Reedereien setzen schon länger Wasserwerfer gegen Piratenangriffe ein - ein deutsches Ingenieurbüro hat jetzt ein neues, modifiziertes System entwickelt
Handelsschiffe werden immer häufiger Opfer von Piratenüberfällen: Allein im Jahr 2009 zählte die Internationale Seefahrtsbehörde (IMB) 406 Angriffe - der höchste Stand seit sechs Jahren. Seeräuber brachten weltweit 49 Schiffe und 1.052 Besatzungsmitglieder in ihre Gewalt, 120 Schiffe wurden beschossen. Die Anti-Piraten-Mission der EU und die Präsenz amerikanischer Kriegsschiffe vor der mitunter am meisten betroffenen Küste Somalias helfen, das Risiko zu verringern. Damit Reedereien ihre Besatzungen und Schiffsladungen aber selbst schützen können, gibt es mittlerweile direkt an den Schiffen angebrachte Abwehrsysteme wie Schallkanonen, Elektrozäune oder Wasserwerfer.
360-Grad-Infrarotkameras
Auch das deutsche Ingenieurbüro Platter will im Kampf gegen die Piraterie mitmischen: Das Unternehmen hat eine Wasserkanone mit dem bezeichnenden Namen "Automatic Pirate Defense System" entwickelt: Am Schiff werden schwenk- und neigbare Infrarotkameras montiert, die einen 360-Grad-Sicherheitsbereich im näheren Umkreis überwachen. Sobald Piraten in diese Zone eindringen, wird Alarm ausgelöst. Die zentrale Steuereinheit im Schiffsinneren bestimmt in Echtzeit die genaue Position der Angreifer und übermittelt diese an die Wasserkanonen.
Angreifende Boote fluten
Diese bestehen aus Edelstahl und sind an der Bordwand angebracht, jede Kanone kann mit bis zu 5.000 Litern Wasser pro Minute auf die Piraten zielen. So sei es möglich, ein angreifendes Schiff innerhalb nur weniger Sekunden zu fluten, heißt es beim Hersteller. Bei 10 Bar Druck beträgt die Reichweite der Wasserstrahlen rund 90 Meter. Das System wird explizit als "nicht tödliche" Abwehrmaßnahme bezeichnet. Was aber, wenn das Boot der Piraten erst einmal geflutet ist? Erstens werde bei einem Angriff ohnehin auch die Marine informiert, die sich in weiterer Folge der potenziellen Eindringlinge annehme. Zweitens bestünden Piratenboote meist aus Holz oder Glasfaserverstärktem Kunststoff, würden daher nicht untergehen und könnten als "Rettungsinsel" dienen.
Gefahr automatisch erkennen
Durch die automatische Detektion potenzieller Angreifer soll sich das System von der Konkurrenz abheben. "Mittels unserer Wärmebildkameras können Angreifer bei Tag, Nacht und sogar bei Nebel erkannt werden", erklärt Alexander Platter gegenüber derStandard.at. Andere, bereits bestehende Systeme würden dafür Wachposten benötigen. Allein die automatische Erkennung der Gefahr sei für die Besatzung von Vorteil. "Die Schiffe können als primäre Abwehrmaßnahme ihre Fahrt beschleunigen, um den Piraten das Entern erheblich zu erschweren."
Elektrisch verstellbare Wasserwerfer
Wenn die Piraten nicht lockerlassen, kommt der elektrisch verstellbare Wasserwerfer zum Einsatz. Auch hier will man der Konkurrenz voraus sein: "Bisher wurden bereits einige Entführungen mit einfachen Feuerwehrschläuchen vereitelt", sagt Platter, "durch unser System muss sich kein Besatzungsmitglied mehr als Zielscheibe an die Reling stellen." Eigentlich ist das Ingenieurbüro auf automatische Produktionsüberwachung und Systeme zur Brandbekämpfung spezialisiert. Als im April 2009 das deutsche Containerschiff "Hansa Stavanger" entführt wurde und damit für großes Aufsehen sorgte, machte man sich Gedanken über den Entwurf einer "simplen Möglichkeit, Piraten am Entern von Schiffen zu hindern". Letztendlich entwickelte man das bestehende Brandbekämpfungs-System so um, dass es nun nicht mehr gegen Brände, sondern gegen Piraten angeht.
Abschreckende Wirkung erhofft
Derzeit befindet sich das Abwehrsystem im Endstation der Entwicklung, in Zusammenarbeit mit einer Hamburger Reederei wurden in Bremerhaven erste Versuche durchgeführt. Nach abschließenden Tests im Mai werde man die Wasserkanonen an Reedereien auf der ganzen Welt ausliefern können - Interesse bestünde jedenfalls.
Experten beanstanden der Deutschen Schifffahrts-Zeitung "Schifffahrt International" zufolge, dass sich Piraten nur bedingt von solchen Systemen abhalten lassen oder sich gar provoziert fühlen und Abwehrsysteme angreifen könnten. Platter glaubt aber, dass sie vielmehr eine abschreckende Wirkung haben. Einen gezielten Abschuss durch Piraten kann er sich nicht vorstellen, da die Systeme ja erstens als solche erkannt werden müssten und es zweitens schwierig sei, von einem wackeligen Schiff aus bei großer Entfernung auf "relativ kleine Ziele" zu schießen. (mak, derStandard.at)