Der Wiener Hang zur Girlande

26. März 2010, 17:17
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August Ruhs ergänzt den kunsthistorischen Blick auf Kunst und Wahnsinn um die Betrachtungen eines Psychiaters und Psychoanalytikers

Standard: Im 19. Jahrhundert hat sich die Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin entwickelt. Rund um 1900 fanden die Themen Geisteskrankheit und Hysterie großen Widerhall bei Künstlern, die nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchten. In der Ausstellung "Madness & Modernity" im Wien- Museum (bis 2. 5., Anm.) entsteht der Eindruck, diese Affinität sei eine modische Erscheinung? Ist sie im Zeitgeist begründet?

Ruhs: Zu jeder Jahrhundertwende geht es um Phantasmen des Untergangs und Bestrebungen des Aufbruchs - besonders in Wien, wo sich die Beseitigung des Absolutismus ankündigte. Aufbrechend waren u.a. industrielle Revolution, die neuen sozialen Bewegungen, die sich mobilisierende Arbeiterklasse. Es kam zu einem Aufeinanderprallen von zwei Welten, einer untergehenden und einer aufkommenden. Aus dem heraus kam das liberale Bürgertum plötzlich zu einer gewissen Vormachtstellung. Hier stellte sich das in einer für Wien typischen Figur dar:jener des Kreises und Einkreisens. Anderswo galt die Gerade als gescheite, kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Die Wiener aber hatten schon immer einen Hang zu Bogen, Kreis und Girlande - Mentalitätsfiguren gewissermaßen. Abgesehen davon, dass man zum Kongress getanzt hat, vollzog sich auch die Bewegung des liberalen Bürgertums kreisförmig: Die Monarchie wurde langsam eingekreist;daraus entstand die Ringstraße. Wien hat keine Avenues oder Boulevards wie Paris oder Berlin. Hier wurde eingekreist, so wie bei einer Phagozytose (Anm.: Fresszelle).

Standard: Und das Bürgertum war so fasziniert vom Wahnsinn, dass es Künstler ins Sanatorium für Geistes- und Nervenkranke am Steinhof schickte, um berühmte Insassen zu porträtieren? Warum?

Ruhs: In der Literaturgeschichte heißt es, dass in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts der Naturalismus zu überwinden und die Romantik neu zu besetzen war. Und das führte zu einer seltsamen wissenschaftlich fundierten Beschäftigung mit nichtrationalen, realitätsfremden Dingen, wie etwa dem Seelenleben, dem Traum, der Fantasie. Und daraus ist diese ganze ästhetische Bewegung entstanden, die die Brüder Goncourt als "art des nerfs" , als Nervenkunst, bezeichneten. Einen Begriff, den Hermann Bahr aufgriff, um die neue ästhetische Mentalität in Kunst und Literatur in Wien um 1900 zu beschreiben. Mit besonderem Interesse machte man sich an das menschliche Innen- und Seelenleben heran. Ein Stil, der nicht nur modern, sondern auch modisch war. Man hat sich gegenseitig überboten in der Beschreibung seelischer Zustände. Und dieses weite Land der Seele hat dann Freud wissenschaftlich vermessen. Oder wie Karl Kraus gesagt hat: "Freud gebührt der Verdienst, in das Chaos des Traums eine Verfassung eingebaut zu haben, aber es geht darin zu wie in Österreich."

Standard: Freud nahm ja einen antivisuellen Standpunkt ein. Er lehnte das Bild und die Analyse des sichtbaren Körpers als Diagnose-Werkzeug in der psychiatrischen Behandlung ab. Also genau das, was sein Lehrer, Jean-Martin Charcot, am Pariser Hôpital Salpêtrière verfocht. Wie kam das?

Ruhs: Freud ist sehr bald über das anatomische Sezieren zum psychologischen Sezieren des Menschen gekommen. Die Anstöße dazu kamen aber aus Paris, wo man sich für Psychologie schon wesentlich mehr interessierte. Hysterie war damals eines der Rätsel der Medizin. Die Hysterie-Patienten passten in kein Schema;in Wien trieb man sie als Simulanten aus dem Krankenhaus. Charcot hat die Hysterie als Krankheit wieder in die Medizin einbezogen und zeigte, dass sie keine Besessenheit oder kein religiöses Wunder ist. Deswegen studierte Freud bei ihm, passte sich aber zunächst deutlich an diesen Stil der Beobachtung an.

Standard: Er hat die visuelle Analyse also erst später abgelehnt?

Ruhs:Ja. In seiner Studie über die Hysterie merkt man noch sehr viel von dieser visuellen Analyse; er beschreibt ganz genau, aber ohne Bild. Die Skizzen und Zeichnungen in seinem Werk kann man an zwei Händen abzählen. Freud hatte einen ganz ambivalenten Bezug zum Bild und zum Sinnlichen. Er sagte immer, er sei aufgrund seiner jüdischen Herkunft mehr dem Intellekt als dem Sinnlichen zugeneigt. Auf literarischer Ebene war er ein großer Meister. Den revolutionären Wechsel vollzog er, indem er die Patienten nicht mehr angeschaut, sondern ihnen zugehört hat. Dieser Paradigmenwechsel zum Akustischen war eigentlich die Geburt der Psychoanalyse: dass man die heimliche Botschaft der Hysterie hört und nicht glaubt, sie irgendwo zu sehen.

Standard:Das bringt uns zurück zu Charcot: Der Glaube an den Diagnosewert des Bildes ging mit der Überzeugung einher, dass der Blick des Arztes mit jenem des Künstlers verschmolzen werden muss. Was hatte Charcot mit Kunst am Hut?

Ruhs: Charcot wollte Künstler werden, sein Vater hat es ihm aber verboten. Er musste Arzt werden, hat aber seine Neigung in den neurologischen Beruf hinübergerettet: in Form von akribischer Darstellung, Beschreibung, Zeichnung und Fotografie seelischer Zustände. Er hat auch seltsame Doppelbeziehungen zwischen Hysterie und Kunstgeschichte hergestellt. Er wollte zeigen, dass die Hysterie eine Krankheit ist, die sich um Imitation bemüht. Dass Hysteriker neurologische Erkrankungen mit komischen Lähmungen, aber auch Kunstwerke imitieren. Die Hysteriker haben ihm zuliebe alles Mögliche aufgeführt, ihm Illustrationen für seine Theorien geliefert. Lacan hat einmal gesagt: Für 9,50 Franc (den Gegenwert eines Buchs) erhielt man die Reproduktion eines hysterischen Anfalls. Die leidenschaftlichen Hysteriker haben für ihn Kunstwerke imitiert, die Passion Christi aufgeführt. Und so kam er dazu, eine gegenseitige Befruchtung zwischen Hysterie und Kunst zu sehen. Künstler haben immer schon hysterische Patienten dargestellt, weil sie Träger von Leidenschaften waren. Man sagt, dass es seit Charcot eine Invasion des Pathologischen in der Kunst gegeben hat.

Standard: Schieles Beschäftigung mit der Darstellung psychischer Störungen war eng mit seinen Selbstbildnissen verbunden. Die Journale Charcots sollen ihm bekannt gewesen sein.

Ruhs: Entsprechend Charcots Theorien haben sich die Künstler tatsächlich vermehrt seelischem Ausdrucksverhalten und Deformationen des Körpers aufgrund seelischer Zustände hingegeben. Schiele gilt als Musterbeispiel für diese Beeinflussung der Kunst durch das Pathologische.

Standard: Wir stehen hier vor einem Stich, der in Freuds Praxis hing und eine Hysterikerin bei Charcot zeigt. Freud ging ja über Charcot hinaus, wieso hing also dieses Blatt bei ihm?

Ruhs: Das war schon eine echte Hommage. Er hat ja sogar Martin, einen seiner Söhne, nach ihm benannt. Die pathologisch wirksamen Erinnerungen, an denen Hysteriker leiden, werden entweder unbewusst reproduziert oder mental erinnert. Charcot hat diese erste körperliche Ausdrucksform kennengelernt. Freud hat die dazugehörige mentale Erinnerung geliefert, das dahinterliegende Begehren erkannt. Erst, wenn man beides zusammen nimmt, kann man das Wesen des hysterischen Anfalls erkennen.

Standard: Trotz aller Skepsis gegenüber Bildern hatte Freud aber eine Kunstsammlung.

Ruhs: Ja, Freud war obsessiver Sammler. Er sagte, das Sammeln von alten Skulpturen werde nur noch von seiner Nikotinsucht übertroffen. Seine Sammlung spiegelt eine sehr konservative Haltung wider. Der Medizinerberuf bezieht ja seine Neigung auch aus dem Versuch, den Tod zu überwinden. Und genau das war die heimliche Motivation für seine Leidenschaft:die Darstellung des Todes und seiner Grenzerfahrungen, verbunden mit der Thematik von Schlaf, Traum, Tod. Die Objekte mussten einen archäologischen Touch haben, damit er sie "ausgraben" und "wiederbeleben" konnte. Darum hat er von der Gegenwartskunst keine Kenntnis genommen. Die Surrealisten, die ihn zum Schutzpatron ernannt haben, hat er sogar mit Häme bedacht. Anlässlich des Wienbesuchs von André Breton und Salvador Dalí sagte er: Sie kümmern sich nur um Linien, Formen und Farben, frönen dem Lustprinzip. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe 27.3./28.3.2010)

 

Zur Person

Univ.-Prof. August Ruhs (Jg. 1946), Dr. med., ist stv. Vorstand der Wiener Uni-Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, Psychoanalytiker im Vorstand der Freud-Gesellschaft, Mitbegründer der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule.

  • August Ruhs, Psychiater und Psychotherapeut vor den sogenannten 
Charakterköpfen Franz Xaver Messerschmidts: Für die grotesken 
Gesichtsausdrücke könnten durchaus Hysteriker Modell gesessen haben. 
    foto: newald

    August Ruhs, Psychiater und Psychotherapeut vor den sogenannten Charakterköpfen Franz Xaver Messerschmidts: Für die grotesken Gesichtsausdrücke könnten durchaus Hysteriker Modell gesessen haben. 

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