beende. In wenigen Wochen geht schon wieder das Konditionstraining los. Und ich muss schauen, dass ich im Studium etwas weiterbringe.

Standard: Sie studieren Politikwissenschaften.

Lösch: Und ich will Journalistin werden. Die Ski-Karriere wird irgendwann vorbei sein, dann sollte ich etwas anderes parat haben. Mit dem Geld, das ich im Sport verdiene, werde ich mir keine Häuser bauen können.

Standard: Sie haben im vorigen Sommer gemeinsam mit den nichtbehinderten ÖSV-Damen in Chile trainiert. Wird's eine Wiederholung geben?

Lösch: Das hoffe ich stark. Diese zwei Wochen haben mir enorm viel gebracht, da habe ich die Basis zu den Paralympics-Erfolgen gelegt. Technisch abschauen kann ich mir als Monoskifahrerin weniger als unsere Stehendfahrer. Aber die Infrastruktur, die Möglichkeiten in Chile waren toll. Und nächstes Jahr im Jänner steht die WM in Sestriere an, auf einer Piste, die mir wirklich liegt. Sie ist anspruchsvoll, hat schwierige Kurven und Übergänge, man muss auch mit dem Kopf fahren.

Standard: Welche Geschwindigkeiten können Sie in einer Abfahrt erreichen?

Lösch: Das können ungefähr 100 bis 110 Stundenkilometer werden. Einige Male bin ich schon wild geflogen, zweimal war ich auch bewusstlos, aber außer Prellungen hab ich mir nie etwas getan. Vielleicht habe ich ein Talent zu fliegen.

Standard: Nehmen Sie Risiko, weil Ihnen eh schon so viel passiert ist?

Lösch: Nein. Aber ich mag den Adrenalinkick in einem Skirennen. Autofahren tu ich ganz normal. Obwohl jeder Mensch im Schnitt einen Autounfall in seinem Leben hat. Und meinen Autounfall hatte ich ja schon.

Standard: Jetzt also ganz bewusst so gefragt: Gehen Sie auch privat Skifahren?

Lösch: Regelmäßig, am Stubaier Gletscher, im Kühtai, in der Axamer Lizum. In meinem Freundeskreis sind Skifahrer und vor allem Snowboarder. Einige sind richtig schnell. Aber normalerweise bin schon ich diejenige, die am schnellsten unten ist. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe 27.03.2010)

Zur Person:

Claudia Lösch (21), geboren in Wien, wuchs in Neupölla/Waldviertel auf, wohnt in Innsbruck. Studiert Politikwissenschaften, spricht Englisch, Französisch, Italienisch, lernt Arabisch, "aber das ist wirklich schwierig". Seit einem Autounfall 1994 querschnittgelähmt, fährt sie seit 1997 Skirennen (Kategorie Monoski sitzend). 2009 holte sie den Gesamt-, den Slalom- und den Superkombi-Weltcup sowie WM-Silber im Riesenslalom und in der Superkombination. 2006 in Turin gewann sie als Dritte in der Abfahrt ihre erste Medaille bei Paralympics, kürzlich folgten in Vancouver Gold im Slalom und im Super-G, Silber in der Superkombination sowie Bronze in der Abfahrt.

  • Claudia Lösch bei der Medaillenzeremonie in Vancouver.
    foto: öpc / franz baldauf

    Claudia Lösch bei der Medaillenzeremonie in Vancouver.

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