Wien: Irak-Resolution beim Archäologiekongress

11. April 2003, 14:34
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Hinweis auf "gefährdetes Kulturerbe"

Wien - Auf dem Archäologiekongress "Enter the Past" im Wiener Rathaus wurde eine Deklaration verfasst, in der namhafte internationale Wissenschafter "alle Institutionen und Personen, die in der Lage sind, handelnd einzugreifen," zum Schutz der Kultur- und Ausgrabungsstätten im Irak auffordern. Die "globale Bedeutung der Denkmäler, Museen und Ausgrabungsstätten im Irak stellt eine internationale Verpflichtung für alle Völker und Regierungen dar, diese zu schützen," heißt es in der Deklaration mit dem Titel "Irak - gefährdetes Kulturerbe".

Am 17. April werde die UNESCO eine Sitzung in Paris abhalten, bei der ein Sonderbudget zur Rettung der irakischen Kulturgüter überlegt werde, hieß es am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien, auf der die Deklaration präsentiert wurde. Rund 550 Wissenschafter aus 55 Nationen nehmen derzeit an dem Kongress im Wiener Rathaus teil, der noch bis morgen, Samstag dauert und zu dessen Eröffnung Bundespräsident Thomas Klestil auf "die akute Gefährdung bedeutendster archäologischer Funde durch den derzeitigen schrecklichen Krieg im Irak" hingewiesen hatte. Die Kulturgüter seien "vielleicht noch mehr gefährdet, wenn die Kriegshandlungen beendet sind. Denn sie sind ungeschützt", betonte Lewis Lancaster von der University of California bei der Präsentation.

Warnung vor Ausverkauf

Insbesondere warnte die österreichische Irak-Expertin und Archäologin Helga Trenkwalder (Uni Innsbruck), die erst am 15. März aus dem Irak zurückgekehrt war, vor einem Ausverkauf der Kulturgüter nach Raubgrabungen. Notwendig sei die rasche Wiederrichtung einer Infrastruktur, um die Ausgrabungsstätten zu bewachen. Trenkwalder sprach sich dafür aus, den "schärfsten Protest" in Richtung des Antiquitätenmarktes zu richten, der diese Raubgrabungen zumindest indirekt unterstützt. Es sei "beschämend, dass sich im Ausland Gesellschaften etablieren, die den Irakis nicht nur das Öl, sondern auch die kulturelle Identität wegnehmen".

Trenkwalder plädierte dafür, "sehr sehr schnell fact finding missions" zu unternehmen, um den Zustand der Ausgrabungsstätten und Museen zu eruieren. Über den Zustand des bedeutenden Irakischen Nationalmuseums in Bagdad beispielsweise gebe es "keine Information". Trenkwalder befürchtet jedoch, dass u. a. eine nahe gelegene Telefonzentrale als wichtiges Kriegsziel auch das Museum gefährdet haben könnte. Nach dem vorigen Golfkrieg 1991 seien die kleinen Provinzmuseen, die wertvolle Originale besaßen, geplündert worden. Nun werden ähnliche Plünderungen befürchtet. Es sei die Zeit "nicht nur für Worte, sondern wirklich zur Tat zu schreiten".

Wiederaufbau

"Auch inmitten von Not und Elend muss Geschichte für die Zukunft gerettet werden", so die Deklaration, die laut Kongress-Präsident und Wiens Stadtarchäologe Ortolf Harl von allen Kongressteilnehmern unterschrieben werden wird. Der Schutz der Kulturgüter soll nicht "in irgendeiner Weise von der notwendigen humanitären Hilfe ablenken", betonte Lancaster. "Wir können Brücken und Straßen wieder aufbauen". Aber der Verlust oder die Zerstörung der Kulturgüter der Wiege der menschlichen Zivilisation, die der Irak darstellt, könnte "dauerhaft den Geist und die Kultur der Iraker - und von uns allen beschädigen". In der Deklaration werden "alle, die dazu bereit sind", aufgerufen, "beim Wiederaufbau zu helfen und uns dies rechtzeitig wissen zu lassen". (APA)

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