Kleine Kaliber - Große Wirkung

30. März 2010, 23:34
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Teil 1 der derStandard.at-Serie "Waffen und ihre Herkunft" widmet sich den "leichten Waffen", bei denen Österreich zu den Top-Exporteuren weltweit zählt, und die jährlich mindestens 200.000 Tote fordern

Mit der neuen Serie "Waffen und ihre Herkunft" will derStandard.at ein wenig Licht ins Dunkel um den Ge- und Missbrauch von Waffen und das Geschäft und die politischen Machenschaften dahinter bringen. Obwohl wir mit Alfons Mensdorff-Pouilly einen Experten im Lande hätten, haben wir für Teil 1 der Serie zunächst in der Schweiz nachgefragt.

Das unabhängige Forschungsprojekt "Small Arms Survey" mit Sitz in Genf untersucht seit über zehn Jahren den internationalen Gebrauch und die Verbreitung von Kleinwaffen. Die Daten des Projekts waren Grundlage eines Aufsehen erregenden Artikels der New York Times, mit welchem festgestellt wurde, dass Waffen und Munition, die von den US-Streitkräften nach Afghanistan gebracht wurden, von den Taliban wieder-verwendet werden. Managing Director Eric G. Berman erklärt im derStandard.at-Interview, warum eine Kontrolle und Rückverfolgung dieser Waffen Sinn macht und warum man über Österreich, das zu den Hauptproduzenten und -Exporteuren zähle, nur vergleichsweise wenige Daten zur Verfügung habe. Die Fragen stellte Rainer Schüller.

derStandard.at: Was ist das Ziel von "Small Arms Survey"?

Berman: Wir wollen die Hauptquelle für öffentlich zugängliche Informationen über Kleinwaffen und Waffengewalt sein. Damit wollen wir die Effekte der Verbreitung und des Missbrauchs derartiger Waffen aufzeigen. Wir unterstützen auch Vor-Ort-Projekte in über 50 Ländern mit einem internationalen Experten-Team, dem Sicherheitsexperten, Politikwisschenschafter, Juristen, Entwicklungsexperten, Kriminologen und Soziologen angehören.

derStandard.at: Wie definieren Sie "Kleinwaffen"?

Berman: Es gibt keine ganz klare Abgrenzung. Wir verwenden eine Liste der UNO aus dem Jahr 1997, die sich mehr oder weniger durchgesetzt hat. Danach zählen "leichte" Waffen wie Schussfeuerwaffen, Pistolen und Revolver, Gewehre und Jagdflinten, Maschinengewehre und auch Mörser dazu. Auch Waffen, die von einer einzelnen Person oder einen kleinen Gruppe von Personen verwendet werden können, werden noch als "leichte" Waffen bezeichnet: Lenkflugkörper, Panzerabwehrkanonen und tragbare Fliegerabwehrkanonen.

derStandard.at: Woher kommen die meisten Kleinwaffen?

Berman: Laut unseren Studien gibt es 50 Länder, die zumindest einmal in den Jahren zwischen 2001 und 2008 Kleinwaffen im Wert von über 10 Millionen US Dollar exportiert haben. Dabei ist wichtig, dass viele dieser Länder keine Produzenten von Kleinwaffen sind, sondern sie exportieren den Überschuss ihrer Waffenlager.

Jede Diskussion in diesem Zusammenhang muss aber vor dem Hintergrund geführt werden, dass es viele Länder mit großen Beschaffungsprogrammen gibt, die jedoch nicht zu den großen Exporteuren zählen, wie Indien oder Pakistan. Und es gibt andere Länder wie Iran oder Nordkorea, die eine hohen Anzahl an Waffen fertigen, jedoch sehr undurchsichtig in ihren Geschäften sind, was eine detaillierte Bewertung sehr schwierig macht.

Bei den Produzenten muss man auch das Handwerk mit in Betracht ziehen. In manchen Ländern wie in Ghana werden Waffen in großem Ausmaß noch per Hand gefertigt. Viele davon sind zwar nicht sehr einfach hergestellt, es gibt jedoch Berichte, dass die Waffenschmiede sich auch hier immer weiter entwickeln. Es werden nicht mehr nur Pistolen und kleine Gewehre hergestellt. Ein bekanntes Beispiel für Waffen, die nicht in Fabriken erzeugt werden, sind die Raketen aus Gaza. Deren Sprengkraft und Reichweite wird immer größer. Auch in anderen Teilen wie in Kolumbien oder Sri Lanka erzeugen nicht-staatliche Gruppen Mörser oder andere "leichte" Waffen.

derStandard.at: Welche Rolle spielt dabei Österreich?

Berman: Wir haben acht "Top-Exporteure" identifiziert, die laut Berichten Kleinwaffen pro Jahr im Wert von über 100 Millionen US Dollar exportieren: USA, Österreich, Belgien, Brasilien, China, Deutschland, Italien und Russland.

Im Transparenzbarometer 2009 für den Kleinwaffenhandel sind die Schweiz, Großbritannien, Deutschland, Norwegen, die Niederlande, Serbien und die Vereinigten Staaten die transparentesten der bedeutendsten Klein- und Leichtwaffenexporteure. Der Iran und Nordkorea finden sich am unteren Ende der Skala. Ihre Informationsbereitschaft beläuft sich auf Null.

Österreich, das die Kleinwaffen-Exporte als Anhang zum EU-Bericht veröffentlicht (Anm.: Laut diesen Daten wurden 2008 konventionelle Waffen im Wert von 201.330.519 Euro tatsächlich aus Österreich exportiert, die Ausfuhrbescheide hatten einen Wert von 946.336.042 Euro), aber keine Daten an die UN Comtrade schickt, liegt hier mit 12 von 21 möglichen Transparenz-Punkten im Mittelfeld.

derStandard.at: Gibt es Zahlen, wieviele Kleinwaffen legal und wieviele illegal exportiert werden?

Berman: Laut den Informationen, die uns vorliegen, umfasst der legale Handel mit Kleinwaffen mindestens 4 Milliarden Dollar pro Jahr. Wir glauben aber, dass die tatsächliche Zahl weit höher ist, schätzungsweise doppelt so hoch. Nachdem der legale Handel so schwer zu beziffern ist, gibt es für den illegalen naturgemäß noch weniger konkrete Zahlen. Die einzig gesicherte Aussage die man hier treffen kann: Die Kosten, die sich durch den Verlust von Menschenleben ergeben, sind beträchtlich.

derStandard.at: Wieviele Waffen werden in Kriegen eingesetzt und wieviele im privaten Bereich?

Berman: Laut unseren Zahlen zirkulieren weltweit mehr als 875 Millionen Kleinwaffen. Rund zwei Drittel davon sind im Besitz von zivilen Personen. Etwas weniger als die Hälfte davon in Händen von US-Staatsbürgern. Darüber, wieviele der Waffen in Kriegen eingesetzt werden, liegen uns keine gesicherten Daten vor.

derStandard.at: Wie gefährlich bzw. tödlich sind Kleinwaffen im Vergleich zu größeren?

Berman: Rund 50.000 Tote pro Jahr sind direkt auf den Gebrauch von Kleinwaffen in bewaffneten Konflikten zurückzuführen. Die Zahl jener, die indirekt durch den Gebrauch derartiger Waffen getötet werden, ist vier Mal so hoch. Wir schätzen, dass rund 500.000 Tote durch Gewalt außerhalb kriegerischer Auseinandersetzungen auf Grund von Kriminalität und interpersoneller Gewalt oder durch Selbstmord entstehen. Ungefähr 60 Prozent von diesen Opfern werden durch Schusswaffen getötet. Laut der Geneva Decleration on Armed Violence and Development (Studie siehe Dowload links) ist Waffengewalt (Anm.: Nicht nur durch Kleinwaffen) weltweit auf Platz vier der Todesursachen von Menschen zwischen 15 und 44 Jahren.

derStandard.at: Können Sie beziffern, wieviele Kleinwaffen von ausländischen Truppen in Kriegsgebiete gebracht werden und dort von der Gegenseite wieder verwendet werden?

Berman: Unsere Feldforschung deutet darauf hin, dass Waffen ausländischer Truppen zu einem beträchtlichen Teil dafür sorgen, Konflikte weiter anzuheizen. Das kann entweder geplant vor sich gehen oder ungeplant. Eine Studie in Zentralafrika hat im Detail dokumentiert, dass viele der Waffen der Armee von Ex-Soldaten aus dem Tschad, Sudan oder Ruanda stammten. Eine andere Untersuchung in Sierra Leone hat gezeigt, dass es große Transfers von den UN-Blauhelmen zur Revolutionary United Front gegeben hat, sowohl durch Diebstahl als auch auf Grund von wirtschaftlichen und politischen Interessen.

derStandard.at: Was kann es einem Land bzw. dem Militär bringen, wenn man mehr über den Weg der Waffen Bescheid weiß?

Berman: Es gibt zahlreiche Vorteile. Einer davon könnte sein, dass man die Kontrolle der Verteilung der Waffen verschärft, wenn man feststellt, dass die Waffen, die man im eigenen Land produziert hat, gegen die eigenen Leute eingesetzt werden. Die Daten sind sicherlich auch für den Kampf gegen Korruption und die Sicherheit im eigenen Land von Vorteil. (rasch, derStandard.at, 30.3.2010)

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