"Sie ist jetzt mein kleines Kind, das mich braucht"

25. März 2010, 17:41
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Nur wenige Betroffene haben in Österreich die Chance auf einen Spezialpflegeplatz - eine Reportage

Gemeinsam mit zwei Pflegerinnen betreut Zbigniew Golat daheim seine Frau, die seit fünf Jahren im Wachkoma liegt.

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Wien/Korneuburg - "Wenn man sie berührt, erschrickt sie im ersten Augenblick immer." Zbigniew Golat streichelt seiner Frau zärtlich über die kurzgeschnittenen grauen Haare. "Aber schauen Sie, dann entspannt sie sich gleich wieder." Der Blick von Elisabeth ist in die Ferne gerichtet, so als würde sie etwas aufmerksam betrachten, das viel weiter entfernt ist als der Fernseher auf dem Regal vor ihr, in dem gerade eine polnische Talkshow flimmert.

Die großen dunklen Augen erinnern noch an die Frau mit den schulterlangen blonden Locken auf dem Foto, das der 54-Jährige aus seiner Geldbörse zieht. "Sie ist jetzt mein kleines Kind, das mich braucht" , sagt Herr Golat und lächelt müde.

Im Zimmer, in dem das Bett von Elisabeth Jung-Golat steht, gibt es viele helle Farben - zartgelbe Bettwäsche, aprikotfarbene Gardinen. An der Wand hängen zwei Bilder, auf denen schneebedeckte Landschaften zu sehen sind. "Die hat die Tochter einer der Pflegerinnen gemalt" , erzählt Golat. Gemeinsam mit den beiden Frauen aus Polen pflegt der Elektriker seine Frau seit vier Jahren. Er selbst schläft auf der Couch - ein Zimmer gehört den Pflegerinnen, im zweiten steht das Krankenbett seiner Frau.

Die gebürtige Polin, früher selbst Krankenschwester, braucht rund um die Uhr Pflege. Weil sie keinen Schluckreflex mehr besitzt, wird sie über eine Magensonde ernährt. Wachkomapatienten öffnen die Augen, haben einen Schlaf-wach-Rhythmus. Je nach Tiefe des Komas drehen manche den Kopf, wenn jemand den Raum betritt, machen Greifbewegungen, andere wiederum sind im "vegetative state" und zeigen keine merkbaren Reaktionen.

Den 29. Mai 2005 wird Golat nie vergessen. Nachdem er spätabends Freunde, die zu Besuch im neuen Haus in Korneuburg gewesen waren, zum Bahnhof gebracht hatte, fand er seine Frau bewusstlos neben dem Bett. Am nächsten Tag übergab ihm im Spital ein Arzt ein Kuvert mit dem Ehering seiner Frau. Diese liege im Koma, hieß es knapp.

Ob ihm die Tatsache, dass Forscher kürzlich mittels einer neuen Scanner-Technik, bei der die Gehirntätigkeit gezeigt werden konnte, mit Wachkomapatienten kommunizierten, Hoffnung gibt? "Ich gehe ohnehin davon aus, dass meine Frau alles versteht."

Dass es in nahezu allen Berichten über den medizinischen Durchbruch darum ging, dass man die Patienten nun fragen könne, ob sie überhaupt so leben möchten, erschüttert ihn nicht. Golat hat schon Ärzte erlebt, die ihm mit gesenkter Stimme zugeraunt haben, dass man die Antibiotika bei seiner Frau eigentlich ruhig absetzen könnte, und frühere Freunde, die ihn gefragt haben, ob man nicht einfach die künstliche Ernährung einstellen könnte.

Elisabeth Jung-Golat ist eine von rund 800 Wachkomapatienten in Österreich - die Hälfte wird zu Hause gepflegt, knapp 400 werden in Pflegeeinrichtungen betreut. Allerdings gibt es nur 140 Langzeitpflegebetten eigens für Wachkomapatienten.

29 dieser Betten stehen in der Abteilung von Johann Donis im Geriatriezentrum Am Wienerwald. Der jüngste Patient auf der Wachkomastation ist 14 Jahre alt, der älteste 70. Donis ist überzeugt, dass die meisten Patienten die Frage, ob sie weiterleben möchten, mit "ja" beantworten würden. "Beim Umgang mit Menschen im Wachkoma findet oft eine Übertragung statt" , sagt der Neurologe. Die Reaktion sei oft: "So möchte ich nie leben." Der Schluss laute dann: "Also möchte der Wachkomapatient so auch nicht leben."

Dass die neue Untersuchungsmethode auch bei uns in einigen Jahren Standard sein könnte, schließt Donis nicht aus. Was akut fehlt, sind jedoch Neuro-Rehabilitations-Betten. In Wien gibt es derzeit nur sechs. Donis: "Wenn ein Schlaganfall- und ein Wachkomapatient das Bett brauchen, ist meist klar, wer es bekommt."

Viele sind nach einer Reanimation im Wachkoma. "Die Zahlen werden steigen, an jeder Ecke hängt bereits ein Defibrillator" , sagt Donis. "Wenn Geld für die Geräte ausgegeben wird, sollte aber auch Geld für die Betreuung der Wachkomapatienten da sein."

Was er sich für seine Patienten wünscht? "Dass sie wie alle anderen behandelt werden. Wir fahren jedes Jahr mit unseren Wachkomapatienten eine Woche nach Istrien ans Meer." Und jedes Mal kämen die Bemerkungen, dass es sich für diese Menschen ohnehin nicht auszahle, überhaupt wegzufahren. Donis: "Bei einem Krebspatienten im Endstadium würde diese Frage keiner stellen." (Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD - Printausgabe, 26. März 2010)

  • Der älteste Patient auf der Wachkomastation in Lainz ist 70 Jahre alt,
der jüngste 14. In Österreich wird die Hälfte der rund 800 Betroffenen
daheim von Angehörigen gepflegt.
    foto: standard/heribert corn

    Der älteste Patient auf der Wachkomastation in Lainz ist 70 Jahre alt, der jüngste 14. In Österreich wird die Hälfte der rund 800 Betroffenen daheim von Angehörigen gepflegt.

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