Musikalischer Leistungssport

23. März 2010, 19:06
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Die Wiener Sängerknaben im Wandel der Zeiten

Für jeden Chor gibt es mindestens eine große Tournee, die manchmal bis zu vier Monate dauert! Wir wollen das ändern." Das sagte 1998 Agnes Grossmann, die damalige und längst ausgeschiedene künstlerische Leiterin der Sängerknaben, im Bewusstsein, dass bei der ältesten Boygroup der Welt offenbar einiges im Argen lag.

Grossmann sprach auch von einem - bezüglich der Disziplin - "etwas altmodischen" Stil und nannte ihre Pläne: verstärkter Kontakt mit den Eltern, für die es früher "gefährlich zu sprechen und Probleme aufzuzeigen war. Übrigens war das auch für die Kinder nicht günstig." Nebst einer neuen Offenheit wollte man das Wohlbefinden der Sängerknaben mit neuem Tagesablauf, späterem Unterrichtsbeginn, einer freieren Gestaltung des Tagesablaufs und der Schaffung individueller Rückzugsmöglichkeit steigern.

Das war also 1998, als die Sängerknaben ihren 500. Geburtstag feierten. Schließlich hat 1498, also vor sehr langer Zeit, Maximilian I., der letzte Ritter, die Sängerknaben, die damals nicht so hießen, gegründet.

Heute? Zurzeit gibt es rund 100 aktive Sängerknaben, von denen jeder rund 80-mal im Jahr auftritt. Sie bilden vier Konzertchöre, deren Aufgaben, bei allen Änderungen, die vorgenommen wurden, durchaus umfangreich sind. Sie umfassen Tourneen, die Dienste in der Hofburgkapelle, die Konzerte und Auftritte in Wien und in Österreich, Ton- und Filmaufnahmen und Sonderprojekte.

Jeder Chor hat seinen Kapellmeister und sein Erzieherteam, Brüder singen im gleichen Chor, drücken die Schulbank im Augarten-Palais und treten mit zehn für vier Jahre dem Kollektiv der musikalischen Leistungssportler bei.

Das liebe Geld? Von den Konzertgagen und den Einnahmen durch Platteneinspielungen sieht der Sängerknabe nichts. Andererseits hat er für seine Ausbildung nichts zu zahlen. Diese hat in den letzten Jahren eine gewisse Offenheit erfahren. Popmusik ist hinzugekommen, auch etwas World-music ist Teil des Repertoires.

Liest man sich durch die Homepage der Sängerknaben, begegnet man auch Sätzen, die darauf schließen lassen, dass man sich der heiklen Geschichte bewusst ist: Da geht es um Vermeidung von Überforderung - durch eine genaue Abstimmung von Probenplan, Schule und Freizeit. Organisation und Lehrplan des Gymnasiums der Wiener Sängerknaben tragen zwar "den Konzertverpflichtungen Rechnung". Der Stundenplan sei allerdings "flexibel und nimmt auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler Rücksicht". (Ljubisa Tosiæ/DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2010)

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    Zwei Sängerknaben mit Startenor José Cura

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