NS-Opfer fordern 445 Mio. Entschädigung von Deutscher Bahn

26. März 2010, 16:53
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Erklärung von Verbänden aus Polen und postsowjetischen Staaten - Ersten Appell hatte das Unternehmen zurückgewiesen

Wien - Organisationen von NS-Opfern aus Polen, der Ukraine, Weißrussland und Russland haben am Freitag die Deutsche Bahn in einer gemeinsamen Erklärung zu einer Entschädigungszahlung aufgefordert. Das Unternehmen sei dazu gegenüber den Insassen von Gefangenentransporten während des zweiten Weltkriegs moralisch verpflichtet, erklärte Jozef Sowa, Vorsitzender der Vereinigung der durch das Dritte Reich Geschädigten.

"Wir appellieren an die deutsche und internationale Öffentlichkeit, sich an die Seite der Überlebenden zu stellen", heißt es in der Erklärung. Die NS-Opferorganisationen erwarteten als Entschädigung insgesamt einen Betrag von 445 Mio. Euro, erklärte Hans-Rüdiger Minow, Vorsitzender der deutschen Stiftung "Zug der Erinnerung", welche die Opferverbände unterstützt, bei einer Pressekonferenz in Warschau. Der Betrag entspreche nach vorsichtigen Schätzungen dem Gewinn, den die Reichsbahn im Dritten Reich durch Gefangenentransporte erzielte, so Minow. Zinsen seien nicht berücksichtigt worden.

Polnische NS-Opfer hatten schon im Jänner die Deutsche Bahn um eine "humanitäre Geste" gebeten. In ihrer Antwort habe das Unternehmen dies abgelehnt, so Jozef Sowa. Ähnlich hätten das deutsche Verkehrs- und das Finanzministerium reagiert, erklärte Hans-Rüdiger Minow. Die deutsche Regierung stehe auf dem Standpunkt, "dass nichts mehr zu tun bleibt, weil seit Gründung der Bundesrepublik schon erhebliche Zahlungen getätigt worden sind", so Minow.

Opferverbände aus der ehemaligen Sowjetunion wandten sich bisher selbstständig an die Deutsche Bahn. Auf einen Brief im Jänner habe er gar keine Antwort erhalten, sagte Markian Demidow vom Ukrainischen Verband der Opfer des Nazismus der APA. Dementsprechend verbittert sei er: "Die Deutschen behandeln uns wieder als Menschen zweiter Klasse", sagte er. Demidow wies darauf hin, dass viele der NS-Opfer in der Ukraine heute in Armut lebten.

Die Organisationen richten ihren Appell aus zwei Gründen heuer an die Deutsche Bahn. Zum einen wurde bekannt, dass der Konzern auf dem polnischen Markt für Passagiertransporte aktiv werden möchte. Zum anderen feiert die Bahn groß das 175. Jubiläum der ersten Bahnstrecke auf dem europäischen Festland, die 1835 zwischen Nürnberg und Fürth eingeweiht wurde. Sie bekenne sich also zu ihrer historischen Nachfolge auch der Reichsbahn im Dritten Reich, so das Argument.

Die Erklärung vom Freitag unterschrieben insgesamt 21 Opferorganisationen aus Polen, der Ukraine, Weißrussland und Russland. Ihr Anliegen wird unter anderem von der Stiftung Polnisch-Deutsche Versöhnung unterstützt.

Die Stiftung "Zug der Erinnerung" gibt an, dass die Reichsbahn allein drei Millionen Menschen aus ihrer Heimat in Konzentrationslager brachte. Dazu kämen Millionen von Transporten zwischen Arbeitslagern, so Hans-Rüdiger Minow, außerdem Millionen Transporte von Zwangsarbeitern. Pro Kilometer habe die Reichsbahn zwei Reichspfennige erhalten, häufig hätten die Gefangenen dies selbst bezahlen müssen. Die errechnete Summe von 445 Mio. Euro berücksichtige nur die dokumentierten Transporte, so Minow. (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Archivfoto von Opfern, die für das Konzentrationslager in Auschwitz bestimmt sind.

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