Zur Abschiebung eines Fußballtalents

25. März 2010, 19:53
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Bereits 9000 Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die ein Bleiberecht, "das diesen Namen verdient", fordert

Anlass: die Abschiebung des Nachwuchskickers Bernard Karrica samt Familie in den Kosovo. 

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Winzendorf-Muthmannsdorf - Drei Spiele hat die U11 Winzendorf-Muthmannsdorf in den vergangenen sechs Wochen bestritten. Alle drei hat sie verloren, obwohl die Gegner der Mannschaft aus dem oberen Playoff "eindeutig unterlegen waren", sagt Trainer Helmut Rothberger. "Die Abschiebung Bernards hat die Kinder schwer verunsichert. Wir hatten ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl, ja, gemeinsame Werte entwickelt. Jetzt haben sie einen von uns brutal herausgerissen."

Konkret ist der neunjährige Bernard seit 17. Februar weg. Er, seine Eltern, seine Brüder Thun (16) und Robert (17). An diesem Tag um sieben Uhr früh läutete die Fremdenpolizei die kosovarische Familie Karrica aus dem Schlaf und brachte sie, ohne Zeit zum Packen zu gewähren, in eine vom Innenministerium betriebene Pension in Bad Vöslau. Zugleich wurde die Asylablehnung zweiter Instanz ausgehändigt.

Von Bad Vöslau aus ging es drei Tage später zum Flughafen und ab in den Flieger nach Prishtina. Unweit von dort, in einem kleinen Dorf, hat die Familie unter ärmlichen Verhältnissen Unterschlupf gefunden. So weit das Ende von viereinhalb Jahren Aufenthalt - und Integration, nicht zuletzt durch den Amateurfußball - in der 1800-Einwohner-Gemeinde nahe Wiener Neustadt.

"Absolut unmenschlich" 

Zwar habe es sich im Fall Karrica um eine "gesetzlich lupenreine Abschiebung" gehandelt, konzediert Rechtsvertreterin Karin Klaric, aber doch um "eine absolut unmenschliche" - so wie viele der seit Jänner 2010, als verschärfte Gesetze in Kraft traten, vermehrten Außerlandesschaffungen.

Betroffen sind Kosovaren und Tschetschenen, meist ganze Familien, sowie "viele Nigerianer und Gambier", erläutert Ursula Omoregie vom Flüchtlingshilfsverein Schmetterling. Für die letztjährige Afrika-Liga in Wien hatte der Verein zwei Fußballteams aufgestellt. Heuer wird sie keine Elf zusammenbekommen. Der Druck der Fremdenpolizei sei jetzt so stark, dass "Kontrollen und Festnahmen direkt am Spielfeld" zu befürchten seien.

Diese "Unrechtssituation auf dem Boden des Rechts" gelte es zu entschärfen, meint dazu der Bauunternehmer und Muthmannsdorfer Bürger Hans Jörg Ulreich. Durch "eine Regelung für humanitären Aufenthalt, die diesen Namen verdient". Ulreich ist Mitinitiator der Petition "Nein zur Abschiebung von Freunden", die - ausgehend vom Protest gegen Bernards Schicksal - inzwischen von 8966 Personen unterzeichnet worden ist. Unter ihnen viele Fußballer wie Rapid-Goalie Helge Payer (siehe Interview) oder Ivica Vastic. Der 50-fache Internationale kennt aus eigenem Erleben den Wert des Sports für die Integration. "Obwohl es im Fall von Bernard nicht primär um Fußball geht. Es geht um Menschlichkeit."

Dabei ist Bernard, so stellt Trainer Rothberger klar, "ein absolutes Talent. Als ich ihn zum ersten Mal auf dem Vorplatz des Felds spielen sah, konnte er mit dem Ball bereits umgehen." Auch taktisch sei der Neunjährige "sehr gut" gewesen. "Das hat er rasch gelernt, sodass ich ihn zuletzt in jeder Position einsetzen konnte." Ab Herbst 2010 sollte Bernard im Landesverbandszentrum (LAZ) Wiener Neustadt gefördert werden. "Jetzt hat er im Kosovo überhaupt keine Chancen."

Auch keine Rückkehrchance nach Österreich. "Es gibt kein Bleiberecht, und man kann sich durch illegalen Aufenthalt auch keines erzwingen", sagt ein Sprecher von Innenministerin Maria Fekter. Illegal waren die Karricas aber nie. Der Abschiebebefehl kam am Tag der Asylablehnung. (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 26. März 2010)

  • Vergangenen Sommer noch vereint - und erfolgreich: die U11 Winzendorf-Muthmannsdorf. Mittlere Reihe, Zweiter von links: der im Februar 2010 abgeschobene Kosovare Bernard Karrica.
    foto: privat

    Vergangenen Sommer noch vereint - und erfolgreich: die U11 Winzendorf-Muthmannsdorf. Mittlere Reihe, Zweiter von links: der im Februar 2010 abgeschobene Kosovare Bernard Karrica.

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