"Es gibt so viele Gesichter, die man übersieht"

25. März 2010, 17:58
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    foto: apa/epa/nina prommer

    Furchteinflößend präsent: Oscar-Gewinnerin Mo’Nique als Mutter der Titelheldin (Gabourey Sidibe, hinten) in "Precious"

     

     

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    Hinschauen statt ausblenden: Regisseur Lee Daniels, hier gefeiert bei den Independent Spirit Awards

     

     

Im US-Gesellschaftsdrama "Precious" erzählt Regisseur Lee Daniels die Geschichte einer Unterprivilegierten auf eine direkte Weise, der man sich kaum entziehen kann

Jetzt startet der preisgekrönte Film in Österreich.

Wien - Claireece "Precious" Jones hat mehr Leid angehäuft, als für ein einziges Menschenleben ausreicht. Der afroamerikanische Teenager ist übergewichtig und Analphabetin und gerade wieder schwanger, ein Kind mit Down-Syndrom hat sie schon, das aus den Vergewaltigungen ihres Vaters hervorgegangen ist; ihre Mutter sitzt alkoholkrank und arbeitslos den ganzen Tag auf der Couch und behandelt sie wie den letzten Dreck - wenn sie Precious Gegenstände nachwirft, hat sie noch einen guten Tag.

Precious ist Titelheldin von Lee Daniels' ungewöhnlichem, Oscar-prämierten Sozialdrama, das auf Sapphires gefeiertem Roman Push basiert. Ungewöhnlich bedeutet in diesem Fall: schonungslos, direkt, ohne Sicherheitsnetz. Die Geschichte einer Unterprivilegierten, einer afroamerikanischen Ghetto-Existenz (in dem in den 1980ern noch nicht gentrifizierten Harlem) wird mit einer visuellen Dreistigkeit zwischen Groteske und Sozialrealismus inszeniert, die im reichhaltigen Fundus der amerikanischen Bilderwelt eine Seltenheit darstellt.

Für den schwarzen Regisseur, der zuvor als Casting-Chef und Produzent ("Monster's Ball") arbeitete, ist der Stoff eine Herzensangelegenheit gewesen, erzählt er im Standard-Interview: "Ein Freund gab mir das Buch, und es wirkte markerschütternd auf mich - ich hatte noch nie etwas so Ehrliches, Reines und Schönes gelesen. Ich wusste sofort, dass ich den Roman verfilmen möchte." Der Umstand, dass es ein so drastisches Bild zwischen Inzest und Missbrauch abgab, schreckte ihn nicht ab: "Ich habe nie darüber nachgedacht, ob es sich gut verkauft. Mir war nur klar, dass Menschen daraus lernen könnten."

Daniels spricht direkt aus, was ihn antreibt: eine Art Pädagogik des Sichtbarmachens. In Amerika hat man ihm das, vor allem auch vonseiten schwarzer Filmkritiker, vorgeworfen - er bediene kulturelle Stereotype, die in der melodramatischen Form kaum aufgebrochen würden. "Precious" ist eine Geschichte über einen Menschen, der seinen Selbstwert entdeckt; er arbeitet ganz bewusst mit groben Bauklötzen, will seine Argumente nicht verfehlen. Der Film verfügt dennoch über ein Pathos, das unverfälscht, aufrichtig erscheint - so paradox es klingen mag: Man lässt sich von "Precious" gerne manipulieren.

"Die Geschichte gibt so vielen Menschen eine Stimme, die über keine eigene verfügen. Es gibt so viele Gesichter, die man übersieht" , sagt Daniels. Vor Vorur-teilen habe er überhaupt keine Angst: "Das ist kein spezifisches Problem von Schwarzen. Es schmerzt immer, bestimmte Stereotype wahrzunehmen, wenn sie einer Kultur angehören - das ist sicher auch in Österreich so, aber wir können wachsen, wenn wir uns diesen stellen."

"Precious" widersetzt sich auch einer Auffassung von Amerika, die einen Präsidenten Barack Obama hochhält, aber für Angehörige unterer Klassen keinen Platz in der Öffentlichkeit übrig hat: "Mit Obamas Aufstieg sah man auch die Vorurteile, die zu überwinden waren" , sagt Daniels. "Obama ist hier nicht allein hingekommen, sondern weil es unter ihm Hunderte, Tausende wie Precious gibt. Und es gab sie lange vor ihm - daher müssen wir auf sie blicken und sie zur Kenntnis nehmen."

Damit man das auch tut, hat Daniels nicht nur die Unterstützung von Oprah Winfrey und des Großproduzenten Tyler Perry bekommen. Im Film gibt es mit Lenny Kravitz, Mariah Carey und der eigentlich als Stand-up-Komikerin bekannten Mo'Nique überraschende Besetzungen, die die Logik von "Precious" umkehren: Stars spielen Figuren aus dem alltäglichen Leben.

Mo'Nique erhielt für ihre furchteinflößende Interpretation der Mutter, die immer subtilere Facetten hinzugewinnt, zu Recht einen Oscar, aber auch Carey ("Wir haben das Make-up weggelassen und sind schnurstracks zu ihrer Seele vorgedrungen" ) überrascht als zähe Sozialarbeiterin, die statt Glamour Anteilnahme ausstrahlt.

Im Mittelpunkt steht die Newcomerin Gabourey Sidibe, deren ruhige, gutmütige Gesichtszüge dem Film den notwendigen Halt verleihen - manchmal träumt sie sich fort aus der Wirklichkeit auf eine ferne Varieté-Bühne, dem einzigen Fluchtort des Films.

"Das Buch hatte diese Ebene der Fantasie nicht, es ist nicht jugendfrei, fast pornografisch" , erzählt Daniels. "Ich glaube jedoch, dass diese Ausflüchte notwendig sind, damit das Publikum Momente hat, in denen es durchatmen kann." Die Szenen erfüllen aber noch eine Funktion: Sie erinnern an die Künstlichkeit eines filmischen Universums, in dem große Gefühle und ebensolche Träume von jeher konkurrieren. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.3.2010)

 

Kommentar posten
21 Postings
StanleyKubrick
00
PRECIOUS ist GROSSARTIG !!!

Der Film ist GROSSARTIG !!!
... und hat nicht ohne Grund so euphorische Kritiken:
http://www.angelaufen.de/filme/vor... st_kostbar
und
http://www.rottentomatoes.com/m/preciou... =creamcrop
Lange schon nicht mehr hat mich ein Film so sehr berührt!
UNBEDINGT ANSCHAUEN !!!

Grantscherben
00
29.3.2010, 13:16
Zeit und Euros gespart

Hab unglaublich wenig Motivation nach diesem Artikel auch noch den Film zu sehen. *fg*

yokozuna
00
28.3.2010, 23:58
My Precioussssss

Nur eine Assoziation...

Bei mir hats gebrannt
00
28.3.2010, 20:42
Super Streifen. So ist übrigens auch Wien.

Chanel3
21
26.3.2010, 16:18
Ich fand ihn grossartig.

Und nicht zu dick aufgetragen - sowas sollte gerade aus dem Land der Keller nicht als Argument kommen.

Palavatar
41
26.3.2010, 13:12
Klingt entsetzlich

Wieso sollte man sich diesen Film antun?

Bei mir hats gebrannt
00
28.3.2010, 20:44

Er bietet den Betroffenen eine Perspektive. Ausgezeichnet.

so go
00
26.3.2010, 14:45
weil manche menschen

gerne daran erinnert werden, was man alles hat, solange man es noch hat!

baby jane hudson
00
26.3.2010, 13:22
nein danke

es reicht mir der artikel!

Galina Ulanowa
00
26.3.2010, 12:49
ein bißerl dick aufgetragen, ein bißerl pädagogisch


ich mein, klar gibts auch so extreme fälle: vom vater mißbraucht, von der mutter geschlagen, erstes kind vom papa mit trisomie-21, zweites mal schwanger, schulabbruch, papa stirbt an AIDS, tochter ist auch infiziert. aber ist ein bißerl so als wäre fritzl und in den keller einsperren der durchschnitt von häuslicher gewalt. und das skandalisiert das ganze.

pädagogisch: also der ganze film ist eigentlich aus der schablone gestampft "wie grenze ich mich als mißbrauchsopfer ab". und das ist unglaubwürdig (besonders bei dem dargestellten schweren fall), besonders die plötzliche entwicklung von precious, deren klare ansagen etc. außerdem frag ich mich warum die sozialarbeiterin nicht die polizei ruft, und ihr ne therapie verschafft. cliché olé

Fritz Meyer
00
26.3.2010, 12:13
Ich habe diesen Film bereits gesehen.


Empfehlen würde ich ihn auf jeden Fall. Allerdings hat er mich nicht völlig überzeugt in einigen Hinsichten.

Gerade die Hauptrolle finde ich schauspielerisch nicht sehr ausdrucksstark umgesetzt und einige der anderen Charaktere wirken (im Rahmen der Story) leider klischeehaft überzogen und einseitig.

Hier eine Besprechung, die sich mit meinem Eindruck deckt:

http://www.ruthlessreviews.com/9358/precious/

Fritz Meyer.

Longyearbyen
 
11
26.3.2010, 11:04

Der beste amerikanische Film der letzten Jahre.

Bitte nicht hinterm Gartenhaus.
41
25.3.2010, 20:48

Habe den Film noch nicht gesehen, aber irgend wie kommt mir das schon ein bisschen viel vor. Misshandlung, Inzest, Analphebetismus und am Schluss noch AIDS zum Drüberstreuen. Hm. Ja das passiert, aber die Regel ist es nicht einmal in den megapöhsen USA. Klingt für mich ein bisschen wie 'Hundstage', aber der wurde zurecht nicht abgefeiert.

Außerdem unvorstellbar in synchronisierter Fassung. Bin sicher, dass das 1. auf Englisch/Ebonics nicht leicht wird ;) und 2. die Sprache garantiert Teil des Settings ist.

Anschauen werd ichs mir trotzdem. Auch wenn ich ein bisschen voreingenommen bin durch das, was man so gehört hat. Und wenns nur ist, um eine offensichtlich tolle junge Schauspielerin weit abseits aller Normen zu fördern.

t-bonesteak
00
26.3.2010, 14:38
so dick aufgetragen

ist das nicht, wenn man sich die lebensrealität in us-großstadtghettos ansieht.

anschauen werde ich mir das glaube ich nicht, habe solche zustände live sehen dürfen, das reicht

jimmydean
00
26.3.2010, 08:21
hundstage wurde nicht abgefeiert ?

weil er keinen oscar bekommen hat ?

Bitte nicht hinterm Gartenhaus.
10
26.3.2010, 09:47

Hundstage war der erste und einzige Film, aus dem ich deprimierter rausgekommen denn reingegangen bin und damit eine klare Themaverfehlung (die aber natürlich beim österreichischen Publikum ganz gut angekommen ist).

Von großen Kritiker-Partys hätte ich nichts mitbekommen, nein.

Gegenflieger
02
26.3.2010, 04:33

Die Skala Menschlichen Elends ist nach oben offen.

natoll
06
25.3.2010, 18:34

schauts euch diesen film an!

politisch verfolgt
01
26.3.2010, 01:19
wieso?

alte frau
03
25.3.2010, 20:03

aber bitte auf englisch!

das poppende lottchen
01
27.3.2010, 03:33
darauf kannst du einen lassen!

ey mann, mit deutscher synchro-pampe, das geht gar nicht!

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