Erklärung von Verbänden aus Polen und postsowjetischen Staaten - Ersten Appell hatte das Unternehmen zurückgewiesen
Wien - Organisationen von NS-Opfern aus Polen, der Ukraine,
Weißrussland und Russland haben am Freitag die
Deutsche Bahn in einer
gemeinsamen Erklärung zu einer Entschädigungszahlung aufgefordert.
Das Unternehmen sei dazu gegenüber den Insassen von
Gefangenentransporten während des zweiten Weltkriegs moralisch
verpflichtet, erklärte Jozef Sowa, Vorsitzender der
Vereinigung der
durch das Dritte Reich Geschädigten.
"Wir appellieren an die
deutsche und internationale
Öffentlichkeit, sich an die Seite der Überlebenden zu stellen", heißt
es in der Erklärung. Die NS-Opferorganisationen erwarteten als
Entschädigung insgesamt einen Betrag von 445 Mio. Euro, erklärte
Hans-Rüdiger Minow, Vorsitzender der
deutschen Stiftung "Zug der
Erinnerung", welche die Opferverbände
unterstützt, bei einer
Pressekonferenz in Warschau. Der Betrag
entspreche nach vorsichtigen
Schätzungen dem Gewinn, den die
Reichsbahn im Dritten Reich durch
Gefangenentransporte erzielte, so Minow. Zinsen seien nicht
berücksichtigt worden.
Polnische NS-Opfer hatten schon im Jänner die Deutsche Bahn um
eine "humanitäre Geste" gebeten. In ihrer Antwort habe das
Unternehmen dies abgelehnt, so Jozef Sowa. Ähnlich hätten das
deutsche Verkehrs- und das Finanzministerium reagiert, erklärte
Hans-Rüdiger Minow. Die deutsche Regierung stehe auf dem
Standpunkt, "dass nichts mehr zu tun bleibt, weil seit Gründung der
Bundesrepublik schon erhebliche Zahlungen getätigt worden sind", so
Minow.
Opferverbände aus der
ehemaligen Sowjetunion wandten sich bisher
selbstständig an die Deutsche Bahn. Auf
einen Brief im Jänner habe er
gar keine Antwort erhalten, sagte Markian Demidow vom Ukrainischen
Verband der Opfer des Nazismus der APA. Dementsprechend verbittert
sei er: "Die Deutschen behandeln uns
wieder als Menschen zweiter
Klasse", sagte er. Demidow wies darauf hin, dass viele der NS-Opfer
in der Ukraine heute in Armut lebten.
Die Organisationen richten
ihren Appell aus zwei Gründen heuer an
die Deutsche Bahn. Zum einen wurde
bekannt, dass der Konzern auf dem
polnischen Markt für Passagiertransporte aktiv werden möchte. Zum
anderen feiert die Bahn groß das 175.
Jubiläum der ersten Bahnstrecke
auf dem europäischen Festland, die 1835
zwischen Nürnberg und Fürth
eingeweiht wurde. Sie bekenne sich also zu ihrer historischen
Nachfolge auch der Reichsbahn im Dritten
Reich, so das Argument.
Die Erklärung vom Freitag
unterschrieben insgesamt 21
Opferorganisationen aus Polen, der
Ukraine, Weißrussland und
Russland. Ihr Anliegen wird unter anderem von der
Stiftung
Polnisch-Deutsche Versöhnung unterstützt.
Die Stiftung "Zug der Erinnerung" gibt an, dass die Reichsbahn
allein drei Millionen Menschen aus ihrer Heimat in
Konzentrationslager brachte. Dazu kämen Millionen von Transporten
zwischen Arbeitslagern, so Hans-Rüdiger Minow, außerdem Millionen
Transporte von Zwangsarbeitern. Pro Kilometer habe die Reichsbahn
zwei Reichspfennige erhalten, häufig hätten die
Gefangenen dies
selbst bezahlen müssen. Die errechnete
Summe von 445 Mio. Euro
berücksichtige nur die dokumentierten
Transporte, so Minow. (APA)