Demnächst in Syrien

11. April 2003, 18:14
45 Postings

USA suchen Gründe für einen Angriff - Von Gudrun Harrer

Noch vor kurzem wäre jeder als völlig verrückt erklärt worden, der einen US-Angriff auf Syrien prophezeit hätte, heute gehört er bereits in den Bereich des Denkbaren. Auffällig ist jedenfalls, dass ziemlich genau dieselben Leute in den USA Drohungen gegen Syrien ausstoßen, die als Erste öffentlich die Irakinvasion propagiert haben: Wenn das nur keine Versuchsballons sind, um die öffentliche Meinung zu testen.

Die politische Botschaft an Syrien soll wohl lauten, sich unter keinen Umständen einfallen zu lassen, flüchtige Mitglieder des irakischen Regimes bei sich aufzunehmen. In Damaskus ist es seit Kriegsbeginn ein Mantra, dass bei aller Kriegsgegnerschaft syrische Unterstützung und Sympathie nicht Saddam Hussein, sondern dem irakischen Volk gelten. Die Ankündigung von "Debaathification" im Irak muss auch der Schwesterpartei in Syrien in den Ohren klingen, weshalb man jetzt wieder den alten, in den letzten Jahren geflickten Konflikt zwischen dem syrischen und dem irakischen Baath-Zweig zitiert.

Aber die USA hätten auch andere Vorwürfe im Köcher: Die Verbindung zu Terrororganisationen - den palästinensischen extremistischen Gruppen und der libanesischen Hisbollah - ist bei Syrien leichter zu argumentieren als beim Irak. "Erschwerend" ist jedoch dabei, dass Syrien von den USA für seine Kooperation gegen Al-Kaida nach dem 11. September sogar gelobt wurde. Massenvernichtungswaffen hingegen sind Syrien nicht so leicht nachzusagen, aber gerade wenn man im Irak nicht fündig wird, könnte man - wie bereits geschehen - "vermuten", dass der Irak die seinen vor Kriegsbeginn nach Syrien verschoben hat. Attraktiv für die US-"Demokratisierer" wäre bei der Syrien-Variante die Tatsache, dass ein Umsturz in Syrien, das politisch mehr Gewicht hat, als es seiner realen Stärke entspricht, regional kurzfristig mehr bewegen würde als der im Irak, einem Land, das politisch auch in der arabischen Welt isoliert war. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.4.2003)

Share if you care.