Die hingestreckte, wie von einem Blitz gefällte Gestalt des Mannes, der, wie jener unbekannte Meister der Illusionsmalerei, in sein eigenes Bild Eingang gefunden hat
Die Silhouette eines blassblauen, wie mit Dachshaaren fein lasierten Automobils gleitet unhörbar durch taunasses Gras. Die gestreckte Milch der morgendlichen Dämmerung ist noch gar nicht richtig abgeflossen - da sieht man die Schaumfetzen vergorener Milch bereits über die Narbe der Weidefläche lecken: Nebel, der seine Watte auf die mit Jodtinktur bestrichenen Entzündungsherde im gelichteten Haupthaar der Landschaft drückt, um den Wundbrand der Sonne zu lindern.
Das nun vernehmlicher werdende Brummen des Autos verliert sich abrupt hinter dem rechten Bildrand - der Wunsch des Betrachters, die Straße wie eine verunreinigte Mullbinde vor sich auseinandergewickelt zu sehen, wird schmählich enttäuscht. Das Vehikel, das im Näherkommen immer selbstbewusster von sich Aufhebens macht, das leise furzt und wie ein murmelnder Alter keckert, kehrt von der nämlichen, der rechten Seite, wie von unsichtbarer Hand angestoßen, in den Vordergrund zurück: Als wäre es niemals den Blicken entzogen gewesen, beansprucht es für sich das Recht, für den unverlierbaren Inhalt des - nur durch seinen zwischenzeitlichen Verlust zustande gekommenen - Bildes wahrhaft erkannt zu werden. Es ähnelt hierin einem Hund, der das Gruppenbild einer dichtgedrängt stehenden Familie mit Proben seiner Ausgelassenheit zu sprengen droht, indem er sich einmal hierin, dann wieder dorthin wendet, als müssten sich die Blutsverwandten, allein um seiner Tollheit Genüge zu tun, in alle vier Himmelsrichtungen zerstreuen.
Dem Hund - einem jungen Schäfer mit kupierten Ohren - eignet das umtriebige Temperament einer von den Menschen genährten, vordem schöneren Hoffnung: Er setzt seine Pfoten geschäftig auf den Mergel einer Flusslandschaft, die sich in stockbraunen Gilbungswellen an die Kante eines von Betrübnis eingedunkelten Gewässers schmiegt. In die vom Regen präparierten Wellen stehen Quittenbäume eingepflanzt: Setzlinge in der betörenden Ödnis der Landschaft, von starrenden Frösten benagt, im morschen Inneren von der Zweifelhaftigkeit ihrer Bildwerdung angekränkelt.
Die unverfrorene Gestalt
Der Mann, der aus dem Fiat unbekannten Baujahrs aussteigt - das hagere Gesicht wie mit Ruß geschwärzt, die verfrorene Gestalt in einen schlecht sitzenden Wollmantel gesteckt - scheint, wiewohl es ihn in die fruchtbare Landschaft Norditaliens verschlagen hat, niemals über die Einkerbung der Talsohle - über ihre Mäander, das mähliche Zerfließen ihrer Auwälder - hinausgetrieben zu haben. Linker Hand reckt ein Telegrafenmast den Stachel in die Höhe - die Porzellanknöpfe hängen wie Trauben am kaum fingerdicken Schaft. Undenkbar, dass dieses braun imprägnierte Bild jemals beschnitten werden könnte: dass ein stockfleckiger Abzug - etwa auf ein Kartonkärtchen gepresst - dem Diktat einer Schere unterworfen würde, die über der beriebenen Kante, in aufgesetztem Eifer, ihre glattpolierten Schenkel spreizt.
Den Mann - seine Mundwinkel glichen, zersprengt, wie sie waren, Krähenfüßen, deren krumme Zehen hässliche Spuren in die Wangen gruben - hätte es begehrt, über den Rand des Bildes hinauszugreifen, um die Gänze der Erinnerung, die er in seinem Gedächtnis wie in Bernstein aufgehoben wusste, für die ohnehin kurz bemessene Dauer eines rötlich bewimperten Lidschlags wiederherzustellen: die Haarmuschel seiner Frau, deren Schnecke mit jeder Windungsrolle immer neue kastanienbraune Strähnen freigibt, die ihrem blassen Teint aus Sèvres-Porzellan schmeicheln; der weizenblonde Schopf seines Sohnes, der am Teich - ein braun unterlaufenes Auge, das den Zug der Wolken am Himmel wie in Tränen schwimmend abmalt - dem Knistern des Telegrafendrahts nachlauscht. Der Schäfer aber springt zutraulich von einem zum nächsten: Wirft die Pfoten, als würde die auseinandergerissene Familie einzig durch die Unablässigkeit seiner Bemühung wieder heil und ganz - so wie man die Scherben eines zerschmetterten Tonkrugs spielerisch ineinanderpasst, um sich an der Idee seiner Unversehrtheit wie an einem Schöpfungsgedanken zu erfreuen.
Verlust aller Vertraulichkeiten
Das Schicksal der Emigration mag sich im ohnehin durchlöcherten, wie in Watte gepackten Bewusstsein des Mannes mit dem vollständigen Verlust all jener Vertraulichkeiten verbunden haben, mit denen die Gegenstände demjenigen, der sie handhabt, die Sorgsamkeit des Gebrauchs entgelten: Als würden alle Kanten vom Schleifpapier der Gewöhnung abgeraspelt - als stünde der Krug allein um seines Henkels willen auf der Fensterbank, nach dem die Hand zur Stunde der früh einsetzenden Dämmerung wie nach einem Zubehör greift, dessen sich die Gewohnheit wie eines Beweises ihrer Befähigung zur Leidenschaft versichert. Um die Beine seiner Frau, deren Rock aus geblüm-tem Perkal bereits die Duftigkeit der Quittenblüte vorwegnimmt, streicht als unentbehrlicher Hausgenosse der Hund, der wie ein guter Schaffner das Versehen der tausendfach geübten Handgriffe zu prüfen und für sachgerecht zu erkennen scheint.
Über die ausgeschwemmte, vom Dunst verkleidete Pfanne des Bodens aber kriecht der Gesang der Frauen hin: ein kehliges Wiegenlied, angestimmt hinter dem Rand des Bildes - wohl weil die Frau des Hauses (es hätte sich um die zurückgelassene Hausgenossin des Emigranten gehandelt) der Tod im Kindbett ereilt gehabt - in empörender Veruntreuung seiner bedenkenlos ausgestreuten Hinterlassenschaft -, von welchem Unglück ihn die Kunde auf fernhin gezogener Lebensbahn erreicht hätte, vielleicht im Gefolge jener Erkundungen, die ihm die Schönheit italienischer Sakralbauten - aufgelassener wie solcher, die im Gebrauch einer demütig geübten Volksfrömmigkeit stehen - als zudringlichen Verweis auf die Verblasstheit seiner eigenen Glaubensvorstellungen vor Augen geführt hätten.
Der Bauch seiner Frau, die nördliche Hemisphäre eines entzweigeschnittenen Globus, über den die schamhaften Verweiser jeder Zudringlichkeit ein reinweißes Laken gezogen haben, als stünde die nördliche Halbkugel im Banne einer sie zur Gänze umspannenden Gewitterfront: Der Mann hätte den natürlichen Aufenthaltsort seines Kindes, dessen Gesellschaft er enträt, über der Vierung von Haupt- und Seitenschiffen vermutet - woraufhin es ihn begehrte, nur mehr noch aufgelassene Kirchen und Klöster zu besichtigen, deren geborstene Dächer den Inhalt der Welt zu verdauen erlauben - für die Dauer eines unfroh in der Fremde zugebrachten Lebens.
Jedes Heraufholen der ihn doch unablässig bedrängenden, sein geborgtes Leben in der Fremde bedrohlich in Atem haltenden Bilder beraubt ihn eines weiteren Stückes von jener Festigkeit, die er gewohnt gewesen, den Menschen wie den Farben, in deren Abglanz jene erst zur ihn beseligenden Vertrautheit von Umriss und Form gefunden, als Ausdruck ihrer jeweiligen Besonderheit gutzuschreiben. So wie seine Finger über den körnigen Kalkstein der Kirchenpfeiler entlangrutschen, ohne doch jemals das Vorhandensein eines obenauf gesetzten Kirchendachs - mögen die schiefergrauen Schindeln auch verschwunden, der Heilige Geist gleich der ihm zugrunde gelegten Sohnesgestalt kerzengerade in den Himmel aufgefahren sein - in Zweifel zu ziehen.
Die Nacktheit, die erdbraune Blöße der Bilder stören den Mann, der unheilbar am Herzen erkrankt ist, regelmäßig auf. Der Hund, der sich Hecheln und Bellen abgewöhnt, so wie ein Mensch sich entschlossen, seine schlechten Angewohnheiten abzulegen, stöbert mit der Schnauze im Erdreich - als wolle er seinem Herren die gerippten Wurmlarven, die er aus der Tiefe des Bildes herausschürft, zur Mahlzeit anempfehlen.
Ein aus der Senke des Tals aufsteigender Windhauch bewegt ein weiteres Mal die Strähnen der Frau, deren makelloses Profil - wie die Kontur eines Fisches vor dem mit Binsen bestandenen Grund eines Flusses - von der Strömung über das Riedgras geschoben wird: Die Gesichter von Schwägerin und Sohn sind verschlossen - sei es, dass sie jeder für sich das Geheimnis eines Jahrhunderts bewahren, in dessen, von ihm aus gesehen, tiefer versunkenen Hälfte die Popen an die Tore ihrer Gotteshäuser genagelt, die Glocken aber aus den Stühlen gerissen und in schwefelige Bäder getaucht wurden, um aus der gestaltlosen Glut ihrer Schmelzflüsse Pleuelstangen und andere nützliche Gegenstände zu gewinnen.
Der Mann - ihm eignet der Name eines hüben wie in Russland berühmten Filmkünstlers; der Name seines Vaters, eines Dichters, klingt in den getäfelten Stuben der Büchergelehrten wider - sitzt im Nebel seiner Einbildung gefangen wie hinter einer Verschalung. Er glaubt sich in den versteinerten Blütenständen der Kirche gleich einem Insekt aufgehoben, dessen widerborstiger Pelz aus der Karakulwolle seines Mantels gewebt ist. In seiner Vorstellung, deren Bildinhalte ihn mählich zu überschwemmen drohen, jagt er - wider alle Vernunft und gegen jede Wahrscheinlichkeit - den Pollen eines soeben abgeblühten Zeitalters hinterher: heftig sich verschluckend, als flögen die flauschigen Kätzchen, über die gelbrandige Klippe seiner Zähne hinweg, ihm direkt in den Mund. Als hätte das Getrappel der Hundepfoten ausgereicht, den Sommer in den Staub zu drücken, schließt er den Mund, um am Geschmack des Gespinstes auf seiner Zunge sogleich das hingebungsvolle Erlöschen einer Schneeflocke zu erkennen: Ihr Tod hinterlässt einen kühlenden Tropfen Schmelzwassers.
Der Brand in der Tiefe seines Schlundes hält weitaus länger vor als der erlösende Einsturz des Kirchendachs.
So wie das Schmelzwasser aus unzähligen Speiern in die Traufen und Becken des Gotteshauses abläuft - granitene Wannen, die so scharf umrissen sind, als hätten an der Kante geschärfte Pleuelstangen sie aus dem Massiv eines Steinbruchs herausgesprengt -, so verfließen allmählich auch die Bilder einer für wahr und richtig erkannten Erinnerung: das Haus mit seinem in die Mergeldünung geschmiegten Giebel, der das Dach gegen den Honig am Himmel abschließt. Das von Besänftigung geglättete Zyklopenauge des Weihers oder Teichs, von dessen Grund die Knochen der mächtigen Kirchenpfeiler, in einem wundersamen Vorgang der Verdoppelung, heraufstarren. Die hingestreckte, wie von einem Blitz gefällte Gestalt des Mannes, der, wie jener unbekannte Meister der Illusionsmalerei, in sein eigenes Bild Eingang gefunden hat, damit er sich am Teichrand in Gesellschaft des befriedigt daliegenden Hundes wiederfinde. Von oben herab, durch die aufgetrennten Nähte des verschwundenen Kuppeldachs hindurch, der Schwarm entgeisterter Flocken, die sich behutsam, von keiner Eile gedrängt, auf den Spiegelteich niedersetzen - auf dessen Grund kein vor der Zeit Ertrinkender mehr hilflos um sich schlägt.
Die Sehnsucht in den Augen des Hundes glimmt ein letztes Mal auf. Dann hat der Schnee auch sie zum Erlöschen gebracht. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 27.3./28.3.2010)
Ronald Pohl, geb. 1965 in Wien, lebt und arbeitet da. Er ist seit
1993 Kulturredakteur des Standard. Gerade erschien sein neues Buch "Die
Spindelstürmer" (drei Kurzromane) im Droschl-Verlag.