"Taxifahren war die Schule des Lebens"

28. März 2010, 18:34
35 Postings

Joschka Fischer, ehemals Straßenkämpfer, Grünen-Chef, Vizekanzler und Außenminister über Gelegenheitsjobs und sein Verhältnis zur Macht

Steuerbeamter mittlerer Klasse, bekleidet mit einem zeitlosen Shetland-Pullover: So hätte sich Joschka Fischers Mutter den Werdegang ihres Sohnes vorgestellt. Doch der hatte schon früh ganz andere Ideen im Kopf. "Etwas Solides zu lernen", wie es von den Eltern erwartet wurde, war für ihn keine Alternative: "Ausbildung war für mich damals ein Horror. Das lag an meinen Lehrern, die nicht einsehen konnten, dass ich auch verstehen wollte, warum eins und eins zwei ist. Mit der Aussage 'Frag nicht. Das ist so!' konnte ich mich nicht zufriedengeben", sagt Fischer.

Überzeugt davon, dass er seinen eigenen Weg gehen werde, schmeißt Joschka sowohl Schule als auch Lehre hin, reist durch Europa und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Taxifahren gehört auch dazu - für den jungen Revolutionär eine wichtige Erfahrung: "Wenn wir gerade bei der Academy of Life sind - Taxifahren, das war für mich die beste Schule des Lebens. Dabei bin ich zum Realo geworden. In der Nacht auf der Straße lernt man den Menschen in seiner Großartigkeit und seiner Gemeinheit kennen."

Politik als Leidenschaft

Gerade jene, die einmal auf der Kommandobrücke stehen wollen, sollten sehen, wie es ist, in einer Fabrik zu arbeiten, "das schadet keiner angehenden Führungskraft", ist Fischer überzeugt. Eine Entscheidung, in die Politik zu gehen, gab es für den Stuttgarter mit österreichisch-ungarischen Wurzeln in diesem Sinne gar nicht: "Politik war immer meine Leidenschaft. Dabei war mir früh ganz klar: Macht spielt dabei eine ganz wesentliche Rolle. Macht heißt: Man entscheidet, wo es lang geht." Wer sich wählen lässt, müsse daher auch die Bereitschaft haben, Regierungsverantwortung zu übernehmen, ist dem Grünen klar.

Seine Parteikollegen jedoch muss er davon erst überzeugen. Er schafft es: Nach den Bundestagswahlen 1998 gehen die Grünen mit der SPD eine Koalition ein, und für Fischer beginnen als Außenminister die erfolgreichsten Jahre seiner politischen Laufbahn: "Von der Beliebtheit kann man sich allerdings nichts kaufen. Wer einmal versucht hat, auf demokratische Weise eine Reform durchzuziehen, weiß, wie zäh und unperfekt und - vor allem - wie erschöpfend das für die handelnden Akteure ist."

Scheitern müsse man lernen

Maximale Leistung 365 Tage im Jahr zu bringen und dabei dauernd unter Druck zu stehen, das gehe an die Substanz, "weshalb auch keine Regierung auf Dauer besser, sondern tendenziell schlechter wird". Und noch eines: Scheitern können, so ist der ehemalige Marathonläufer überzeugt, müsse man lernen, wenn man Erfolg haben will. Auf die Haltung komme es dabei an: "Scheitern ist nichts Schlimmes. Das Drama gehört auch zur Schönheit des Lebens. Ich selbst bin oft gescheitert, aber wusste immer, es geht weiter. Never give up!"


Keine Minute seines Lebens möchte er missen, auch die Zeit als Außenminister und Vizekanzler habe er sehr genossen: "Aber es war dann auch genug für mich, ich wollte aufhören. Dabei war mir auch wichtig, selbst zu entscheiden, wann ich das tue, und nicht darauf zu warten, demontiert zu werden."

Heine-Professur

Mehr Zeit für Privates zu haben, das genießt Fischer, wenngleich er nach wie vor als Consulter unter anderem für Siemens, BMW und den Energieversorger RWE sehr ausgelastet ist. Im Februar 2010 nahm der glänzende Rhetoriker die Heine-Gastprofessur in Düsseldorf an, eine Ehre für ihn, wie er betont. Er habe viele intensive Leben gehabt, nicht bloß eines, doch jetzt sei er ruhiger geworden, sagt der heute 62-Jährige: "Das Leben ist schön, so wollte ich es! Das können Sie mir einmal auf den Grabstein schreiben." (Judith Hecht/DER STANDARD; Printausgabe, 27./28.3.2010)

  • Joschka Fischer nahm am Mittwochabend bei der Siemens-Academy-of-Life-Gala Stellung zu den Fragen von Moderatorin Barbara Rett.
    foto: standard/fischer

    Joschka Fischer nahm am Mittwochabend bei der Siemens-Academy-of-Life-Gala Stellung zu den Fragen von Moderatorin Barbara Rett.

Share if you care.