Am Ende kommt der Gerichtsvollzieher

25. März 2010, 18:31
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Die Anzahl der Privatverschuldung steigt seit Jahren kontinuierlich nach oben. Der Ernst der Lage wird selten rechtzeitig erkannt

Zunächst war es nur eine nicht gezahlte Telefonrechnung. Nichts weswegen man sich große Sorgen machen müsste, dachte sich Peter*. Der letzte Urlaub fiel etwas teurer aus als ursprünglich gedacht und die Ebbe auf dem Konto ließ keine Einzahlung zu. So ähnlich geht es Unzähligen anderen auch, also wieso sollte man sich deswegen das Leben allzu schwer machen? Und nun, Monate später, steht er vor den Scherben, die früher einmal sein Leben waren. Aus einer Rechnung wurden zwei, aus diesen dann wiederum vier. Am Ende dieser Spirale waren es dann so viele Inkassobriefe und Klagedrohungen, dass sie ihm die Luft zum Atmen abgeschnürt haben. Dass Peters Fall bei weitem kein Einzelschicksal ist, belegen auch neue Statistiken. In den letzten drei Jahren hat sich die Anzahl derjenigen, die bei der Schuldnerberatung um Hilfe ansuchen, drastisch erhöht.

Bis man dem Leidensdruck nachgibt

Oft wenden sich Betroffene bei den offiziellen Stellen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Laut Hannes Haßler von der Schuldnerberatung Wien hat das ganz unterschiedliche Gründe. Viele realisieren ihre prekäre Lage erst, wenn die Situation eingefahren ist. Die meisten Betroffenen nehmen ihre Schuldenlage nicht rechtzeitig wahr und stopfen nur ein Loch nach dem anderen. Bis dieses fragile System dann zum Einsturz gebracht wird. Die Höhe der Durchschnittsverschuldung ist in Österreich allein 2008 auf 77.512 € angestiegen.

Die Kreditspirale

Banken haben seit Jahren die höchsten Forderungen bei Schuldnern. Das "System des Schuldenmachens" wird von ihnen nicht nur unterstützt sondern auch aktiv gefördert. Viele bauen sich ihren Lebensstil durch Kredite und Fremdfinanzierungen auf. Nicht selten sind Finanzierungspläne der Kreditinstitute aber schon bei den Beratungen so eng kalkuliert, dass geringe zusätzliche Kosten das Kartengebilde zum Einsturz bringen können. "Ich habe einmal eine Familie bei mir gehabt, die durchaus wohlsituiert war und ihre Kredite zunächst durchaus im Griff hatte. Erst eine Reihe von zusätzlichen Versicherungen, die von der Bank angeboten wurden, brachte die Familie dann in arge Bedrängnis. Diese Kosten waren ursprünglich nicht eingeplant gewesen", erzählt der Schuldnerberater Haßler.

Niedriges Bildungsniveau

Der Großteil der Personen, die die Schuldenberatung aufsuchen stammt aus einkommensschwachen Schichten und hat eine geringere Schulbildung. Etwa 90 Prozent dieser Menschen können als höchste abgeschlossene Ausbildung entweder einen Pflichtschul- oder einen Berufsschulabschluss vorweisen. Die Mehrzahl von ihnen ist erwerbstätig. Peter hat sich keinen größeren Luxus geleistet, besitzt kein protziges Auto und ist auch kein notorischer Spieler. Dennoch muss er sich derzeit mit Inkassobüros herumschlagen. "Viele Menschen lassen es aber gar nicht erst dazu kommen, denn wenn einen die Familie unterstützt leistet man sich vorher noch einen Anwalt und schafft somit diese Probleme aus der Welt", erzählt der Schuldnerberater Haßler. Nicht jeder hat allerdings Glück auf Rücklagen oder die Familie zurückgreifen zu können.

Migranten in der Schuldenfalle

Etwa zwei Drittel der Menschen die zur Schuldnerberatung Wien kommen haben einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen haben sich durch den Aufbau eines "österreichischen" Lebensstils in die Schuldenfalle begeben. Es zeigt sich, dass die meisten Schulden aufgrund von Wohnraumbeschaffung oder Selbstständigkeit entstehen. Diese Menschen haben grundsätzlich dasselbe Problem wie alle anderen auch. Ein niedriges Bildungsniveau und die daraus resultierende Konsequenz eines schlecht bezahlten Jobs machen den Weg für Verschuldung frei.

Jeder kann sich über Pfändungen informieren

Aus angehäuften Schulden müssen allerdings nicht notwendigerweise Schuldenprobleme werden. Erst bei der sogenannten Überschuldung, die nicht selten durch unvorhersehbare Ereignisse wie Jobverlust entsteht, wird man "zahlungsunfähig". Für Gläubiger gibt es dann die Möglichkeiten zumindest zu einem Teil ihres Geldes zu kommen. Bei einer Fahrnisexekution beauftragt das Gericht einen Gerichtsvollzieher um Zahlungen zu kassieren. Kann man Versäumnisse nicht begleichen wird überprüft ob der Schuldner über wertvolle Gegenstände verfügt, die gegebenenfalls gepfändet werden können. Nicht selten werden dann gerichtliche Versteigerungen in den Wohnungen und Häuser der Schuldner abgehalten. In der Ediktdatei des Justizministeriums kann sich jeder Interessierte über zu versteigernde Gegenstände, Adressen und Namen informieren. Diese menschenunwürdige Praktik beschert dabei vielen lediglich schamvolle Momente vor fremden Leuten, die dann im Wohnzimmer stehen. Selten wird durch diese Veräußerungen wirklich viel Geld eingenommen.

Soweit will es Peter allerdings nicht kommen lassen. Noch besitzt er ein dichtes soziales Netz aus Freunden und Familie, das ihn auffangen kann, sollte er es aus der Schuldenfalle nicht alleine herausschaffen. "Den meisten, die zu uns kommen, können wir auch weiterhelfen", sagt Haßler. Viele von ihnen schaffen den Schritt zurück in ein normales Leben. Nur um darauf wieder als schuldenfreie Menschen am Konsum teilnehmen zu können.

*Name von der Redaktion geändert

Links:

Schuldnerberatung Wien

Ediktedatei

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    Nicht selten werden gerichtliche Versteigerungen in den Wohnungen und Häuser der Schuldner abgehalten.

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