Musikrundschau: Yeehaw!

26. März 2010, 12:00
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Neue Alben von Fenn O'Berg, Goldfrapp, The White Stripes und Quasi

FENN O'BERG
In Stereo
(Mego Editions)
Es beginnt mit Klängen, die man in den 70er-Jahren gern in osteuropäischen Filmen zur Untermalung von Sternenreisen verwendete. Nach und nach dringen durch die Dampfkessel- und Turbinengeräusche kohlebefeuerter Mondraketen dann allerdings im eigenen Nachhall verhungernde Gitarren-Feedbacks und sinistre Klavierakkorde, wird diese dröhnende Drohgebärde in die Glut brennender Laptops eingebettet. Elf Jahre sind vergangen, seit die beiden Wiener Experimentalelektroniker Christian Fennesz und Peter Rehberg gemeinsam mit US-Avantgardemusiker und Produzent Jim O'Rourke (Sonic Youth, Wilco ...) mit dem Album The Magic Sound Of Fenn O'Berg die Techniken der improvisatorischen Musik auf den Computer umlegten. Acht Jahre ist es her, seit das Trio für The Return Of Fenn O'Berg das letzte Mal zusammenarbeitete. Und erstmals gingen die drei nun gemeinsam in Japan in ein Tonstudio, um ihre Musik nicht live zu improvisieren, sondern die Stücke gemeinsam zu erarbeiten. Dafür werden auch nicht länger vorgefertigte Samples benutzt, sondern die flächig dröhnenden Soundscapes behutsam den jeweiligen Individualstilen angepasst. Das mag mitunter im Vergleich zu den früher harscher krachenden Versuchen etwas versöhnlicher klingen. Allerdings haben Fenn O'Berg im letzten Jahrzehnt hunderte Nachahmer gefunden, die diesen Stil mitunter inflationär wirken ließen. In Stereo fordert beim Hören deshalb höchste Konzentration, zumal sich hier auch durchaus melodiöse Ansätze verstecken. Wer sich auf diese sich schnellen Sensationen verweigernden Sounds einlässt, wird allerdings am Ende mit einem echten Hit belohnt. Das Stück Part VI erweist sich - neben dem Opener Part III - als echter Doom-Metal-Laptop-Kracher.

GOLDFRAPP
Head First
(Mute/EMI)
Auf dem schmalen Grad zwischen Mist und Trash hat sich das ehemalige britische TripHop-Duo (Felt Mountain) dieses Mal für ersteren Begriff entschieden. Durchstreiften Alison Goldfrapp und Will Gregory auf dem Vorgänger Seventh Tree noch recht charmant mit klingendem und frohlockendem Spiel die Folkgeschichte sowie Flora und Fauna, haben sie sich jetzt auf billigen Elektropop zwischen Olivia Newton-John in ihrer Xanadu-Phase, der frühen Kylie Minogue und Abba eingeschworen. Abba! Meine Herren. Nichts gegen Sondermüll für Rollerskater-Discos der 1970er-Jahre und paramilitärische Aerobic-Sounds mit Säuselgeträller, für die sich heute selbst Madonna zu schade wäre. Der Kunst ihre Zeit! Aber außerhalb von absichtlich schrottigen Trendsport-Lokalen in Berlin-Mitte, in denen man 2010 auch schon wieder Billy Joel oder Elton John um die Ohren gehauen bekommt, sollte sich das kein Mensch mit auch nur ein bisschen Geschmack freiwillig anhören.

THE WHITE STRIPES
Under Great White Northern Lights
(XL Recordings/Edel)
Wer glaubt, dass Jack und Meg White seit Jahr und Tag den Bluesrock wiederbeleben, irrt. Wie dieses Live-Album beweist, kommt das Duo vom Punk. Yeehaw!

QUASI
American Gong
(Domino/Good To Go)
Die von der Riot-Grrrl-Band Sleater-Kinney bekannte Schlagzeugerin Janet Weiss gründete diese Band gemeinsam mit Gitarrist und Sänger Sam Coone bereits 1993. Gemeinsam mit Bassistin Joanna Bolme von Steve Malkmus & The Jicks legt die räudige Combo mit diesem achten Album ihre bis dato überzeugendste Arbeit vor. Zwischen melodiösem Noise-Rock im Stile Sonic Youths (Repulsion) und Midtempo-Balladen im Zeichen der Beatles (Everything & No-thing At All) ist hier vieles möglich. Fröhlicher Dilettantismus im Dienste des Pop. Ein Album, das über die Hilfsbrücke des Rock 'n' Roll nach dem Frühling greift. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2010)

 

  • Das stilprägende Laptop-Trio Fenn O'Berg (von links: Peter Rehberg, Jim O'Rourke, Christian Fennesz) arbeitete für "In Stereo" erstmals in einem Studio.
    foto: ujin matsuo

    Das stilprägende Laptop-Trio Fenn O'Berg (von links: Peter Rehberg, Jim O'Rourke, Christian Fennesz) arbeitete für "In Stereo" erstmals in einem Studio.

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