"Ich habe Angst vor der Regenzeit"

26. März 2010, 18:49
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Vom Wiederaufbau in Haiti ist zweieinhalb Monate nach dem Beben vielerorts wenig bemerkbar

Steht man vor dem "Weißen Haus", dem Präsidentenpalast in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince, kann man erkennen, was sich in den zweieinhalb Monaten seit dem Beben mit über 200.000 Toten im Land getan hat. Recht wenig. Denn das zusammengesackte Gebäude sieht noch genauso aus wie nach dem 12. Jänner. Schutt ist kaum weggeräumt, kein Baukran in Sicht. Dafür befindet sich schräg gegenüber eine Zeltstadt in der sich nachts bis zu 40.000 Menschen in selbst gebauten Unterkünften drängen.

In Leogane, dem Epizentrum des Bebens, gibt es im Camp am Eingang der Stadt zwei augenscheinliche Veränderungen. Es leben jetzt mehr Menschen hier (über 5000) und der Rasen des Sportplatzes hat sich in eine Schlammlandschaft verwandelt. "Ich habe Angst vor der Regenzeit", sagt Mercilien Juste vom selbstorganisierten Komitee des Lagers. Er sitzt in einem Unterstand, in dem acht Kirchenbänke und ein Stehpult darauf hinweisen, dass hier bis vor kurzem die Kinder des Lagers von Freiwilligen unterrichtet wurden. Inzwischen ist die „Schule" in ein größeres Zelt übersiedelt.

"Neben dem Regen sind die Toiletten das größte Problem", erzählt der 30-Jährige weiter. „Wir haben sechs Toiletten für 5000 Menschen, die Löcher sind nicht einmal zwei Meter tief. Nach einer guten Woche sind sie voll und wir müssen die nächsten graben." 

Die drohenden Niederschläge sind eine der größten Schwierigkeiten in einem Lager in Cazeau, einem Stadtteil von Port-au-Prince, wo das Hilfswerk Austria International (HWA) für die medizinische Versorgung zuständig ist. Das Lager ist auf abschüssigem Grund gebaut. Nach zwei Stunden Tropenregen steht man vor den unteren Zelten knöcheltief in übel riechendem, zähem Schlamm.

Mit zwei mobilen Teams zu je fünf Ärzten und Schwestern betreut Magalita Lajoie im HWA-Auftrag mindestens 100 Personen täglich in Cazeau, impft, verschreibt Tabletten und gibt Gesundheitstipps.

Die Versorgung mit Hilfsgütern ist nicht gerade einfacher geworden. In Jimani, an der Grenze zur Dominikanischen Republik, stauen sich die Lkw. Die Regierung will deren Ladung genau kontrollieren. Lokale Händler haben Druck ausgeübt, da sie durch Gratis-Lieferungen um ihr Geschäft fürchten.

Kritik an der Regierung

Die Regierung ist beim Großteil der Bevölkerung nicht gut angeschrieben. Vertreter ließen sich in Lagern kaum blicken, im "Cash for Work"-Programm der Uno verhinderte sie bessere Löhne. "Wir verdienen 40 haitianische Dollar am Tag (3,66 Euro), das reicht nicht", erzählt Exilus Benski, als er die Abbrucharbeiten an einem Haus auf der Hauptstraße zum Flughafen unterbricht. Die Uno hätte den rund 10.000 Arbeitern die 40 Dollar pro Stunde bezahlt - der Präsident wollte nicht. Er fürchtete, sich das nach Abzug der NGOs nicht mehr leisten zu können.

Schweres Gerät wie Caterpillars oder Schaufelbagger sind in der Stadt nur selten zu sehen. Eine Ausnahme ist die "Foyer Culturel San Vincent de Paul"-Schule in Cité Soleil, einem der ärmsten Viertel der Hauptstadt. Der Staub weht über den Pausenhof, während der Bagger den Schutt in die Kipplader hievt. Mehrere hundert Schüler erwarten in der brütenden Mittagshitze neugierig die Ankunft der vom HWA eingeladenen Journalisten.

2000 Kinder zwischen sechs und 19 Jahren wurden hier vor dem Beben unterrichtet, bekamen eine warme Mahlzeit. Nun gibt es nichts mehr, klagt Direktor Petit Elnerve. Man könne nur versuchen, die Kinder abzulenken. HWA will 450.000 Euro investieren, knapp die Hälfte davon käme von "Nachbar in Not". Um das Geld würden Schulzelte aufgestellt, Bücher und Schreibmaterialien geliefert und für Essen zu gesorgt.

Madeline Alexandre (11) freut das, denn "Zuhause gibt es kein Essen und keine Freunde". Stephen (etwa 12) hat andere Zukunftsvorstellungen. Er erkundigt sich, aus welchem Land man stammt - und ob man ihn dorthin mitnehmen will. Als Adoptionskind, vielleicht.

Bis in Haiti wieder alle ein Dach über dem Kopf haben, wird es Jahre dauern. Ein Masterplan für den Wiederaufbau wird erarbeitet. Für die Leute in den Camps wären ordentliche Sanitäranlagen, fester Boden und Kanäle im Moment das Wichtigste. Doch bis zur Regenzeit dürften diese Standards in maximal zwei Camps im Norden der Hauptstadt erfüllt werden. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 27./28.3.2010)

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    Jugendlicher wäscht sich in Port-au-Prince sein Gesicht mit Abwasser - In der überwiegenden Zahl der Camps im Erdbebengebiet Haitis ist die hygienische Situation äußerst prekär

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