Patina und Pathos

26. März 2010, 19:11
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Michael Scharang referiert in seinem Roman eine Alters- und Freundschaftskrise

"Vielstimmig zu schreiben heiße, einen Satz, der in der Gegenwart spiele, in die Vergangenheit, von wo er den Ausgang nehme, springen zu lassen, aber auch in die Zukunft, wohin es ihn, unzufrieden mit der Gegenwart, ziehe." Eine interessante, wenn auch schwer einzulösende Vorstellung. Dieses literarische Konzept steht in der Mitte der Komödie des Alterns von Michael Scharang, der nach einigen Jahren wieder einen Roman vorlegt, nun im Suhrkamp-Verlag (der beim Umzug nach Berlin den Druckfehlerkoffer nicht in Frankfurt zurückgelassen hat). Wie vieles in diesem neuen Werk bleibt auch der Satz, der programmatisch klingen mag, im Anspruch hängen.

"Es waren zwei Männer, ein Ägypter und ein Österreicher, die verband von Jugend an eine tiefe Freundschaft" , beginnt Scharang nicht im direkten Ton der angekündigten Komödie, sondern referierend im Duktus einer alten Ballade. Zacharias Sarani aus begüterter, einflussreicher Familie und der Arbeitersohn Heinrich Freudensprung haben sich im Sommer 1958 im Kapfenberger Böhlerwerk kennen und verstehen gelernt, sind gemeinsam auf Berge gestiegen und haben ihre innige Beziehung über die Jahrzehnte erhalten.

Als Sarani, der Diplomingenieur für Maschinenbau, mit seiner Grazer Frau nach Kairo zurückkehrte und eine Musterfarm in der Wüste errichtete, stand ihm der Schriftsteller Freudensprung bei. In der Erzählperspektive des Romans ist dies "die Vergangenheit, von wo" die Sätze ihren Ausgang nehmen. Die geschilderte Gegenwart spielt ausgerechnet Ende September 2001, als sollten die Figuren exemplarische Bedeutung erhalten können; sie geht von einem gewaltigen Zerwürfnis aus, das sich die larmoyanten Sechzigjährigen einreden, eine Alters- und Freundschaftskrise bis zu Hass und Selbsttötungsplänen. Gegenseitig und stillschweigend werfen sich beide eine Sabotage ihres Arbeits- oder Liebeslebens vor: Der eine meint, der Sohn des anderen habe ihm die junge Geliebte ausgespannt, der andere glaubt, der eine habe seine Akademiepläne hintertrieben. Und so fliegt der Österreicher von New York nach Kairo, um mit dem Ägypter abzurechnen, der ihn dort mit ähnlichen Vorsätzen erwartet.

Wohl gelingen Scharang einige faszinierende Passagen, packende - eben direkter erzählte - Szenen der mühsamen, gefährlichen Arbeit im Stahlwerk Ende der 50er- Jahre, schöne eindringliche Bilder aus der Wüste und vom Sandsturm, anregende Ansätze von Debatten über Freiheit, Revolution, Unternehmertum, Kunst. Jedoch überwiegt der Ton der Behauptung: Es wird weniger erzählt als referiert.

Eben die Erzählperspektive aus der Erinnerung, die außerdem nicht immer klug eingesetzt ist (Freudensprungs Kairo-Episode während des Farmbaus kommt aus den Erinnerungen von Sarani, der damals in Kairo nicht mit war) und eine ausgewalzte Betulichkeit des Stils nehmen der Schilderung die Lebendigkeit. Zum Beispiel bei einem Festmahl, "wie es die Wüste seit Jahrtausenden nicht erlebt hatte" : Da bittet die amerikanische Architektin Jenna Vanzetti - eine der namentlichen Anspielungen im Roman - um eine Änderung der Speisenfolge, "was ihr den leisen Widerspruch der Köche eintrug, weil die ihren Zeitplan über den Haufen geworfen sahen, woraufhin Vanzetti sich entsann, daß der Österreicher versprochen hatte, nach der Hauptspeise, dem Lamm, etwas auf der Geige zum besten zu geben" - lauter Feststellungen aus der Distanz, die als durchgehender Duktus den ganzen Roman merkwürdig leblos erscheinen lassen. Dazu tragen auch altbackene, geschraubte Formulierungen bei: "nach Wein gelüstete ihn nicht mehr" , "der Ägypter liebäugelte tatsächlich mit der Möglichkeit, aus der Welt zu scheiden" . Statt zu Zwischentönen greift Michael Scharang oft zu Übertreibung und Pathos.

Derart bleiben die Figuren sich ein hohes Alter aufschwatzende Pappfreunde. Zudem sind sie psychologisch und in ihrem körperlichen Verhalten nicht immer plausibel gestaltet: "tagelang" hätten sie "nichts gegessen und getrunken" und dann gleich, ohne weiteres, das üppigste Mal mit Bier, Wein, Grappa, Zigarillos. Einige ihrer Gedankengänge, etwa über die Arbeit, sind bemerkenswert prägnant, andere simpel: Einem fällt auf, "so frei war sein Kopf wieder" , dass "etwas anziehen nur korrespondierte mit Anzug, nicht mit Hose, Hemd oder Socken" .

Neben, mit den privaten Geschichten handelt Scharang Muster ab, bis zur Musterfarm in der Wüste, die "über zwei Jahrzehnte als sozialistischer Betrieb gleichsam naturwüchsig existiere" und gleich auch eine Akademie und eine "neue Internationale" begründen sollte. Allerdings kommt der vorgebliche Verrat der Freundschaft dazwischen. Beim gastronomischen Gesprächsduell in der Flughafenlounge finden sich Sarani und Freudensprung wieder, und nachdem auch noch der ägyptische Präsident und der Geheimdienst sorgsam eingegriffen haben, steht am Ende das ideale Wüstenhaus, in dem sogar der Schurke eine gute Rolle bekommt.

Ideal und Leben, mit Ansätzen von Hegel, Marx und Musil - vielstimmig aber nicht. (Klaus Zeyringer, DER STANDARD/Printausgabe 27.3./28.3.2010)

 

Info

Michael Scharang, "Komödie des Alterns" . Roman. EUR 20,40 / 252 Seiten. Suhrkamp, Berlin 2010

  • Nach Wein gelüstete ihn nicht mehr": Michael Scharang.
    foto: cremer

    Nach Wein gelüstete ihn nicht mehr": Michael Scharang.

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