Richard Kellys Mystery-Thriller "The Box" studiert die Verführbarkeit des Menschen
Mit seinem Debüt Donnie Darko (2001) gelang dem US-Regisseur Richard Kelly etwas, was man früher gerne einmal Kultfilm nannte: eine eigenwillige Verschränkung von Coming-of-Age-Drama und übersinnlicher Parabel, in der Hasen und Zeitreisen eine wichtige Rolle spielen. Im zunehmend risikoloseren Kinoverleihmarkt blieb der Film, der glühende Anhänger fand, ebenso unberücksichtigt wie der Nachfolgefilm Southland Tales (2006), der über eine nicht allzu entfernte Zukunft unter dem Eindruck von Terror und Ölknappheit spekulierte. Dass nun auch Kellys neuester Film, The Box, im deutschsprachigen Raum nur einen DVD-Release erlebt, grenzt schon an Fahrlässigkeit - oder beweist umgekehrt, dass man auf DVD mittlerweile auch das interessantere Gegenwartskino findet.
The Box basiert auf einer Very-Short-Story des Sci-Fi-Autors Richard Matheson (I am Legend), die Kelly allerdings wesentlich erweitert hat - sogar um autobiografische Elemente, wie er in einem der DVD-Extras verrät. Die Verschmelzung eines unheimlichen Genrestücks, das um den Preis moralischer Überzeugungen kreist, mit persönlichen Idiosynkrasien hebt den Film weit über gängige Mystery-Plots hinaus - das Viking-Mars-Projekt der Nasa, die Unterwanderung der NSA, Nahtoderfahrungen und sonderbare körperliche Defekte sind die wesentlichen Bestandteile für eine paranoid-entrückte Grundstimmung sowie eine Erzählkonstruktion, die einem allmählich alle Sicherheiten raubt.
Das Grundprinzip des Szenarios erinnert ein wenig an David Finchers The Game; in beiden Filmen geht es um einen Test, dessen Regeln die Protagonisten nicht kennen und der sie aus ihren gewohnten Bahnen reißt. Das Ehepaar Arthur und Norma Lewis (James Marsden und Cameron Diaz) erhält eine Box mit einem Knopf: Drückt man ihn, erklärt ihnen der mysteriöse Überbringer (Frank Langella), bekommt man eine Million Dollar - und es stirbt ein Mensch.
Die Verführung ist für die wirtschaftlich geforderte Familie zu groß; ihre Skrupel setzen erst ein, als der Mechanismus im Laufen, unumkehrbar ist und zu immer sonderbareren Entdeckungen veranlasst. Kelly versteht sich hervorragend auf Szenen, in denen das Vertraute mit einem Mal monströs erscheint - und all das, worauf man sich verlässt, plötzlich versagt. Dabei geht es The Box eigentlich nie darum, das "Andere", das Übersinnliche zu entdecken: Die Fantastik hat bei Kelly allein die Funktion, einen anderen Maßstab zu wählen, um den Menschen zu studieren. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2010)