Kanten, gleiten, Gleichgewicht halten: Mach den Siitonen!

    31. März 2010, 16:47
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    Die Region Kaiserwinkl punktet mit langen, sportlichen Loipen, die gut erreichbar sind

    "Nein, kein Butterbrot schmieren! Schau: kurz kanten und gleiten." Alfons Weingartner zeigt den Schritt vor und schaut abermals. So ganz zufrieden ist er noch nicht mit der Ausführung des Halbschlittschuhschritts, des Siitonen. In der nach dem finnischen Skilangläufer Pauli Siitonen benannten Technik gleitet ein Ski in der Spur, während der andere seitlich, zum Abstoßen, ausgeschert wird: "Nein. Nicht so, als würdest du dem Freund eine Watsch'n auflegen." Solch bildhafte Vergleiche hat Weingartner, der Langlauftrainer, viele auf Lager.

    Der 70-Jährige im orangefarbenen Dress ist in der Region Kaiserwinkl am Fuße des Nordtiroler Kaisergebirges so etwas wie der Pionier des Langlaufs. Schon in den 1960er-Jahren hat er die ersten Loipen gespurt – mit dem Schneemobil. Verstanden habe das in der Gegend zunächst keiner. Bei Neuschnee musste Weingartner häufig um fünf in der Früh hinaus: "Saukalt war das." Oft habe er sich beim Bauern im Stall aufwärmen müssen. Und wenn der Schneepflug kam und den Schnee wieder in die Spur gehaut hat, hieß es: schaufeln. "Der Aufbau war wirklich schwierig" , erzählt Alfons Weingartner nicht ohne Stolz. "Ich hab mich über jeden Einzelnen gefreut, den ich auf der Loipe gesehen habe. Dafür hat sich die Mühe gelohnt.".

    Loipen in Gehweite

    Die ganze Familie hat er mit dem Langlaufvirus infiziert: "Meine Tochter und meine Söhne – wir alle sind staatlich geprüfte Langlauflehrer." Inzwischen führt Sohn Markus den familiären Betrieb mit Skiverleih, -verkauf und -schule; Sohn Franz ist Biathlet und war Nationaltrainer. Weingartners Engagement für diesen Sport hat sich bestätigt: Die anfänglichen zehn Kilometer haben sich im Kaiserwinkl (Kössen, Walchsee, Schwendt und Rettenschöss) inzwischen zu einem Loipennetz von 140 Kilometern ausgewachsen – ein nordisches Eldorado. Ansehnlich auch im Vergleich: Die Ramsau wirbt etwa mit 220 Loipenkilometern.

    Das Auto kann ruhig einmal stehen bleiben: Viele Loipen befinden sich in Gehweite oder führen direkt an einigen Unterkünften vorbei. In die 25 Kilometer lange, Kössen mit Walchsee verbindende Kaiserloipe (für sportliche Langläufer), kann man etwa direkt vom Hotel Panorama (Die Verwöhnhotels) in Walchsee einsteigen. Trainingsmüde Knochen und strapazierte Muskeln lassen sich anschließend im großen Sauna- und Wellnessbereich pflegen.

    Neben den Loipen, die bei Walchsee rund um die Schwemm – Nordtirols größte erhaltene Moorlandschaft – führen, sind jene in Schwendt landschaftlich besonders reizvoll. In der etwas oberhalb von Kössen auf knapp 700 Metern gelegenen 730-SeelenGemeinde bieten sich mit den ursprünglichen, weitversprengten Höfen Bilderbuchausblicke.

    Skimarathon und Silvesterlauf

    An der Flanke des 2344 Meter hohen Wilden Kaisers gelegen, startet inmitten dieser majestätischen Kulisse auch die ambitionierteste aller lokalen Loipen: die Neuner. Diese Verbindungsstrecke nach St. Johann in Tirol ist zeitlich rund um den Koasalauf, den hier jährlich im Februar stattfindenden 50-Kilometer-Skimarathon, präpariert. Durch Länge und Steigungen ist die Route aber nur für den geübten und vor allem sehr konditionsstarken Läufer geeignet. In Form sein sollte man auch für den Silvesterlauf, den Weingartner 1977 ins Leben gerufen hat. "Mit sieben Teilnehmern hat es angefangen" , berichtet er. Gelaufen werden 24 Kilometer im freien (Skating-)Stil. Seit ein paar Jahren könne man aber auch in der Kategorie zwölf Kilometer klassisch starten. "Damit die Urlauber auch teilnehmen können" , setzt Weingartner schmunzelnd nach.

    Für den Anfänger, ob nun im nordischen oder freien Stil, ist die Hochauloipe in Kössen zunächst vollkommen ausreichend. Mit einer Extraschleife durch ein Stück Märchenwald ist diese von sechs auf zehn Kilometer verlängerbar. Beim Loipeneinstieg hält Alfons Weingartner seine Anfängerkurse ab: Wer inlineskaten, eislaufen oder Ski fahren kann, ist beim Erlernen der Skating-Technik ganz klar im Vorteil. Aber selbst der im nordischen Stil erprobte Schuppenskikenner hat keine Vorstellung davon, wie glatt diese dünnen Brettln sind. Freilich kann man es auch ganz ohne Kurs probieren: Allerdings wird man sich zu Beginn erprobte fünfmal häufiger in den Schnee setzen als beim klassischen Stil – unfreiwillig. Und so sind in der Skating-Anfängerstunde die Gleichgewichtsübungen das Um und Auf. Ein Kurs zahlt sich aber auch aus, um mehr von den, oft kräftesparenden, sechs Techniken zu erlernen.

    Also macht man mit Alfons (beim Skikurs ist man per du) zum Aufwärmen den Hampelmann oder wagt unsicher die ersten Doppelstockschritte sowie den berühmten Siitonen. Wackelig fallen die ersten Gleitversuche neben der Parallelspur aus – ohne Stöcke, damit ein besseres Gefühl für das Gleiten auf einem Bein entsteht! Die Ski in V-Stellung, ein Bein stets in der Luft ... Man bekommt das hin. Eleganz ist jedoch etwas anderes. Spätestens jetzt wäre man lieber unsichtbar. Aber neben der Übungsloipe verläuft auch ein Spazierweg: "Griaß di, Max!" Alfons, in Kössen bekannt wie ein bunter Hund, stellt Max vor, der sich täglich um "die fabelhaft präparierten Loipen" bemüht. Auch die gewalzten Skating-Strecken, die im Kaiserwinkl fast lückenlos die gespurten Loipen begleiten, gebe es "sicher schon seit mehr als zehn Jahren." Die immer populärer werdende Skating-Technik gab den Anlass. Ihr wichtigster Wegbereiter ist der bereits erwähnte Pauli Siitonen.

    Waschrumpelfahren

    Während eines 30-Kilometer-Rennens in den 1970er- Jahren, erzählt Weingartner, sei Siitonen das Wachs ausgegangen. Das bremst und kostet Kraft, und so behalf er sich mit dem nach ihm benannten Schritt. Eine lange Zeit verpönte Technik, auch weil sie die Spuren arg in Mitleidenschaft zog. "Grausig" , so Alfons Weingartner. Wenn man spätnachmittags im weichen Märzschnee "den Siitonen machte" und es über Nacht fror, fuhr man tags darauf wie auf einer Waschrumpel. Beim Koasalauf habe man früher sogar Kontrollposten aufgestellt, "damit ja keiner den Siitonen macht" – falls doch, wurde disqualifiziert.

    Skating werde immer beliebter. "Es schaut im Fernsehen ja auch gut aus." Viele schätzen an diesem Sport, der 90 Prozent der Muskeln beansprucht, aber auch die geringe Verletzungsgefahr und das gute Herz-Kreislauf-Training. "Meine älteste Schülerin war 78 Jahre alt" , schließt Alfons, "die hat sich gar nicht so deppert angestellt." (Anne Katrin Feßler/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 27./28.3.2010)

    Anreise: Mit dem Zug bis Kufstein. Hotel: z. B. Seehof/Seeresidenz/Panorama, seehof.com; Langlaufschule/-verleih: z. B. nordic-center.com

    Allgemeine Infos: kaiserwinkl.com

    • Markus Weingartner, Sohn von Langlaufpionier Alfons Weingartner, auf der Loipe in Schwendt. Rund um den ruhigen Ort befinden sich die landschaftlich schönsten Routen, die ab und zu herrliche Ausblicke auf den Wilden und den Zahmen Kaiser bieten
      foto: tirol werbung

      Markus Weingartner, Sohn von Langlaufpionier Alfons Weingartner, auf der Loipe in Schwendt. Rund um den ruhigen Ort befinden sich die landschaftlich schönsten Routen, die ab und zu herrliche Ausblicke auf den Wilden und den Zahmen Kaiser bieten

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