"Ehemalige Studien- kollegen verdienen mehr"

26. März 2010, 15:20
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"Wir liefern Werte", sagt SOS-Kinderdorf-Chef Christian Moser - in der Annäherung an den Profit-Bereich und in sozialpolitischer Hinsicht

"Meine Freunde und ehemaligen Studienkollegen verdienen mehr", sagt Christian Moser, Geschäftsführer von SOS-Kinderdorf - und sieht dabei gar nicht unglücklich aus. "Die schönen Dinge im Leben kann man sich nicht kaufen", so der Betriebswirt, der mit solchen Aussagen sicher den Herzschlag derer erhöht, die nach einer sinnerfüllteren Arbeit suchen oder sich diese wünschen.

Der Bewerberpool sei groß, man habe in der Wahrnehmung vieler als Arbeitgeber einen sehr hohen Stellenwert. "Wir achten aber sehr darauf, wen wir in unsere Organisation aufnehmen", sagt Moser. Mit zu idealistisch getriebenen Bewerbern kaufe man sich als Organisation auch Probleme ein - wenn Anforderungen im Job falsch eingeschätzt werden, wenn sich die eigene Wertelandschaft dann doch zu sehr von jener der Organisation unterscheidet, etwa. "Diese Menschen scheitern häufig sehr schnell. Man tut ihnen mit einer Aufnahme nichts Gutes", sagt Moser. Dieser "Kultur-Clash" trete heute früher zutage, als dies noch vor zehn Jahren der Fall gewesen sei, so Moser weiter.

Günstiger dritter Sektor

Dass die Anforderungen an Mitarbeiter im Non-Profit-Bereich steigen, liege auch in einer Tatsache begründet, mit der NGOs quer durch die Bank kämpfen: dem "Versuch", wie Moser sagt, "viele Themen auf den dritten Sektor auszulagern", um diese dann dort "auf eine möglichst günstige Weise organisieren zu lassen".

Tatsache ist, sagt Moser, dass der Bedarf an Leistungen in Bereichen von Umwelt bis Soziales steigt und gleichzeitig aber die Frage der Finanzierung offenbleibe. Was sind also die Bindefaktoren einer Gesellschaft, die man einerseits unbedingt haben wolle und die andererseits nichts kosten dürften, stellt Moser eine Frage mit besorgtem Blick auf Teile seiner Belegschaft in den Raum.
"Wir haben einerseits das große Glück", sagt Moser, "dass die Leute in unserer Organisation hoch motiviert sind." Andererseits steige durch die erhöhte Arbeitsleistung bei den Mitarbeitern auch die Gefahr auszubrennen. "Burnout ist ein großes Thema", sagt Moser. Österreichweit betreut SOS-Kinderdorf 1300 Kinder und Jugendliche "stationär" und rund 3500 "ambulant" in "unterschiedlichen bedarfsgerechten Formen", so Moser weiter.

"Ringen um Qualität"

Heute müsse man als NGO "um Qualität ringen", sagt Moser. Vor allem zwei Themen seien dabei stets im Blick zu behalten: Wirksamkeit und Effizienz. Von Verschwendertum hält er nichts: "Damit tun wir uns und auch unserer Umwelt nichts Gutes." Es müsse in allen Bereichen eine "Balance zwischen Geben und Nehmen" geben. So auch bei gemeinsamen Projekten mit Profit-Unternehmen.

Der organisationale Professionalisierungsschub, den man auch selbst vollzogen habe, sagt Moser, helfe sehr dabei, zu verstehen, wie Profit-Unternehmen ticken, und zu sehen, was diese brauchen. "Ich sehe uns oft in der Rolle einer Energiequelle", sagt Moser: "Wir liefern Werte." Um von einem "rhetorischen Wert" zu einem gelebten Wert zu kommen, müsse man ständig kleine Investitionen tätigen, so Moser, "und wir sind ein Teil davon".

Die Leistung, die von NPOs zunehmend gefordert werde, müsse, so Moser zu nächsten Entwicklungsschritten, mit einer für manche neuen Positionierung im Gesamtsystem Gesellschaft einhergehen. "Wir wollen uns auch als Anwaltschaft sehen und müssen dafür - wenn es etwa um Novellierung von Gesetzen geht, die uns als Organisation betreffen - unsere Stimme stärker erheben. Das lernen wir gerade." (Heidi Aichinger/DER STANDARD; Printausgabe, 27./28.3.2010)

  • "Wirksamkeit ist das Thema unserer Zeit, der gute Umgang mit Ressourcen dafür Bedingung", sagt Christian Moser.
    foto: sos kinderdorf

    "Wirksamkeit ist das Thema unserer Zeit, der gute Umgang mit Ressourcen dafür Bedingung", sagt Christian Moser.

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