"Im Grunde war es Kinderarbeit"

23. März 2010, 19:06
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Jene Exsängerknaben, die im Standard Missbrauchsvorwürfe gegen den Elitechor formulierten, erheben rückwirkend Ansprüche: etwa auf Übernahme von Kosten für Psychotherapie, um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten

Eineinhalb Wochen nach den Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Sängerknaben im Standard demonstriert man bei dem Wiener Eliteknabenchor Geschlossenheit. Kontakte mit Journalisten laufen nunmehr ausschließlich über Sängerknabenpräsident Walter Nettig (siehe Interview).

Dieser teilte zu Wochenbeginn mit, dass sich bei der eingerichteten Hotline für Misshandlungsopfer inzwischen elf Personen gemeldet hätten. Die meisten eingelangten Beschwerden würden Vorfälle von vor 40, 50 Jahren betreffen, nur sehr wenige der geschilderten Ereignisse seien jüngeren Datums.

Bisher nicht mit der Hotline kurzgeschlossen haben sich jene drei Exsängerknaben, die sich direkt an den Standard gewandt hatten (Namen der Redaktion bekannt). Sie wollten erst weitere Reaktionen vonseiten des Chores abwarten, meinen die Männer.

Der heute 33-jährige, in Berlin lebende orthopädische Chirurg, der von voyeuristischen, durch Erzieher ("Präfekten") initiierten Duschritualen sowie von sexuellem Missbrauch durch einen älteren Mitschüler erzählte, hofft auf "Zusicherung, dass keine juristischen Schritte gegen mich oder andere Exsängerknaben, die an die Medien gegangen sind, erfolgen werden". Am Dienstag tat Nettig dies: "Das wird ganz sicher nicht geschehen."

"Ich habe durchaus Ansprüche - und zwar in Form von Psychotherapiekosten", meint wiederum jener 40-jährige Pädagoge in Wien, der unter anderem von peinlichen Befragungen der Buben über etwaige sexuelle Betätigung durch einen Präfekten während Busfahrten auf Tourneen in den frühen 80er-Jahren berichtet hatte.

Bitterer Rückblick

Seine Bilanz dreißig Jahre nach seiner Chorzeit ist bitter: "Ich frage mich, ob es - wenn man als Ergebnis die künstlerischen Leistungen der Kinder hernimmt - dafürstand." Zu seiner Zeit habe die "schwarze Pädagogik der katholischen Kirche", verbunden mit "dem Zwang, als Chor Geld zu verdienen", zu "kaputtmachendem Druck" geführt. Dichtgedrängter Stundenplan, fast keine Freizeit, monatelange Abwesenheit von daheim: "Im Grunde war es Kinderarbeit."

Doch in Kinderarbeit dürfe der "Gesang auf höchstprofessioneller Ebene eben nicht ausarten", ist sogar in dem Festband Die Wiener Sängerknaben zu lesen, der 1974 anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums der Neugründung des Wiener Knabenchors erschienen ist.

Wenige Zeilen später lässt Autor Franz Endler - der im Jahr 2002 verstorbene einflussreiche Wiener Musikkritiker und Exsängerknabe - durchblicken, dass das Funktionieren des musikalischen österreichischen Exportartikels Vorrang vor kinderzentrierten pädagogischen Erwägungen hatte: "Es hat Fälle gegeben, wo das Institut einen begabten Sängerknabenaspiranten ablehnen musste, ... weil er vor allem auf Reisen, im Blickpunkt der Öffentlichkeit, ein Störfaktor hätte werden können."

Supervision für Erzieher

In der Zwischenzeit dürfte sich diesbezüglich einiges verbessert haben. Durch - unter anderem - "tägliche Teamsitzungen und Supervision der Erzieher" sowie durch "enge Zusammenarbeit mit den Eltern" werde auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen, schildert Sängerknabenpräsident Nettig. (Irene Brickner/DER STANDARD, Printausgabe, 24.3.2010)

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    Ein Sängerknabe kurz vor einem Auftritt - Die Leitung des österreichischen Elitechors sucht neue Blickwinkel auf die eigene Vergangenheit

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