Reportage: "Rette sich in Pension, wer kann"

11. April 2003, 16:59
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DER STANDARD stand in der Pensions- Versicherungsanstalt Schlange

Die Warteschlange in der Pensionsversicherung wird mit jedem Tag der Pensionsdebatte länger. Viele hoffen auf Infos. Manche versuchen, schnell vor der Reform in Pension zu gehen. Vielen bleibt nur ihre Wut.


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Wien - Das rot-weiße Plastikband schlängelt sich zwischen den Säulen durch und passt nicht recht in die grau durchorganisierte Optik der Anstalt. Das Band ist aber jetzt nötig: Wird doch die Menschentraube vor dem Infoschalter der Pensionsversicherung (PVA) mit jedem Tag der Pensionsdebatte größer und bleibt nur dank Band geordnet.

"400 kommen normal pro Tag, jetzt sind es über 600", seufzt Georg Eder hinter dem Infoschalter. Und es wären viel mehr, wenn er nicht vielen am Telefon sagen würde, dass er ihnen nichts sagen kann. Sein Sprücherl kann er auswendig: "Ja, die Regierung will eine Pensionsreform, aber wir wissen nicht, wie die genau ausschaut. Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, wie sich das auf Sie auswirkt."

Neid auf Postler

Es gibt viele, die sich davon nicht abhalten lassen und trotzdem in der PVA am Handelskai vorbeischauen. Herr Anton etwa. Der 51-Jährige hat in der Menschentraube gewartet, sein Erstinfogespräch absolviert, eine Nummer bekommen, gewartet, seine Beratung gehabt - und ist danach wütender als vorher: "Die wollen uns überhaupt keine Pension mehr geben. Da werden die Leute auf die Straße gehen." Er wäre dabei: "Mein Bekannter bei der Post, der ist mit 52 in Pension geschickt worden. Und ich soll bis 65 arbeiten? Wie stellt sich die Regierung das vor?" Bis 65, das wären 14 Jahre - und Herr Anton findet heute schon keinen Job: "Ich war Vertreter, bin jetzt arbeitslos. Keiner nimmt mich, wenn er hört, dass ich 51 bin."

Leuten wie Herrn Anton können die PVA-Berater nicht helfen, sie können nur Blitzableiter spielen, weil von der Regierung niemand da ist. Wäre wer da, würde ihnen auch Frau Helga etwas erzählen. Etwa, dass die Reform bewirkt, dass Leute früher in Pension gehen: "Ich bin gestern 56 geworden, beantrage heute Frühpension, ich erwische die alte Regelung. Warum soll ich länger arbeiten - damit ich später weniger bekomme?"

Nach dem Motto "rette sich in Pension, wer kann" agieren manche, erzählt Georg Eder: "Wir wissen keine Details zur Reform. Aber Verschlechterungen kommen." Das hört auch Herr Aytac. Glauben will er es nicht: "Ich will nicht in Pension, ich will arbeiten." Immerhin sei er Klimatechniker, völlig gesund - und 62. Eigenschaft eins und zwei heben Eigenschaft drei nicht auf, Herr Aytac ist seit Monaten arbeitslos. 2003 könnte er noch wegen langer Arbeitslosigkeit in Frühpension gehen, 2004 soll diese Pensionsform abgeschafft werden. Herr Aytac grübelt noch darüber.

Georg Eder selbst hat schon Pläne. Der PVA-Berater "schafft es 2003 in Pension".

Er hat durchgehend gearbeitet, seit er 14 ist, fällt damit unter die "Hacklerregelung". Und ist der lebende Beweis, dass "Hackler" auch ganz anders aussehen können, als die FPÖ so gern erzählt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13.4.2003)

Von Eva Linsinger
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