Motorcity Bagdad

13. April 2003, 19:24
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12./13.4.2003 - Das irakische Sozialleben weist einige exotische Besonderheiten auf, für deren Würdigung die Korrespondenten keine Zeit fanden ...

So sah man noch in den Tagen des wüstesten Bombenhagels die Bagdader mit ernster Würde ihre antiken Pkw durch rauchende Häuserschluchten lenken, als sprängen die Ampeln von weitem auf Grün.

Auch das Auftauchen der US-Panzerspitzen vermochte dieses tapfere Volk von Automobilnarren offenbar nicht vom Nahverkehr abzuhalten. Mit dem bizarren Effekt, dass einige G.I.s in Erwartung unfreundlichen Feuers flach ausgestreckt am Gehsteig lagen, während so ein Töfftöff frohgemut hupend an den Befreiern im Schritttempo vorbei schlich.

Sogar präventives Feuer auf unidentifizierte Vehikel vermochte die irakische Lust auf Fortbewegung nicht zu dämpfen. Ein Rätsel. Die Vortäuschung von Normalität ist offenbar eine Himmelsmacht und söhnt die Furie Krieg mit deren kollateralen Opfern aus. Auch in den nachfolgenden Stunden der ausgelassensten Stiebitz-Laune rückte das Auto in den Mittelpunkt. Zwar wurde das Hauswesen von Tarik Aziz um einige Suppenteller erleichtert. Wirklich gute Laune kam aber erst nach der Entdeckung eines Reifenlagers auf - endlich Gratisgummi für alle! Mit dem Verschwinden des Tyrannen feiert das im Wortsinne kopflos gewordene Gemeinwesen seinen Karneval. Ein ähnlich befremdliches Bild vor Kirkuk: Kaum waren die Kurden in die Stadt eingedrungen - wartete vor den Toren der Stadt schon ein kilometerlanger Blechwurm. (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 12./13.4.2003)

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