Von vollen und von leeren Tränken

23. März 2010, 18:46
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Forschungspolitikexperte Andreas Schibany warnte vor noch mehr Förderungen für den Unternehmenssektor

Im Streit um die künftige Verteilung der staatlichen Forschungsgelder trat Andreas Schibany, Forschungspolitikexperte am Joanneum Research, den Forderungen der Wirtschaftsvertreter nach mehr angewandter Forschung zulasten der Grundlagenforschung auf Basis von Vergleichszahlenentscheiden entgegen.

Für Firmen sei laut Schibany "die Tränke voll". Nun müsse man sich um "jene Sektoren kümmern, die im Argen liegen, die Bildung und Grundlagenforschung, die bewirken, dass in zehn Jahren die Tränke noch immer voll ist."

In der heißen Phase der Ausarbeitung einer staatlichen Forschungsstrategie für die nächsten zehn Jahre hatte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl mit seiner Forderung nach einem staatlichen De-facto-Förderstopp der Grundlagenforschung zugunsten der angewandten Forschung und experimentellen Entwicklung für Aufregung gesorgt.

Dem konterte Schibany am Montag Abend in seinem Eingangsreferat bei einer Diskussionsveranstaltung des Club Research, dass der Staat bereits zwölf Prozent der firmeneigenen Forschung und Entwicklung (F&E) finanziere, womit Österreich in der OECD eine Spitzenposition einnehme. In Finnland seien es nur 3,4 Prozent, in Schweden 4,3 Prozent und in Deutschland 4,5 Prozent.

Zwischen 2002 und 2007 habe sich die staatliche Förderung von F&E im Unternehmenssektor nahezu verdoppelt (plus 94 Prozent), gegenüber einem Plus von 25 Prozent im Hochschulsektor, präsentierte Schibany eine "realistische Darstellung" der Verhältnisse. Im gleichen Zeitraum sei die Zahl der F&E-Beschäftigten in Unternehmen um 23 Prozent und an Hochschulen um 45 Prozent gestiegen.

Schibany sprach sich auch strikt gegen eine Erhöhung der Forschungsprämie von acht auf zwölf Prozent aus: Er erwarte sich davon keine massiven Beschäftigungseffekte, die von Wirtschaftsseite ins Treffen geführt werden. Die Forschungsprämie sei "ein Geschenk, das wir uns derzeit nicht leisten können", so der Experte. In der Schweiz, wo man keinerlei staatliche F&E-Förderung für Unternehmen kennt, würde die Wirtschaft auch gar nicht danach verlangen, sondern Investitionen in Bildung und Grundlagenforschung fordern.

Schibanys Aussagen blieben danach von einigen Diskutanten nicht unwidersprochen: Rudolf Lichtmannegger von der Wirtschaftskammer betonte, dass es Leitl fernlag, der Grundlagenforschung die Existenzberechtigung abzusprechen. Unternehmen hätten in den vergangenen Jahren ihre F&E-Aufwendungen enorm gesteigert, "man sollte sich nicht wünschen, dass sie diese nun wieder zurücknehmen".

Der Forschungschef der Voest-alpine, Peter Schwab, betonte die Bedeutung der Grundlagenforschung: "Wir brauchen dieses Know-how". Gleichzeitig plädierte er für "anwendungsorientierte Grundlagenforschung", da die rein neugiergetriebene Forschung nur zufällig zu Innovationen führe.

Georg Winckler schließlich, der Rektor der Uni Wien, sah in exzellenten Unis eine Voraussetzung für Kooperationen mit der Wirtschaft und forderte - so wie Schibany - mehr Geld für den Hochschulsektor. (APA, tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2010)

 

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