"Hast du ateş?"

    26. März 2010, 13:26
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    Die Germanistin İnci Dirim über Ghettoslang, Kanak Sprak, Pidgin-Deutsch und Linguizismus

    daStandard.at: Für das Deutsch der ersten MigrantInnengeneration wurde in den 1970er-Jahren der Begriff "Pidgin-Deutsch" geprägt. Was ist damit gemeint?

    İnci Dirim: Unter Pidgin versteht man eigentlich eine unter kolonialen Bedingungen entstandene vereinfachte Sprache, wie z.B. unter Sklaven in Amerika. Es diente der raschen Herstellung einer Kommunikationsfähigkeit unter Sprechern verschiedener Sprachen. Mit „Pidgin-Deutsch" wurde eine vereinfachte Version des Deutschen bezeichnet. Allerdings wurde dieser Sprachgebrauch nicht nur zur Verständigung unter den ArbeitsmigrantInnen eingesetzt, sondern zur Verständigung mit der gesamten deutschsprachigen Umgebung. Aber das lässt sich im Grunde nicht mit dem ursprünglichen Pidgin vergleichen. Daher trifft diese Bezeichnung nicht ganz zu.

    SprecherInnen mit Migrationshintergrund verwenden oft Elemente zweier Sprachen gemischt. Die dafür gängigen Fachbezeichnungen lauten code-switching bzw. code-mixing. Sind diese Mischvarietäten ein Ausdruck für mangelnde Kompetenz in den jeweiligen Sprachen?

    İnci Dirim: Nein, im Gegenteil: Code-Switching heißt, dass Sprachen aus sprechstrategischen Gründen abwechselnd verwendet werden. Zum Beispiel wird eine Ablehnung mit einem Wort der gerade nicht verwendeten Sprache bekräftigt. Untersuchungen haben gezeigt, dass, je besser die einzelnen Sprachen gesprochen werden, sie auch desto besser in Form des Code Switchings gemischt werden können.

    Was sind Ethnolekte?

    İnci Dirim: Ethnolekte sind Sprachverwendungsformen, die von bestimmten Sprachen beeinflusst sind und deshalb mit den SprecherInnen dieser Sprachen assoziiert werden. Ein "alter" Ethnolekt des Deutschen wäre das Jiddische, das von der jüdischen Bevölkerungsgruppe gesprochen wurde und Elemente des Hebräischen und slawischer Sprachen enthält. Heute gibt es ethnolektale Verwendungsformen des Deutschen, die vor allem mit dem Einfluss des Türkischen auf das Deutsche erklärt werden. Dabei werden in das Deutsche türkische Elemente integriert, wie zum Beispiel bei "Hast du ateş?" für "Hast du Feuer?" Oder das Deutsche wird unter Anwendung der türkischen Satzbetonungen verwendet. Ein weiteres Merkmal wäre das Weglassen von Artikeln in bestimmten Satzpositionen, wie in "Hast du Wörterbuch?" statt "Hast du ein Wörterbuch?".

    Ethnolekte werden in den vergangenen Jahren vermehrt von Comedians aufgegriffen und sind ein Garant für Lacher ...

    İnci Dirim: Meines Erachtens haben Ethnolekte nichts Komisches an sich. Sie sind Adaptionsformen des Deutschen durch MigrantInnen und Zeichen für Zugehörigkeit zu deutschsprachigen Umgebungen. Ethnolekte zeigen, dass das Deutsche nicht bloß ergänzend übernommen, sondern kreativ angeeignet wird und in einem Zusammenhang mit den bereits beherrschten Sprachen steht. Ethnolekten sollte dieselbe Akzeptanz und Wertschätzung entgegen gebracht werden, wie sie für Dialekte gefordert wird.

    Was versteht man unter den Begriffen "Ghettoslang" bzw. "Migrantenslang"?

    İnci Dirim: Das sind vermutlich Bezeichnungen für den beschriebenen Ethnolekt, die allerdings abwertend sind. Durch die Verwendung der Wörter „Ghetto" und „Slang" wird unterstellt, die ethnolektale Verwendung des Deutschen sei etwas sozial Randständiges. Diese Bezeichnungen bewerte ich als "linguizistisch". Unter "Linguizismus" wird eine spezielle Form des Rassismus verstanden, bei der Menschen auf Grund ihrer Sprache oder eines Akzents ausgegrenzt werden.

    "Kanak Sprak" ist ein 1995 erschienenes Buches von Feridun Zaimoğlu, das sehr erfolgreich war. Der Titel versucht eine positive Umdeutung und Aneignung der rassistischen Bezeichnung "Kanak" - ein gelungener Versuch?

    İnci Dirim: Ich halte diesen Versuch für fragwürdig, da er eine rassistische Bezeichnung "salonfähig" gemacht hat. Außerdem bin ich der Meinung, dass Zaimoğlu ethnolektale Sprechweisen mit diesem Buch und dem Roman "Abschaum" in eine "Kriminellen-Szene" einordnet. Diese literarisch sicher sehr interessanten und hochwertigen Romane fördern meines Erachtens unter den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben, leider das schlechte Ansehen migrationsbedingten Deutschgebrauchs.

    İnci Dirim ist seit März 2010 Universitätsprofessorin für Deutsch als Zweitsprache am Institut für Germanistik der Universität Wien.

    Zum Weiterlesen

    Dirim, İnci: "Wenn man mit Akzent spricht, denken die Leute, dass man auch mit Akzent denkt oder so." Zur Frage des (Neo-)Linguizismus in den Diskursen über die Sprache(n) der Migrationsgesellschaft. In: Paul Mecheril, İnci Dirim, Mechthild Gomolla, Sabine Hornberg und Krassimir Stojanov (Hrsg.): Spannungsverhältnisse. Assimilationsdiskurse und interkulturell-pädagogische Forschung. Münster: Waxmann 2010, S. 91-114.

    Dirim, İnci und Paul Mecheril (Hrsg.): Migration und Bildung. Soziologische und erziehungswissenschaftliche Schlaglichter. Münster: Waxmann 2009.

    Hornberg, Sabine, İnci Dirim, Gregor Lang-Wojtasik und Paul Mecheril (Hrsg.): Beschreiben - Verstehen - Interpretieren. Stand und Perspektiven International und Interkulturell Vergleichender Erziehungswissenschaft in Deutschland. Münster: Waxmann 2009.

    Dirim, İnci: "Var mi lan Marmelade?". Türkisch-deutscher Sprachkontakt in einer Grundschulklasse. Münster: Waxmann 1998.

    • Ins Deutsche werden türkische Elemente integriert, wie zum Beispiel bei "Hast du ateş?" für "Hast du Feuer?"
      foto: sxc

      Ins Deutsche werden türkische Elemente integriert, wie zum Beispiel bei "Hast du ateş?" für "Hast du Feuer?"

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