Mafiaprozess: Pate will vergiftet worden sein

11. April 2003, 19:58
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Baranski bestreitet Selbstmordversuch - Staatsanwaltschaft lässt Behauptung überprüfen - mit Kommentar von Michael Simoner

Wien/Warschau - Im Mafiaprozess am Wiener Landesgericht überschlagen sich trotz Verhandlungsunterbrechung die Ereignisse. Am Freitag präzisierte der Angeklagte, Jeremiasz Baranski (57), seine Behauptung, er sei im Gefängnis Opfer eines Anschlags geworden. Demnach hätten Kriminalisten versucht, ihn zu vergiften. Diese Version tat jedenfalls Baranskis Verteidiger, Rechtsanwalt Karl Bernhauser, nach einem Gespräch mit seinem Mandaten kund.

Bewusstlos in der Zelle aufgefunden

Wie DER STANDARD berichtete, war Baranski, dem unter anderem der Auftrag für die Ermordung des früheren polnischen Sportminister Jacek Debski angelastet wird, Mittwochfrüh bewusstlos in seiner Zelle aufgefunden worden. Für diesen Tag wäre nach halbjähriger Verhandlung das Urteil geplant gewesen. Nach Darstellung der Behörden besteht der dringende Verdacht, dass Baranski einen Selbstmordversuch oder zumindest einen Selbstbeschädigungsversuch unternommen habe. Und zwar durch Trinken eines in der Haft erlaubten Putzmittels. Im Spital wurde dem früheren Polizeispitzel der Magen ausgepumpt.

Niedergeschlagen - erste Version

Wieder zurück in der Justizanstalt, soll er zunächst behauptet haben, dass er niedergeschlagen worden sei. Nun soll ihm, gemäß eigener Darstellung, vergifteter grüner Tee serviert worden sein. Und zwar von den Kriminalisten, die die Durchsuchung seiner Zelle durchgeführt hätten.

Verbotenes Handy in der Zelle

Die Razzia war angeordnet worden, weil Baranski mit einem ins Gefängnis geschmuggelten Handy immer wieder Zeugen zu Falschaussagen angestiftet haben soll. Mit der Beschlagnahme des Mobiltelefons (und mehrerer SIM-Karten) hatten die Beamten einige Zeit zugewartet, weil die Gespräche abgehört wurden. Auf diese Weise konnten sowohl in Wien als auch in Warschau, wo eine mutmaßliche Komplizin Baranskis vor Gericht steht, Lügen im Zeugenstand aufgedeckt werden.

Die Staatsanwaltschaft hat die Überprüfung der Giftversion angeordnet. Auf den Prozessfahrplan habe das keine Auswirkung. Am 19. Mai geht es weiter. (simo, DER STANDARD, Printausgabe 12/13.4.2003)

Kommentar

Zu zweit gegen die Mafia- von Michael Simoner

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