"Teuer und billig wird missbräuchlich verwendet"

23. März 2010, 19:04
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Staffelübergabe im Forum der forschenden Pharmaindustrie Österreichs: Christoph Sauermann geht, Simone Thomsen kommt

Mit Karin Pollack sprachen sie über Innovation, Nutzen, Hindernisse und Kosten.

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STANDARD: Herr Sauermann, Sie waren vier Jahre Präsident des Fopi, des Forums der forschenden Pharmaindustrie Österreichs. Wie ist ihr Resümee?

Sauermann: Das Bewusstsein der Menschen für Gesundheit und auch für gesundheitspolitische Fragen hat sich gewandelt. Die Kostenfrage wird öffentlich diskutiert, und das sehe ich positiv, denn jeder im System muss seine Entscheidungen heute rechtfertigen. Ein großer Erfolg ist sicherlich, dass wir eine gute Gesprächsbasis zur Politik und den Entscheidern aufgebaut haben. Wir wollen als Partner in Lösungsprozesse mit eingebunden werden.

STANDARD: Warum wurde die Fopi ursprünglich gegründet?

Thomsen: Die Fopi wurde nach amerikanischem Vorbild im Jahr 2000 gegründet. Das Ziel: den Forschungs- und Pharmastandort Österreich zu stärken.

STANDARD: Worin unterscheidet sich die forschende Pharmaindustrie vom Rest?

Thomsen: Im Gegensatz zu Generikaherstellern investiert die forschende Pharmaindustrie in die Entwicklung neuer Arzneimittel.

Sauermann: Und zwar mehr als zehn Prozent des Jahresumsatzes. Wir haben 18 Mitglieder und repräsentieren den internationalen Forschungsmarkt in Österreich.

STANDARD: Der Pharmamarkt ist hochkompetitiv, wie geht sich diese gemeinsame Plattform aus?

Thomsen: Wir arbeiten alle im selben Gesundheitssystem und wollen den Wert von Innovation auch sichtbar machen.

Sauermann: Wer ein innovatives Medikament auf den Markt bringt, hat Konkurrenz, kein Zweifel. Wir haben einen harten Wettbewerb. Ziel des Fopi ist jedoch, mit den Stakeholdern im System zu diskutieren, und zwar darüber, welche Vorteile Innovationen bringen. Ein teures Medikament kann ja durchaus auch kosteneffektiv sein. Teuer und billig wird in der Medizin oft missbräuchlich als Argument für oder gegen etwas verwendet. Wir sind nicht gegen Generika, dieser Markt schafft finanziellen Spielraum. Ich denke, dass die Kosten, die dadurch eingespart werden, durchaus auch für Forschungszwecke verwendet werden könnten. Derzeit stopft man damit aber die Löcher im Gesundheitssystem. Worunter wir leiden: Innovationen werden als Kostentreiber gesehen und Generika als Lösung des Problems.

STANDARD: Braucht es nicht auch viel Lobby, weil die Pipelines für neue Medikamente leer sind?

Thomsen: Nein. In den letzten 15 Jahren wurden 300 neue Arzneimittel für 150 Krankheitsbilder entwickelt. Im Schnitt kostet die Entwicklung eines neuen Wirkstoffes eine Milliarde Euro.

Sauermann: Von 1000 Molekülen schafft es meist nur eines zum Medikament. Natürlich zahlt man neben der Milliarde auch noch die Fehlschläge.

Thomsen: Eine Entwicklung dauert durchschnittlich zehn Jahre, weitere zwei bis drei Jahre kommen hinzu, bis die Medikamentenkosten erstattet werden.

Thomsen: Ich denke, dass nicht nur die Generikaquote gefördert werden soll, sondern auch Innovationen.

Sauermann: In den nächsten Jahrzehnten werden wir mit Demenz- oder Autoimmunerkrankungen konfrontiert sein. Hier erwartet man von uns ja Innovationen.

STANDARD: Klinische Forschung wäre ohne die Industrie in Österreich nicht möglich. Wie viel Geld investieren Sie?

Thomsen: Die Forschungslandschaft wird klar von Unternehmen getragen. Zwei Drittel werden vom Unternehmenssektor finanziert, ein Drittel von den Hochschulen. Knapp 50.000 Mitarbeiter sind in diesem Bereich tätig, zwei Drittel in Unternehmen, ein Drittel auf den Unis. Von den 6,8 Milliarden Forschungsleistung in Österreich werden 4,8 Milliarden von Unternehmen erbracht, davon wird 10 bis 11 Prozent von der Pharmaindustrie finanziert.

Sauermann: 450 Mio. Euro werden von der Pharmaindustrie pro Jahr insgesamt in medizinische Forschung in Österreich investiert, das ist ungefähr so viel wie das gesamte Forschungsbudget. Das umfasst klinische Studien und Drittmittel, in die Universitäten investieren wir aber nur einen geringen Teil, weniger als 100 Mio. Euro.

STANDARD: Wie teilen sich die Drittmittel aus der Pharmaindustrie auf die medizinischen Fakultäten auf?

Sauermann: Die Med-Uni Graz hat ein Forschungsbudget von ungefähr 100 Millionen Euro, ein Drittel davon kommt von außen durch Drittmittel, zirka 24 Millionen von der Pharmaindustrie. An der Med-Uni Wien kommt von den 242 Millionen Forschungsbudget, zusätzlich noch 60 Millionen durch Drittmittel hinzu, wovon die Pharmaindustrie 80 Prozent finanziert. Innsbruck hat ein Budget von geschätzten 60 Millionen Euro, 30 Millionen aus Drittmittel, davon kommen zehn Millionen aus der Pharmaindustrie.

STANDARD: Inwieweit bestimmt die Pharmaindustrie die Forschung?

Sauermann: Sie bestimmt die klinische Forschung, weil sich das aus der Medikamentenentwicklung zwingend ergibt.

Thomsen: Zwei Drittel der Grundlagenforschung kommt aber von den Universitäten ...

Sauermann: ... und Privaten wie zum Beispiel dem Biotech-Cluster in Österreich. Dort wird an Krankheitsursachen geforscht, werden Hypothesen generiert.

Thomsen: Angewandte Forschung, die aus diesen Hypothesen dann Wirkstoffe generiert, findet aber zum Großteil durch die Pharmaindustrie statt.

Sauermann: Wir als Industrie geben also nichts vor.

STANDARD: Wie transparent ist diese Dynamik?

Thomsen: Grundlagenforschung wird publiziert. Aber es ist dann so, dass mehrere Pharmaunternehmen beginnen, mit diesen Ansätzen Medikamente zu entwickeln. Es beginnt ein Innovationswettbewerb, könnte man sagen.

STANDARD: Würden Sie staatlich finanzierte klinische Forschung begrüßen?

Thomsen: Wichtig ist, den Innnovationswettbewerb anzustacheln. Je mehr Teilnehmer, umso größer sind die Chancen für neue Therapieansätze.

Sauermann: Die Problematik unserer Industrie ist jedoch, dass die Erwartungshaltung der Gesellschaft unseren Produkten gegenüber extrem hoch ist, weil Medikamenteninnovation hundertprozentig und ohne Nebenwirkung funktionieren soll. Das ist schwierig, hier müssen wir transparenter werden, auch was die Grenzen neuer Produkte betrifft.

STANDARD: Inwiefern beeinflusst die Wirtschaftskrise Ihre Budgets?

Sauermann: Wir sind weniger von der Wirtschaftskonjunktur abhängig, sehr wohl aber von Veränderungen im Gesundheitssystem, etwa dem Boxensystem des Hauptverbandes oder Verschreibungsvorschriften für Ärzte, die ja eine Folge der Krise sind.

STANDARD: Werden die Budgets in Zukunft kleiner werden?

Thomsen: Die Marktentwicklung in Österreich stagniert. Laut Hauptverband war das Wachstum bei Medikamenten 1,78 Prozent, wir leisten aber auch einen Solidarbeitrag von knapp zwei Prozent, das heißt also: null Wachstum. Das wird sich mittelfristig auch auf die Budgets auswirken. Wenn Medikamentenkosten nicht mehr erstattet werden, müssen wir uns anpassen.

STANDARD: Was erwarten Sie?

Sauermann: Österreich ist, was Medikamentenpreise betrifft, 18 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Aus unserer Sicht wäre Kostentransparenz wichtig, und die ist derzeit im österreichischen Gesundheitssystem nicht gegeben.

Thomsen: Nicht nur die Preise sind unter dem Durchschnitt, sondern auch der Arzneimittelverbrauch ist niedriger. Er liegt in Österreich bei 14 Prozent, im EU-Schnitt bei 17 Prozent. Und sogar die Arzneimittelkosten sind im Verhältnis zu den Gesamtkosten des Gesundheitssystems geringer als im europäischen Vergleich. Das Problem sind nicht die Arzneimittelkosten.

STANDARD: Welchen Rat geben Sie Ihrer Nachfolgerin auf den Weg?

Sauermann: Das Wichtigste ist die Gesprächsbasis mit den Entscheidungsträgern. Es geht nicht darum, dass die Pharmaindustrie sich ständig verteidigt, wir haben auch etwas zu bieten. Wir sind in Österreich aber weit nicht dort, wo wir im EU-Vergleich mit Innovationen einen Beitrag leisten können. Mit Innovationen kann man auch sparen und nicht nur Kosten steigern. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2010)


Zu den Personen

Christoph Sauermann (43) ist bis Ende April Geschäftsführer von Wyeth Österreich und Präsident des Fopi. Der Betriebswirt begann seine Karriere beim Pharmaunternehmen Organon und arbeitete seit 1997 für Wyeth. Nach der Übernahme durch Pfizer scheidet Sauermann nun aus und baut die Internetplattform iJoule auf.

Simone Thomsen (41) ist Geschäftsführerin von Eli Lilly in Österreich. Die Betriebswirtin und Japanologin begann ihre Karriere bei der Pharmafirma Fresenius, wechselte 2002 zu Eli Lilly in Deutschland, war drei Jahre in der Zentrale in Indianapolis tätig und kam 2008 nach Österreich. Ab April ist sie Präsidentin des Fopi. (pok)

  • Forschung und Pharmaindustrie: Fopi-Präsident Christoph Sauermann von Wyeth übergibt die Agenden an Simone Thomsen, Geschäftsführerin von Eli Lilly.
    foto: standard/corn

    Forschung und Pharmaindustrie: Fopi-Präsident Christoph Sauermann von Wyeth übergibt die Agenden an Simone Thomsen, Geschäftsführerin von Eli Lilly.

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