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Marianne Gale ist medizinische Beraterin für HIV und Tuberkulose bei Ärzte ohne Grenzen und hat tuberkulosekranke Kinder in Thailand und in Niger behandelt.
Trotz der Bedrohung, die Tuberkulose (TB) für die Gesundheit darstellt, ist sie nach wie vor ein Stiefkind der Wissenschaft. In Österreich sind die Zahlen von Tuberkulose-Erkrankungen zwar rückläufig, trotzdem handelt es sich nach wie vor um eine schwere Erkrankung, bei der man auch aufgrund internationalen Entwicklungen achtsam sein muss. Die größten Leidtragenden dieser Krankheit sind kleine Kinder, die sehr leicht an Tuberkulose sterben können.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass jährlich eine Million Kinder an Tuberkulose erkranken. Die große Mehrheit von ihnen lebt in armen Ländern. Die tatsächliche Zahl ist aller Wahrscheinlichkeit nach höher, da die Diagnosestellung bei tuberkulosekranken Kindern sehr schwierig ist. Marianne Gale ist medizinische Beraterin für HIV und Tuberkulose bei Ärzte ohne Grenzen und hat tuberkulosekranke Kinder in Thailand und in Niger behandelt. Sie erläutert die Problematik bei der Diagnostik von Tuberkulose bei Kindern.
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Warum können tuberkulosekranke Kinder so schwer diagnostiziert werden?
Marianne Gale: Dafür gibt es mehrere Gründe: Erstens gibt es Symptome, die auch bei anderen Krankheiten wie HIV, Malaria, Mangelernährung oder viralen Infektionen auftreten können. Diese Symptome sind typischerweise Gewichtsverlust, mangelnder Appetit, Husten und wochenlanges Fieber. Daher kann TB allein aufgrund der Symptome nur sehr schwer erkannt werden.
Zweitens ist der Standard-Diagnose-Test, der bei Erwachsenen eingesetzt wird, für Kinder gänzlich ungeeignet. Dieser Test erfordert eine Sputum-Probe (Schleim, der von den Lungen abgehustet wird), die man von Kindern nur sehr schwer bekommt, da sie nicht wie Erwachsene husten können. Es gibt Methoden, um diese Proben von der Lunge oder dem Magen eines Kindes zu bekommen, aber diese können für das Kind traumatisch sein und erfordern gut ausgebildetes Personal, gute Gesundheitsstrukturen und ein ordentliches Labor, was in armen Ländern selten ist.
Die Situation ist natürlich noch schlimmer, wenn das Kind auch HIV-positiv ist?
Gale: Ja. Da das Immunsystem geschwächt ist, sind Kinder mit HIV/Aids besonders gefährdet, sich mit TB zu infizieren und daran zu sterben. Die Schwierigkeiten bei der Diagnose und Behandlung werden bei diesen Kindern aufgrund der Komplexität vieler Krankheitsprozesse noch weiter verkompliziert. Die gute Nachricht ist, dass die meisten Kinder, wenn sie früh diagnostiziert werden, sehr gut auf die TB-Therapie ansprechen und wieder ganz gesund werden.
Warum stehen keine besseren Diagnosemethoden für Kinder zur Verfügung?
Gale: Einer der Hauptgründe dafür, dass Kinder, die an dieser Krankheit leiden, über die Jahre vernachlässigt wurden, ist die Tatsache, dass sie weniger ansteckend sind als Erwachsene. Kinder produzieren weniger TB-Bazillen in ihren Lungen und verbreiten die Krankheit daher nicht so wie Erwachsene, wenn sie husten. Das heißt, in Programmen zur Eindämmung von TB, die auf die infektiösesten Mitglieder einer Gemeinschaft abzielen, haben sie weniger Priorität.
Die Forschung schließt Kinder auch oft von TB-Studien aus, da Studien mit ihnen im Vergleich zu Erwachsenen komplizierter sind. Wir von Ärzte ohne Grenzen arbeiten derzeit mit einer Gruppe von internationalen Experten an Strategien, diese Barrieren zu überwinden, damit dem medizinischen Bedarf von Kindern in der TB-Forschung eine Priorität eingeräumt wird.
Welcher Test muss entwickelt werden?
Gale: Wir brauchen einen Diagnose-Test, der nicht sputum-basiert ist, und der schnelle Ergebnisse liefert, so dass Kinder, bei denen ein hohes Risiko besteht, dass sie an Tuberkulose sterben, schnell behandelt werden können. Derzeit gibt es einige vielversprechende Entwicklungen aber ohne Finanzierung und konkrete Zusagen werden wir den zur Rettung von Leben dringend notwendigen Fortschritt nicht erleben.
Was kann man tun, um die Situation zu verbessern?
Gale: Der Mangel an neuen Diagnosemitteln und neuen Medikamenten heißt, dass innovative Ansätze gefragt sind, um einer möglichst großen Anzahl von betroffenen Kindern die bestmögliche medizinische Behandlung zukommen zu lassen. Es gibt viele Kinder, die keine Überlebenschance haben, weil sie nicht mal diagnostiziert werden, geschweige denn behandelt. Für uns ist es daher eine ständige Herausforderung, diese neuen Ansätze zu entwickeln und unsere Erfahrung und unser Wissen mit anderen Akteuren in diesem Bereich zu teilen.
Während wir an Strategien auf Patientenebene arbeiten, setzen wir uns auf internationaler Ebene für mehr Investitionen und Engagement im Kampf gegen TB und gegen die langjährige Vernachlässigung ein. Ganz besonders weisen wir auf die verheerenden Folgen von Tuberkulose bei Kindern hin und setzen uns dafür ein, so vielen Kindern wie möglich, egal wo sie leben, die bestmögliche Chance auf ein Überleben und eine gute Entwicklung zu geben. (red)
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