Reportage aus Bagdad: "Pass auf uns auf, wir haben Angst"

11. April 2003, 20:00
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Anarchie und Gesetzlosigkeit herrschen in Bagdad. Die Menschen sind verängstigt, weil Polizei und andere Sicherheitsorgane aus der Hauptstadt geflüchtet sind - Von Åsne Seierstad

Ordentlich aufgereiht zwischen Trampolinen und Startblöcken für Läufer liegen zehn zwei Meter lange Raketen. "Umgebaute Luft-Luft-Raketen", sagt Sergeant Nicolas Clark über die Waffen, die auf dem Fußboden der Turnhalle des Nadi al-Jaish Sportklub liegen. Leute aus der Nachbarschaft haben Clark und seiner Patrouille Bescheid gegeben.

"Pretty safe"?

Im Haus neben dem Sportplatz liegen noch mehr Waffen. In einem Zimmer liegen mehr als tausend Gewehre dicht an dicht aufgestapelt. Ein anderes Zimmer ist gefüllt mit Luftabwehrraketen, ein drittes mit Munitionskisten und ein viertes mit Granaten.

"Aus ganz Bagdad hat man diese Waffenlager gemeldet. Mitten in zivilen Gebieten", erzählt Clark, der keine Möglichkeit hat, die Waffen zu zerstören, wie es eigentlich geplant war. "Gestern haben wir ein Granatenlager gefunden", sagt Clark. "Wir haben einfach eine große Grube ausgehoben und sie da reingelegt. Jetzt liegen zehn Meter Erde auf ihnen. That's pretty safe", so der Sergeant.

US-Soldat: "Wir sind keine Polizei"

Obwohl ein paar US-Soldaten das Lager streng bewachen, können sie nichts gegen die Plünderung des Nachbargebäudes unternehmen, des lokalen Büros der Baath-Partei. Die Amerikaner stehen mit scharfen Waffen da und schauen zu, wie die Leute alles von Wert wegtragen.

"Wir sind ein Invasions- und kein Okkupationsheer. Die Leute bitten uns, sie zu beschützen, aber wir sind keine Polizei. Wir sind eine Truppe, die das Regime von Saddam beenden soll. Wir werden diesen Krieg gewinnen, aber wir sind viel zu wenige, um den Leuten die Sicherheit zu geben, die sie sich wünschen. Wir haben nicht einmal genug Leute, um alle Waffenlager zu bewachen, die man uns zeigt. Ein paar haben wir nur verrammeln können, bevor wir sie wieder verlassen haben."

"Ich fürchte mich vor der kommenden Nacht"

Aber die meisten Leute sind mit Clarks Erklärung nicht zufrieden. Sie wollen jetzt Frieden und Sicherheit. "Ich fürchte mich vor der kommenden Nacht. Den ganzen Tag wurden Läden geplündert, vielleicht fangen sie heute Nacht in Privathäusern an", sagt Kjadija, eine Mutter von fünf Kindern. "Das ist die Verantwortung der Amerikaner. Sie haben die Polizei aus der Stadt vertrieben. Deswegen müssen sie jetzt auf uns aufpassen, nicht dass es wieder so kommt wie letzte Nacht. Da waren weder Amerikaner noch unsere früheren Bewacher zu sehen."

"Das ist nackte Anarchie", sagt ein Mann neben ihr. "Die ganze Infrastruktur ist zerstört, und die Schuld daran müssen die Amerikaner auf sich nehmen. Sie können uns jetzt nicht im Stich lassen und uns den Banditen und paramilitärischen Einheiten ausliefern", meint er. "Pass auf uns auf, wir haben Angst", sagt eine Frau zu Clark. Die Amerikaner versprechen, ihr Bestes zu tun.

Der Bankraub

Ein Stück weit weg fährt ein Lastwagen auf den Gehsteig. Eine Kette ist am Laster befestigt, das andere Ende ist um das Gitter vor der Tür der Rafidain-Sparkasse geschlungen. Der Motor heult auf, und das Gitter gibt nach. Mit der Tür dahinter wird die Menge, die sich gesammelt hat, leicht fertig. Sie stürzen in die Bank. Wenig später stürzen sie wieder heraus und rennen um ihr Leben. "Eine Bombe, eine Bombe", rufen sie und laufen auf die andere Straßenseite.

Dort bleiben sie ratlos stehen, bis sich wieder jemand in die Bank hineinwagt. "Das waren nur welche, die alles Geld für sich behalten wollten, die Bombe gerufen haben", sagt einer. Die anderen gehen hinter ihm her. Aber mit leeren Händen treten sie wieder ins Freie. "Dieses Gesindel. Sie haben alles mitgenommen", sagt ein Mann. "Der Tresor ist leer."

"Plünderungen" gegen die Jahre der Unterdrückung

Eine Fahrt durch die Straßen von Bagdad zeigt immer wieder dasselbe Bild: Geschäfte, Restaurants, Hotels, Ministerien und öffentliche Gebäude werden vollkommen geplündert. Sogar der Krankenhäuser der Stadt wurden von Plünderern heimgesucht.

"Sie haben zehn Jahre unter einem Regime gelebt, das ihnen alles genommen hat, die Freiheit, die Wahlmöglichkeiten. Jetzt meinen sie, dass sie sich etwas zurückholen können. Als würde das alles ersetzen, was sie verloren haben. Aber sie stehlen von ihrem eigenen Volk, nicht vom Regime. Das ist schließlich geflohen. Und was ist schon ein staubiger Ventilator gegen Jahre in Gefangenschaft?", fragt ein Mann. "Außerdem gibt es keinen Strom." (DER STANDARD, Printausgabe, 12. und 13. 04. 2003)

Sie finden, dass die Amerikaner nicht genug tun, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten. Doch die haben einfach zu wenige Soldaten vor Ort.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Plünderungen im Haus Tarek Aziz in Baghdad

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