Ein Jazzer als Cowboy und CIA-Agent

25. März 2010, 18:18
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Star-Trompeter Enrico Rava im Gespräch

Wien - Ein interessanter Gedanke: "Das mit den Preisen für Künstler ist ja doch eine eher seltsame Sache, schließlich gibt es so viele gute Musiker. Aber wenn sie schon einmal existieren, dann ist es wohl das Beste, sie alle zu gewinnen!" Diesen Ausspruch seines Mentors Enrico Rava zitierte Pianist Stefano Bollani vor zwei Jahren, als er den European Jazz Prize bekam.

Am Freitag, 26.3., ist Rava selbst an der Reihe, die höchste Auszeichnung im Rahmen des Hans-Koller-Preises entgegenzunehmen. Es ist jene Trophäe, die in den letzten Jahren internationale Beachtung gefunden hat - und die ihre Zukunft zurzeit von den wankelmütigen öffentlichen Geldgebern (Stadt Wien und auch Bund) groteskerweise wieder infrage gestellt sieht.

Enrico Rava ist die Person des Namensgebers Koller wohlvertraut. "Natürlich kenne ich Hans Koller. Er ist eine europäische Legende! Als ich etwa 21 war, trat er mit seinem Quartett in meiner Heimatstadt Turin auf, anschließend gab es natürlich auch eine gemeinsame Jam-Session." Ja, der heute 70-jährige Rava, in der Bedeutung einem Tomasz Stanko in Polen oder einem Michel Portal in Frankreich vergleichbar, hat ziemlich viel erlebt. Und er, eine der wichtigen europäischen Jazzfiguren mit Anbindung an die Weltszene, erinnert sich noch genau an die Zeit seiner eigenen Anfänge.

"Damals gab es kaum Arbeit, denn die Szene war sehr klein. Der Berufswunsch Jazzmusiker war eine ziemlich verrückte Idee - es war, als wollte man Cowboy werden oder Häuptling eines Indianerstammes." Der Mann, der damals für Enrico Rava zur Leitfigur wurde, war der argentinische Saxofonist Gato Barbieri. Er führte den Trompeter auch 1967 in die Kreise der New Yorker Jazzszene ein.

"Der Free Jazz war damals die Musik der Zeit. Man glaubte an die veränderbare Kraft der Musik, die dann aber zunehmend die alten Regeln durch neue ersetzte. Wenn man eine Melodie spielen wollte, stand man mitunter schon unter Verdacht, ein CIA-Agent zu sein" , so Rava schmunzelnd. "Allerdings habe ich diese Musik nie vergessen, der Free Jazz ist noch heute für mich prägend."

In der Reifephase

Von Letzterem kann man sich anhand der aktuellen, superben Quintett-Einspielungen The Words And The Days und New York Days (bei ECM erscheinen) überzeugen, die Rava mit italienischer bzw. US-Besetzung (mit Saxofonist Mark Turner und Schlagzeug-Veteran Paul Motion) eingespielt hat. Und in denen er ein reifes Resümee seiner Karriere zieht, sinnlich und doch auch frisch und überraschungsreich.

Seine Beschäftigung mit dem Genre Oper hallt daraus auch mitunter wider. Hat doch Enrico Rava in den 1990er-Jahren in Alben wie L'Opera Va und Carmen die Musik Puccinis und Bizets auf improvisiertem Wege erkundet.

Als bewusste Reflexion seiner italienischen Identität will Rava dies aber nicht verstanden wissen. Überhaupt sei "die ganze Diskussion um europäischen und amerikanischen Jazz nicht unbedingt mein Ding. Ich finde etwa die Volksmusik aus dem Piemont ziemlich langweilig - mir wäre auch nie eingefallen, mich stilistisch darauf zu beziehen. Meine wirklichen Roots liegen in der Musik, die ich immer gehört habe, also in der Musik von Trompeter Miles Davis, Louis Armstrong und Bix Beiderbecke."

Enrico Rava fügt eine überraschende historische Sichtweise an: "New Orleans war um 1900 voll mit Sizilianern, es gab da eine direkte Linie von Palermo nach New Orleans. Etwa Nick LaRocca, der Leader der Original Dixieland Jazz Band, die einst, 1917, die ersten Jazzaufnahmen machte - seine Eltern stammten aus Sizilien. Und: Bix Beiderbecke war deutschstämmig."

Also folgt daraus auch: "Wir Europäer hatten durchaus etwas mit der Geburt dieser Musik zu tun. Der Jazz ist deshalb wirklich auch unsere Musik. Wobei Kunstmusik immer allen gehört, sie ist einfach universell." (Andreas Felber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2010)

 

26. 3.: Verleihung der Hans-Koller-Preise an Enrico Rava (European Jazz Prize), Wolfgang Reisinger (Musiker des Jahres), Max Nagl (CD des Jahres), Clemens Salesny (Newcomer des Jahres) u. a.;

27. 3.: Das Preisträgerkonzert mit Trompeter Enrico Rava, jeweils Porgy & Bess, 1., Riemergasse 1, www.porgy.at, jeweils um 20.30

 

  • Enrico Rava bekommt den renommierten europäischen Jazzpreis und spielt im Porgy & Bess.
    foto: ecm

    Enrico Rava bekommt den renommierten europäischen Jazzpreis und spielt im Porgy & Bess.

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