"Tu, was du willst"

20. Juli 2005, 14:47
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So lautete das Lebensmotto des exzentrischen Grafen Guido Monzino. Ihm ist es zu verdanken, dass die Villa Balbianello am Comer See heute öffentlich zugänglich ist.

Es sind ungleiche Liebespaare. Zögerlich die einen: Renzo und Lucia. Entschlossen die anderen: Anakin und Padme. Ganz und gar ungleich auch die Erfinder ihrer Liebesgeschichten: der italienische Schriftsteller Alessandro Manzoni und der Hollywood-Regisseur George Lucas. Was beide Erzählungen eint, ist der Schauplatz: "Jener Arm des Comer Sees, der nach Süden weist."

Millionen italienischer Schüler mussten den Beginn von Manzonis Roman "I promessi sposi" (1827) auswendig lernen. Und Millionen Kinogänger ließen sich von dem unbekannten Ort faszinieren, an dem sich in "Star Wars: Episode II" Anakin und Padmé das Jawort geben. Dass George Lucas die Villa Balbianello als Drehort auswählte, hat einleuchtende Gründe: Auch die raffinierteste computersimulierte Traumlandschaft kann es nicht mit der atemberaubenden Kulisse der Villa am Westufer des Comer Sees aufnehmen. Das wussten schon die Franziskanermönche, die auf der felsigen Halbinsel bei Lenno ein Kloster errichteten, das bis ins 16. Jahrhundert bewohnt war.

Ihnen folgte ein Kirchenmann, der die Tugend der Bescheidenheit weniger schätzte: Angelo Maria Durini. Der Mailänder Kardinal und Gelehrte ließ dort ab 1787 eine Sommerresidenz errichten, die seinem weltmännischen Geschmack als weit gereister Diplomat entsprach. Um das halbverfallene Gemäuer der kleinen Kirche entstand ein Prachtbau mit Parkanlage, erreichbar zu Schiff.

Am höchsten Punkt errichtete er eine luftige Loggia, die den Blick auf beide Seiten des Sees freigibt. Von dort erreicht man eine Bibliothek und einen Konzertsaal, in denen der Kardinal Schriftsteller und Denker zum Gedankenaustausch empfing. Nach seinem Tod wurden die Räume zum heimlichen Schauplatz anti-österreichischer Verschwörungen. Sein patriotischer Neffe Luigi Porro Lambertenghi wollte Mailand von der Herrschaft der Habsburger befreien und musste schließlich vor der drohenden Verhaftung nach Belgien fliehen.

In der Folge wechselte der Prunkbau mehrmals den Besitzer. Fast ein halbes Jahrhundert stand er leer. 1974 erwarb ihn der Mailänder Graf Guido Monzino von der Familie des US-Generals Butler Ames. Der Spross einer reichen Unternehmerfamilie war mit 38 Jahren bereits Herr eines Imperiums von Kaufhausketten, Landgütern und Industrien. Seinem Naturell nach eher britischer Landlord als lombardischer Geschäftsmann, war Monzino eine schillernde Figur: adeliger Mäzen, gebildeter Kunstsammler, Querdenker mit Hang zum Luxus, Abenteurer auf der rastlosen Suche nach Herausforderung.

"Il Signore di Balbianello" nannten sie ihn und Monzino tat alles, um diesem Ruf gerecht zu werden. Er füllte die Villa mit wertvollen Kunstgegenständen und Möbeln und mit Sammlerstücken von seinen Streifzügen in die entlegensten Winkel der Erde. Fotos zeigen ihn 1955 im offenen Campagnola-Jeep in einem ausgetrockneten Flussbett zwischen Dakar und Abidjan. Auf staubigen Pisten fühlte sich Monzino wohler als auf dem Chefsessel seines Unternehmens. 21 Expeditionen führten ihn in die unberührte Wildnis Patagoniens und ins Inlandeis Grönlands, in den Karakorum und durch die Anden.

1971 bricht er zum kühnsten Abenteuer auf: Mit 20 Schlittenhunden kämpft er sich von Ellesmere Island in zwei Monaten zum Nordpol vor. Er weigert sich, vor den Schwierigkeiten im Packeis zu kapitulieren. Umkehr kommt nicht infrage. Die Kosten spielten bei solchen Unternehmungen nie eine Rolle. 1973 leitet Monzino eine Großexpedition auf den Mount Everest. Er überlässt - wie immer - nichts dem Zufall. Hubschrauber bringen über 100 Tonnen Gepäck ins Basislager, 65 Expeditionsmitglieder und 100 Sherpas raufen sich in drei Monaten den Berg hoch - zum ersten italienischen Gipfelsieg.

Monzino leitet das Unternehmen von einem mit Teppichen ausgelegten Zelt aus, in dem ein edler Schreibtisch steht. Zusehends füllt sich die Villa am Comer See mit Mitbringseln: präkolumbianische Ausgrabungen aus den Anden, Schnitzereien aus Guinea, sumerische Steinfiguren, Eskimokunst aus Walknochen - ein exotisches Sammelsurium aus wertvollen Kunstgegenständen und Erinnerungsstücken. Il Signore di Balbianello: Monzino, der furchtlose Eroberer.

Das liebevoll gehegte Bild wird greifbar im Polarmuseum im Obergeschoß der Villa. Der Hundeschlitten steht da, hinter Glas hängt die Pelzkleidung zum Schutz vor arktischer Kälte. Im Bild, unter der ins Eis gepflanzen Trikolore: der Graf am Nordpol. Stolz steht er vor der Trikolore, die Monzino auf unzähligen Gipfeln hisste, als es noch Brauch war, Berge nicht für sich, sondern für ein Land zu erobern.

Die Bibliothek der Villa Balbianello füllte der exzentrische Unternehmer mit mehreren Tausend Bänden über Reisen, Entdeckungen und Expeditionen, fremde Länder und entlegene Gebirge. Hier verbrachte er ganze Nächte mit Freunden, studierte Landkarten und Reisebeschreibungen und plante neue Abenteuer.

Unten am Bootssteg flattert die Trikolore. So verfügte es Monzino in seinem Testament, in dem er die Villa dem FAI (Fondo per l'Ambiente Italiano) schenkte, einer Stiftung, die sich beispielhaft für die Erhaltung der italienischen Kulturgüter einsetzt und die Villa in geführten Touren öffentlich zugänglich gemacht hat.

Nach seinem frühen Tod 1988 ließ der Signore di Balbianello seine Urne in einer Felsnische unter der geliebten Villa bestatten. "Fay ce que voudras" - "Tu, was du willst", so der Leitspruch unter dem Torbogen am Hafen. Den faszinierten Besucher, der über den statuengesäumten Kiesweg durch terrassenartige Gärten emporsteigt zu den Bögen der bewachsenen Loggia, würden die Wärter wohl an der Umsetzung des Spruches hindern. Für Guido Monzino war die Erfüllung dieses Mottos ein Auftrag. (Der Standard/rondo/11/04/2003)

Das als italienisches Kulturgut eingestufte Gesamtkunstwerk besuchte Gerhard Mumelter

Infotelefon
(0039) 0334 561 10

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    Die Villa direkt am Comer See

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    Mit wertvollen Möbel und Sammlerstücken schmückte der Abenteurer Graf Guido Monzino die Villa

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