Chirac nicht mehr sakrosankt

11. April 2003, 17:48
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Kritik am Irakkurs des französischen Präsidenten auch im eigenen Lager - Chirac wackelt ein klein wenig auf seinem präsidialen Sockel

Die "Proamerikaner" sind in Frankreich im Aufwind - und Jacques Chirac wackelt ein klein wenig auf seinem präsidialen Sockel. Während rechte und linke Kritiker des Irakkriegs eher betreten schweigen, verschafft sich Exfinanzminister Alain Madelin, der als fast einziger in Paris den US-Feldzug unterstützt hatte und isoliert wurde, plötzlich wieder Gehör. Es sei "ein schönes Happyend", meinte der liberale Politiker zum Fall Bagdads, genüsslich einen englischen Begriff benützend.

Madelins Parteifreund Claude Goasguen griff Staatschef Chirac direkt an und warf ihm vor, er habe Frankreich mit seinem hartnäckig antiamerikanischen Kurs ins diplomatische Abseits befördert. Auch Vertreter der Regierungspartei UMP schweigen nicht länger: "Jacques Chirac muss den Mut der Amerikaner und Briten, die eine Diktatur beendet haben, zur Kenntnis nehmen", schrieb Jacques Barrot, Fraktionschef in der Nationalversammlung, dem Staatspräsidenten und Parteifreund ins Stammbuch.

Sozialisten, Grüne und Kommunisten können Chirac kaum kritisieren, da sie selbst eine harte Vetopolitik forderten; mit einiger Verlegenheit wiederholen sie deshalb einzig, dass der Krieg "illegal" bleibe. Pariser Medien hinterfragen den Kurs Chiracs und seines Außenministers Dominique de Villepin stärker.

Knappe Freude

Der Elyséepalast seinerseits "freute" sich in einem kurzen Kommuniqué über den Sturz der Saddam-Diktatur und fügte an: "Nach einer nötigen Absicherungsphase muss der Irak - mittels der von der UNO verliehenen Legitimität - seine volle Souveränität wieder erlangen."

Die Zeitung Le Parisien kommentierte ebenso trocken: "Diese Worte dürften nicht genügen, den Graben zwischen Frankreich und den USA zu füllen." Goasguen meinte, dass die Achse Berlin-Moskau-Paris, die den amerikanischen "Unilateralismus" angefochten habe, eine "historische Anomalie" darstelle und durch Frankreich schnellstmöglich gekündigt werden solle. Dies war ein Wink mit dem Zaunpfahl, bevor Chirac nach St. Petersburg reiste, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin und den deutschen Kanzler Gerhard Schröder zu treffen.

"Ein seltsamer Gipfel", finden nun französische Zeitungen.

Premierminister Jean-Pierre Raffarin musste sich schützend vor Chirac stellen und vor "unnützen Polemiken" warnen. Dass sich die Kritik an der eigenen Staatsführung nun plötzlich Luft machen kann, ist eigentlich so wenig verwunderlich wie der Kriegsausgang. Chirac hätte mit beidem schon vor dem Krieg rechnen müssen - gemäß dem französischen Sprichwort, dass "die Abwesenden immer Unrecht haben".

Der französische Präsident, der von Einzelnen unlängst noch als Kandidat für den Friedensnobelpreis auf den Schild gehoben wurde, muss jetzt hoffen, dass der Wind bald erneut dreht. Nämlich dann, wenn die Irak-Regelung nicht nach (amerikanischem) Plan verlaufen sollte. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.4.2003)

Von Stefan Brändle aus Paris
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    Jacques Chirac muss den Mut der Amerikaner und Briten, die eine Diktatur beendet haben, zur Kenntnis nehmen", schrieb Parteifreund Barrot ins Stammbuch des Präsidenten.

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