Über dem Abgrund der Zeit

24. März 2010, 18:37
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Der Moment, aus dem das Unglück gemacht ist: Der österreichische Autor Richard Obermayr legt nach zwölf Jahren seinen um eine Leerstelle kreisenden zweiten Roman, "Das Fenster", vor

Wien - Für die moderne Physik ist Zeit eine Illusion; und ein Moment, heißt es, dauert für unser Gehirn drei Sekunden. Wenn wir etwas Neues sehen, betrachten wir es drei Sekunden, dann ist der "Augenblick" vorbei, drei Sekunden können wir Flugbahnen von Vögeln oder Bällen vorausahnen, und wenn wir jemandem die Hand schütteln, tun wir es im Schnitt drei Sekunden. Danach wird es peinlich - oder eine Liebesaffäre.

Das Vergehen der Zeit und die Erinnerung an das Verlorene waren schon immer die genuinen Felder der Literatur. Doch was wäre, wenn einer nicht in der guten alten Manier eines Geschichtenerzählers nach "Wann? Wo? Wer?" fragt, sondern "immer, überall, alle" sagt, wie die Süddeutsche über Richard Obermayrs Debütroman Der gefälschte Himmel schrieb. Und was wäre, wenn es keinen Beginn, kein Ende gäbe, wenn schon von Anfang an alles zu spät gewesen wäre, wenn es immer schon zu spät gewesen ist?

"Wenn ich meine Geschichte erzähle, müsste ich erst von dem Leben erzählen, das ich zurücklassen und verleugnen musste, um der zu werden, der ich heute bin. Ich müsste von einer Liebe erzählen, die ich mir nicht eingestand, von einem Traum, dem ich nicht nachgegangen war. Doch das Leben, gegen das ich mich entschieden habe, es war ganz in der Nähe", sagt der Ich-Erzähler in Richard Obermayrs eben erschienenem zweitem Roman "Das Fenster".

Schweigen oder reden

Aus dieser Grundkonstellation hätte ein schöner Plot werden können, eine lineare Geschichte, doch das Leben schreibt keine Plots, Obermayr auch nicht. Stattdessen führt oder entführt der 1970 geborene Autor den Leser in diesem stillen Buch, in dessen Untergrund es wütet, auf die Fährte einer oberösterreichischen Familie, in der viel ungesagt oder nur angedeutet blieb.

Die Mutter, eine Klavierlehrerin, schwärmt für die Sängerin Kathleen Ferrier, die mit 30 den Sprung vom Telegrafenamt auf die Konzertbühne schaffte; und dann ist da der kaum präsente Vater, ein Jäger und Imker, mit dem der Erzähler als Kind viel unterwegs war. Irgendwann löst sich ein Schuss, der durch die 250 Seiten dieses Romans hallt. Ob es jener Gewehrschuss ist, mit dem sich die Mutter tötete, bleibt unklar. Sicher aber ist, dass "irgendetwas" das Leben des Erzählers umgelenkt hat, dass er aus dem Leben gefallen ist, gefangen in einer Vergangenheit, die nicht vergeht und einer Zukunft, die nicht kommt. Er zieht nach Paris, nicht, um die verlorene Zeit zu suchen, sondern den Moment, "aus dem das Unglück gemacht ist".

Finden wird er diesen nicht. Wer im Leben zu viel gesehen hat, kann entweder schweigen oder er muss alles sagen, alles sehen. "Es ist mir unmöglich, etwas zu übersehen", heißt es an einer Stelle, und in der Tat ist der visuelle Sinn der am meisten strapazierte in diesem Buch, das in einer erzählerischen Kreisbewegung assoziativ Bild an Bild reiht. Manche Metaphern der Unausweichlichkeit ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman: der Boxer, ein Zirkus, Pferderennen, das Theater, der Stier in der Arena, das Duell. Vielleicht ist es wirklich so, dass die Geschichte von der Geschichte, die man nicht schreiben kann, die Geschichte vom Leben ist, das man nicht (mehr) leben kann.

Zwölf Jahre sind nach Richard Obermayrs gefeiertem, unbändigem Debüt "Der gefälschte Himmel" vergangen. Das ist im Literaturbetrieb mehr als eine Ewigkeit. Und leicht hat es Obermayr sich und dem Leser auch in seinem zweiten Buch nicht gemacht. Zuweilen wird der Leser vom Metaphernreichtum fast erdrückt, manchmal ermüdet Obermayrs Benennungsfuror. An der Tatsache, dass Das Fenster ein hochkonzentrierter, sprachlich beeindruckender Roman ist, ändert das ebenso wenig wie am Mut des Autors, den Roman geduldig um eine Leerstelle kreisen zu lassen. (Stefan Gmünder/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.3.2009)

 

Richard Obermayr liest am 25.3. um 19 Uhr in der Alten Schmiede Wien aus "Das Fenster"(Jung und Jung Verlag, € 22,-).

  • "Doch das Leben, gegen das ich mich entschieden habe, war ganz in der Nähe": Richard Obermayr.
    foto: purkhart

    "Doch das Leben, gegen das ich mich entschieden habe, war ganz in der Nähe": Richard Obermayr.

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