Sozialdemokratische Verwahrlosung

25. März 2010, 21:32
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    foto: apa

    Klaus Werner-Lobo ist Buchautor und Kandidat der Grünen zur Wiener Landtagswahl.

Assoziationen zur politischen Semantik eines Begriffs und zum Zustand einer Partei anlässlich der Verschärfung des Wiener Sicherheitsgesetzes - von Klaus Werner-Lobo

Nein, ich habe mich nicht verschrieben: Die Wiener SPÖ (und nicht nur die FPÖ, die dazu allerdings heftig applaudiert) betreibt neuerdings Armutsbekämpfung, indem sie die Armen bekämpft, polizeilich verfolgt und fürs Armsein bestraft.

Heute, Freitag, wird sie einen Initiativantrag in den Landtag einbringen, der erstens das gewerbsmäßige Betteln unter Strafe stellt und zweitens der Polizei die Wegweisung von Bettlern und anderen Randgruppen aus dem öffentlichen Raum - noch mehr als bisher schon - erleichtern soll. Darunter fallen für die SPÖ auch Personen mit "verwahrlostem Auftreten" , konnte man bis vor kurzem in der Begründung des Antrags lesen. Ob die solcherart definierte Zielgruppe auch moralisch heruntergekommene Parteifunktionäre einschließt, war dem Schriftstück nicht zu entnehmen.

Bettelnde Menschen passen jedenfalls "nicht in ein modernes Stadtbild" , wie der Kurier per Online-Umfrage sogleich erhob. Sie humpeln über saubere Einkaufsstraßen und lauern vor Supermärkten: Vor allem Menschen aus Osteuropa, die um ein paar Euro betteln oder Straßenzeitungen verkaufen. Manche haben ihre Kinder in Lumpen gewickelt oder entblößen die Stümpfe amputierter Gliedmaßen, ihr klagendes "Bitte, Bitte" bohrt sich in die Gehörgänge der Passanten. Ein unangenehm nachklingender Fehlton im pulsierenden Sound dieser blitzblank verwalteten Metropole. Ein Geschwür im Körper der angeblich lebenswertesten Stadt der Welt. Und es werden immer mehr.

Es scheint, das Mittelalter sei in diese Stadt - immerhin die drittreichste der Welt - zurückgekehrt. Die SPÖ will dieses Geschwür wegmachen, und sie glaubt, dass sie dabei nicht nur auf den Applaus der Rechten, sondern auch eines Großteils der Bevölkerung hoffen kann. Der wurde nämlich jahrelang eingeredet, hier handle es sich um eine gut organisierte Bettlermafia, die von Menschenhandel profitiert und nicht davor zurückschreckt, kleine Kinder auf die Straße zu schicken, um die Tränendrüse potenzieller Geldtaschlzücker zu stimulieren. Nur damit dann goldketterltragende Mafiabosse die Bettelbeute abkassieren, um sich ihren dicken Mercedes zu finanzieren. Irgendwie will das jeder schon mal beobachtet haben. Und mit der Fülle solcher Beobachtungen lassen sich - siehe Strache - Wählerstimmen kassieren.

Die SPÖ ignoriert dabei bewusst Expertenaussagen der Wiener Polizei und jener Organisationen, die sich tatsächlich um die Probleme bettelnder Menschen kümmern: Dass nämlich erstens nicht alle Formen organisierten Bettelns kriminelle Hintergründe haben. Dass zweitens Bettelverbote in jenen Fällen, wo es tatsächlich zu Ausbeutung und Menschenhandel kommt, das Problem für die Betroffenen nur verschlimmern, weil sie in den Herkunftsländern mit noch weniger Schutz rechnen können. Und dass drittens gegen alle bekannten Formen krimineller Ausbeutung die bestehenden Gesetze völlig ausreichen würden, es aber der Polizei an Personal und Expertise mangelt, um dagegen effektiv vorgehen zu können. Und dort, wo es in Wien wirklich Menschenhandel und mafiöse Strukturen im großen Stil gibt, nämlich im Bereich der Prostitution, weigert sich die Stadtverwaltung bisher standhaft, deren Strukturen zu untersuchen und die Opfer zu schützen.

Wenn es schon keine Bettelmafia gibt, erfindet man sie halt. So fantasiert SP-Klubchef Siegi Lindenmayr im Weblog der Wiener Bettellobby allen Ernstes "das Herankarren von moldawischen Bettlern, die sich absichtlich verstümmeln und danach organisiert das erbettelte Geld abnehmen lassen" herbei. Auf Nachfrage gestand er nur auf meiner privaten Facebookseite ein, dass sein Kommentar "im medizinischen Sinn sicher unkorrekt" sei: "Ich hatte unter anderem z. B. jene Person vor Augen, die sich - bevor die Umbaumaßnahmen auf der Friedensbrücke begonnen hatten - in der Mitte der Brücke auf ein Bein gesetzt hatte, um vorzutäuschen, es gäbe nur mehr das andere. Nach ein paar Stunden sitzen kann das vermutlich nachhaltige Beeinträchtigungen für das eine Bein nach sich ziehen. Das meinte ich, nicht, dass sich jemand die Beine abhackt."

Wir lernen: Das Bettelverbot der Wiener SPÖ richtet sich also gar nicht gegen die Bettelmafia und moldawische Selbstverstümmlerbanden, sondern gegen unbequemes Sitzen! - Was aber stimmt, ist: Bettelnde, verwahrloste und verstümmelte Menschen sind kein schöner Anblick. Und jede Form von Ausbeutung muss auch in diesem Milieu mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden.

Wir müssen aber wohl oder übel damit leben lernen, dass die krassen sozialen Ungerechtigkeiten einer globalisierten Welt zunehmend auch bei uns sichtbar werden. Diese Sichtbarkeit könnte zu einem gewissen Grad sogar heilsam sein. Denn sie zeigt uns, dass am Ausgang der "Geiz ist geil" -Gesellschaft Verwahrloste und Verstümmelte warten. Und es wäre eigentlich die historische Aufgabe der Sozialdemokratie, die Solidarität mit diesen Menschen wieder herzustellen und damit die Verwahrlosung ihrer eigenen Wurzeln zu stoppen. (Klaus Werner-Lobo, DER STANDARD, Printausgabe, 26.3.2010)

Zur Person: Klaus Werner-Lobo ist Buchautor und Kandidat der Grünen zur Wiener Landtagswahl

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    Posting 1 bis 25 von 70
    1 2
    Toxo Logic
     
    15
    26.3.2010, 17:23

    Wenn sich Armut organisiert und bettelt, wird sie von Politikern verboten. Wenn sich Reichtum organisiert und bettelt, wird sie von Politikern mit Subventionen belohnt.

    zwergleviathan
    30
    26.3.2010, 17:32
    nicht armut, sondern Kriminalität

    denn das gezielte ungerechtfertogte Ausnutzen der Hilfsbereitschaft anderer ist eine Form von Mißbrauch bzw. Betrug

    Fürchtegott Dreist
    00
    29.3.2010, 09:28

    mein lieber zwergl., ihr einwand in ehren, aber hier geht es um bettler -nicht um bankster

    Readers Disgust1
     
    13
    26.3.2010, 16:24
    Guter Rat nötig

    Werner-Lobo wirft den Sozialdemokraten ideologische Verwahrlosung vor, weil sie das Betteln in Wien bekämpfen, anstatt dessen Wurzeln - die Armut. Vielleicht wären einige Vorschläge von Nutzen, mit welchen Maßnahmen der Wiener Bürgermeister oder der österreichischen Bundeskanzler die Armut in Sofia oder Bukarest bekämpfen sollen.

    Der Vater Staat
    02
    26.3.2010, 16:59

    Faymann stemmt sich öffentlich gegen eine Vermögenssteuer ... welche "Vorschläge" soll ich so einem geben?

    /. nerd
     
    33
    26.3.2010, 16:07
    Grüne Verwahrlosung

    Jaja, liebe Fans des EU-Vertrags von Lissabon, die Gegner waren natürlich alle nur böse Chauvinisten und Nationalisten.

    Nein, nein, die Kritik an einer EU nach dem Motto "Standortwettbewerb ist geil, Steuerflüchtlinge importieren, Sozialstaat auslagern" kann nur von bösen Rechten kommen.

    Schließlich ist für den Bobo von Welt jegliche organisierte Form der Solidarität wie z.B. ein Sozialstaat eine ungeheure Einschränkung seiner Freiheit.
    Da sind unsere Bobos wieder ganz bei den reaktionären Eltern: Almosen geben fürs persönliche Wohlbefinden.

    lukas820
    04
    26.3.2010, 14:43
    Grundlose Aufregung

    Auch wenn die Theorie mit den kriminellen Bettlern stimmt, (was ich bezweifle) hat man halt einmal 2 € verschwendet. Ich denke das sollte in einem der reichsten Länder der Welt wohl auch niemanden an den finanziellen Ruin treiben. Wenn man bedenkt für was man das Geld sonst zum Fenster raus wirft.

    zwergleviathan
    00
    26.3.2010, 15:49
    also ist organisierte Kriminalität ok, solange der Schaden pro Person so gering ist?

    oder wie?

    lukas820
    02
    26.3.2010, 17:18
    Nein das nicht.

    Aber bei so kleinen Beträgen ist es es wert, das Risiko einzugehen, auch mal einen Schwindler zu erwischen.

    dölerich hirnfidler
    41
    26.3.2010, 14:26

    also: es gibt kein von mafiösen strukturen organisiertes betteln. und wenn doch, ist es auch wurscht, weil, wenn wir die hops nehmen, es den bettlern noch schlechter geht. net bös sein, aber das ist eine glatte zehn auf der nach oben offenen rosenkranz-skala für geistiges nackerpatzltum. das ist genau dieser gutmenschenzugang, der mindestens ebenso mitverantwortlich ist für das unfassbare leid in der sog. 3. welt wie die abzocker & ausbeuter. statt beim biobauern sollte man sich mal mit betroffenen unterhalten, dann klingt das ganze grün-gequatsche plötzlich mega-schal.

    zwergleviathan
    02
    26.3.2010, 16:13
    wieso gehts den bettlern schlechter wenn man die organisation dahinter zerschlägt?

    erklären sie das bitte, ich verstehe es nicht und ich glaube viele andere auch nicht

    wenn dann gehts den Bettlern eher besser weil sie ihre "Einkünfte" behalten können und sich aussuchen dürfen ob sie betteln wollen oder nicht....

    also bitte um aufklärung

    nipes
    12
    26.3.2010, 13:06
    wie wahr und traurig....

    ...

    Mann40
    13
    26.3.2010, 12:08

    mit der Kritik an den Zuständen in Sachen Prostitution hat Werner-Lobo absolut recht

    Loggo
    13
    26.3.2010, 11:56
    Jaja...

    Solange der Durschschnittsbuerger auf die sozial schwaecheren schimpfen kann, hat dieser eben zuwenig Zeit, darueber nachzudenken, wer unsere Steuergelder zu den eh' schon Wohlhabenden hin umverteilt.

    Functio Laesa
    83
    26.3.2010, 11:06
    Der Artikel ist an sich

    gutmenschlich vollkommen korrekt und entspricht inhaltlich den linken Dogmen. Mir geht lediglich ein Hinweis auf den braunen Sumpf der diese Entwicklung ermöglicht hat aber ansonsten ist der Artikel perfekt! Das übliche halt.

    jose luis schuster
    01
    26.3.2010, 14:54

    wie geistreich!

    frauauswien
    12
    26.3.2010, 10:02
    der bettler auf der friedensbrücke...

    ... hat wirklich nur beinstummel und ist inländer. aber die spö hat sich ja ganz sicher alle bettler genau angeschaut und interviewt;-)

    zwergleviathan
    30
    26.3.2010, 14:40
    der am Schedifkaplatz sitzt jeden Tag da

    und spricht kein wort deutsch, bis auf "bitte, danke"

    Dienst hat er zwischen 09.00 und 18.00 Uhr, Geld steckt ihm nach meiner Beobachtung ungefähr jeder 5te Passant zu, üblicherweise zwischen 5 und 10 Euro. Bei einer Frequenz die sicher in die Tausende (Schedifkaplatz = Ubahn, BadnerBahn, Schnellbahn, mehrere Buslinien) geht verdient der nicht übel....

    mehr konnte ich nicht beobachten, ich sehe mir das seit knapp einem Monat an.

    ich erhebe dahingehend keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber wenn er um Asyl ansuchen würde könnt er sich die Füße gratis richten lassen, und die Zähne großteils auch... aber ich glaub das hat einen Grund warum er nicht ansucht...

    qwertztt
    00
    28.3.2010, 00:39

    naja wenn der so viel verdient............mach ich das auch......

    Nach ihrer Rechnung:
    ein paar Tausende Passanten...sagn ma 5000
    jeder 5. gibt 5-10 Euros....sagn ma fünf
    nach ihrer Rechnung verdient der ca. 5000 Euro pro Tag. Meinen Sie das ernst???

    Functio Laesa
    00
    27.3.2010, 13:34
    So gehts aber nicht

    der soll sich gefälligst anpassen - wenn er schon hier "arbeitet" dann soll er wenigstens einen Deutschkurs besuchen.

    Der wird schon deshalb nicht um Asyl ansuchen können weil er wohl aus einem EU Land kommt und da könnte er sich ohnehin ganz legal hier ansiedeln. Allerdings sind die Mieten bei uns teurer - na er müßte halt eine Gemeindewohnung beantragen!

    Schnur
    01
    26.3.2010, 21:52

    Versuchen sie es doch mal mit einem Lügendedektor, das ist ein Forum.

    Ausgeflippter Lodenfreak
    510
    26.3.2010, 09:58

    Natürlich empfindet jeder halbwegs normale Mensch Mitleid, mit den osteuropäischen Bettlern. Aber die sind eigentlich nicht unser Problem, da sie nicht durch unser soziales Netz gefallen sind. Sie sind hier nicht geboren, sie und ihre Familien haben und werden nie etwas zu unserem Gemeinwesen beigetragen und sie haben auch meist gar nicht die Absicht in Österreich zu bleiben. Unsere Gesellschaft hat schlicht keine Verantwortung für ihren Zustand und auch keine Werkzeuge ihnen zu helfen. Mit jedem Euro den sie bekommen werden sie auch eher mehr als weniger.

    Dante Alighieri
    12
    26.3.2010, 16:18

    Das sehe ich anders. Mir ist jeder Mensch gleich wichtig. Wo jemand geboren wurde oder welchen Reisepass jemand hat ist doch völlig irrelevant.

    upper secret
    11
    26.3.2010, 17:16
    leider muss ich widersprechen

    wir sind sicher imstande ein paar osteuropäische bettler auszuhalten, aber dieses prinzip z.b. auf die entwicklungsländer auszudehnen wäre keinesfalls auszuhalten. den milliarden darbender menschen dort muss in erster linie eine positive entwicklung der eigenen gesellschaft helfen, von aussen allein ist das ein ding der unmöglichkeit.
    wir können höchstens hilfe zur selbsthilfe leisten, ausbildung, rechtssystemunterstützung etc.
    charity, massiv ausgeübt, ist kontraproduktiv, wenn sie überhaupt die richtigen erreicht dann verleitet sie sehr wohl zu passivität.

    Galina Ulanowa
    21
    26.3.2010, 12:36
    natürlich sind die nicht aus wien

    und fahren nach ein paar wochen wieder nach hause.

    sehen sie die spenden doch einfach als einen akt der solidarität. vielleicht spenden sie manchmal auch für kleine kinder in afrika - die werden auch nie in wien leben.

    aber solange sich die hiesige regierung nicht die mühe macht für bessere bedingungen, zB für roma in der slowakei, lobbying zu machen aber gleichzeitig den aufwand zur rechtlichen repression nicht scheut finde ich das bigott.

    und was sollen die leut den machen? irgendwo in wien "bitte, bitte" sagen ist sicher auch nicht deren vorstellung von einem gutem leben.

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    Posting 1 bis 25 von 70
    1 2

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