"Frauen sind BürgerInnen zweiter Klasse"

24. März 2010, 07:00
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Die Anwältin Leila Alikarami sprach mit Clementine Skorpil über gesetzlich verankerte Diskriminierung von Frauen und erste Schritte in Richtung Gleichberechtigung

Anlässlich einer Veranstaltung des Frauenhauses St. Pölten gemeinsam mit dem NÖ Frauenreferat über Frauenrechte in St. Pölten kam die iranische Frauenrechtsaktivistin Leila Alikarami nach Österreich. Die 32-jährige Rechtsanwältin verteidigt vor allem Frauen, die diskriminiert oder inhaftiert wurden. Zudem ist sie Mitglied in diversen NGOs, die sie juristisch berät. Sie ist verheiratet und hat einen elfjährigen Sohn. Zurzeit lebt sie mit ihrer Familie in London, wo sie eine vergleichende Studie über die Situation der Frauen im Iran und in Marokko macht. Alikarami hat letztes Jahr für die "Eine-Million-Unterschriften-Kampagne" den Anna-Politkowskaja-Preis erhalten. Mit Clementine Skorpil sprach Alikarami über die mutigen Frauen im Iran, über gesetzliche Diskriminierung und wie man diese ändern kann.

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Wie ist die Situation der Frauen zurzeit im Iran?

Leila Alikarami: Unbefriedigend. Frauen sind zwar aktiv im öffentlichen Leben, und sie verlangen nach Gleichberechtigung, aber das Gesetz selbst diskriminiert Frauen. Das Gesetz sieht Frauen als BürgerInnen zweiter Klasse an.

In welcher Weise?

Leila Alikarami: Mädchen sind mit neun Jahren strafmündig, Jungen erst mit 15 Jahren. Das heißt, wenn ein neunjähriges Mädchen eine Straftat begeht, hat sie sich als Erwachsene verhalten. Es gab den Fall eines Mädchens in Teheran, das in einem Haus arbeitete und der Besitzer des Hauses wollte das Mädchen vergewaltigen. Das Mädchen wehrte sich und stieß den Mann um. Er ist so gefallen, dass er tot war. Im Iran kann die Familie des Ermordeten verlangen, dass die/der MörderIn umgebracht wird. Das Mädchen saß jahrelang im Gefängnis und es gab eine große Debatte um diesen Fall. Laut UNO-Konvention sind Menschen unter 18 Kinder. Es gab Fälle, in denen Kinder inhaftiert wurden und als sie 18 waren, wurden sie exekutiert. Stellen Sie sich das vor: Sie kommen als Zehnjährige ins Gefängnis und wissen, Sie werden hingerichtet, wenn Sie 18 sind.

Gibt es auch andere Beispiele gesetzlicher Diskriminierung?

Leila Alikarami: Die Zeugenaussage: Als Zeugin gilt das Wort einer Frau nur halb so viel wie das eines Mannes. Wenn also eine Frau vor Gericht aussagt, kann damit nichts bewiesen werden. Es müssen zwei Frauen sein. Oder wenn ein Unfall mit tödlichem Ausgang passiert, dann wird für Frauen nur die Hälfte dessen als Kompensation an die Familie bezahlt, was für einen Mann bezahlt wird. Das Leben einer Frau ist nur halb so viel wert wie das eines Mannes.

Wie sieht es innerhalb der Familie aus?

Leila Alikarami: Wenn eine Frau zum ersten Mal heiratet braucht sie - unabhängig von ihrem Alter und ihrer gesellschaftlichen Position - das Einverständnis ihres Vaters oder ihres Großvaters väterlicherseits. Das wird mit dem Respekt vor dem Vater begründet. Aber was ist mit dem Respekt gegenüber der Mutter? Und was ist mit den Männern? Müssen sie ihre Väter nicht respektieren? Auch bei der Scheidung gibt es Unterschiede. Eine Frau kann eine Scheidung beantragen, aber sie sollte einen vernünftigen Grund haben. Was ist ein vernünftiger Grund? Die Entscheidung darüber liegt in den Händen des Richters und der ist ein Mann, weil Frauen keine Richterinnen sein dürfen. Auch das ist diskriminierend.

Warum dürfen Frauen das Richteramt nicht ausüben?

Leila Alikarami: Das wird mit der islamischen Auffassung gerechtfertigt, dass Männer Frauen übergeordnet seien. Frauen dürfen kein Urteil sprechen. Shirin Ebadi (Friedensnobelpreisträgerin 2003, Anm.) zum Beispiel war Richterin, aber nach der Revolution durfte sie nicht mehr rechtsprechen. Die, die solche Verbote aussprechen, sind natürlich Männer. Ein Mann kann auch seiner Ehefrau untersagen zu arbeiten. Oder er kann verhindern, dass sie einen Pass bekommt und ins Ausland fährt.

Wie werden all diese Diskriminierungen begründet? Ist es wirklich der Islam, der das vorgibt, oder ist es die Auslegung der Religion durch die Männer, die zu diesen Ungleichheiten führt?

Leila Alikarami: Es gibt zwei Arten von islamischem Recht: die Sharia und die Fiqh (islamische Rechtswissenschaft, Anm.) Die Sharia ist göttlich, aber Fiqh ist es nicht, Fiqh stammt von den Menschen. Die meisten Diskriminierungen sind in der Fiqh festgelegt, nicht in der Scharia. Das bedeutet, dass wir die Gesetze hinterfragen können. Zum Beispiel, dass der Mann das Oberhaupt der Familie ist, ist Teil der Fiqh, das steht nicht im Koran. Und wo im Koran heißt es, dass eine Frau ihren Mann fragen muss, wenn sie einen Pass beantragt oder das Land verlassen will? Auch die Frage der Strafmündigkeit wird in der Fiqh behandelt und vieles mehr. Fiqh wurde von Männern verfasst und sie schrieben zu ihren Gunsten. Mag sein, dass das zur Entstehungszeit der Gesetze noch gepasst hat. Der Mann war dafür zuständig, die Familie zu ernähren, das war seine Aufgabe. Aber das hat sich geändert. Die Frauen tragen zum Familieneinkommen bei. Wir sollten also die Gesetze ändern, weil sich die Bedingungen geändert haben.

Im Westen denken manche Menschen, dass Gewalt gegen Frauen im Islam eher akzeptiert wird als in anderen Religionen, dass sie sogar in der Sharia verankert ist. Es gab diese Fälle von Steinigung. Im Koran wird über Steinigung nicht gesprochen. Das war eine damalige Praxis, die weitergeführt wurde. Die Strafe, die der Koran für Ehebruch vorsieht, sind 100 Hiebe. Aber für eine Verurteilung benötigt man vier Augenzeugen. Wo nehmen Sie die her? Ehebruch wird ja nicht in der Öffentlichkeit vollzogen. In solchen Fällen haben wir auch im iranischen Recht die Möglichkeit, die Bestrafung auszusetzen.

Wird häusliche Gewalt gegen Frauen akzeptiert?

Leila Alikarami: Wie ist das in Österreich? Wie hoch ist hier der Prozentsatz? Ja, Gewalt gegen Frauen findet auch bei uns statt, das stimmt, aber das ist ein globales Problem, kein spezifisch islamisches. Wenn Gewalt gegen Frauen in Österreich auftritt, sagt niemand, das ist ein Problem des Christentums. Vielleicht liegt es daran, dass der Iran kein säkulares Land ist, sondern ein islamisches, dass die Leute es so wahrnehmen. Das ist meine Kritik am Westen: Hier will man die Religion bekämpfen Warum?

Wie sollte der Staat Ihrer Ansicht nach mit Religion umgehen? Sollte man von Staats wegen das laizistische Prinzip leben wie in der Türkei oder sollte die Religionsfreiheit großzügiger ausgelegt werden?

Leila Alikarami: Die Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht. So sehr, wie ich dagegen bin, das Tragen des Hijab vorzuschreiben, so sehr bin ich auch dagegen, es zu verbieten. In der Türkei wurden Frauen, die das Hijab trugen, der Uni verwiesen. Man hat ihnen also ihr Recht auf Bildung genommen. Frauen sollten frei wählen können und ihre Entscheidung sollte respektiert werden.

Wie sehr sind junge Frauen im Iran noch bereit, sich den Rollenstereotypen unterzuordnen. Wir haben im Fernsehen die Bilder der Demonstrationen gesehen. Da haben die Frauen Seite an Seite mit den Männern Widerstand geleistet. 

Warum beteiligen sich Frauen an den Demonstrationen?

Leila Alikarami: Weil sie fühlen, dass die diskriminierenden Gesetze für sie nicht mehr passen. Sie sitzen in denselben Positionen wie Männer - hohen Positionen - und sie verdienen es nicht, anders behandelt zu werden.

Wie sind die Jobaussichten für Frauen?

Leila Alikarami: Viel besser als früher, die Arbeitslosenrate ist unter Frauen allerdings immer noch höher als unter Männern. Aber in diesem einen Punkt sind wir fortschrittlicher als so mancher europäische Staat: Für gleiche Arbeit gibt es bei uns gleichen Lohn.

Bekommen Frauen auch Topjobs in Unternehmen und in staatlichen Institutionen?

Leila Alikarami: Es gibt Frauen in Toppositionen, aber auch hier sind Frauen gesetzlich eingeschränkt. Zum Beispiel kann eine Frau nicht Präsidentin werden. Und das ist ein wichtiger Punkt: Frauen müssen in Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Im Parlament sind von 290 Abgeordneten gerade einmal zwölf Frauen. Und wir hatten nur eine Ministerin. Das ist ein sehr niedriger Prozentsatz.

Wie wichtig ist der internationale Druck? Welche Rolle spielt etwa die CEDAW-Konvention (Convention on the Elimination of All Forms of Discrimination against Women, die Konvention wurde 1979 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen, Anm.)?

Leila Alikarami: Der Iran hat CEDAW nicht ratifiziert. Das ist ein Problem, denn wenn wir über Frauenrechte sprechen, haben wir keine gesetzliche Basis dafür. Diese Konvention ist ein Werkzeug, mithilfe dessen wir die Gesetze hinterfragen können. Würde der Iran die Konvention unterschreiben, wäre das ein progressiver Schritt hin zu mehr Chancengleichheit. Damit wären die Frauen noch immer nicht gleichberechtigt, denn Ratifizierung und Implementierung sind zwei verschiedene Dinge, aber es wäre ein Anfang auf einem langen Weg.

Helfen die neuen Medien und deren viel zitierte soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook den Frauen im Iran, ihre Anliegen publik zu machen?

Leila Alikarami: Ja, jede Art von Kommunikation hilft. Die KollegInnen im Ausland können auf diese Weise sehen und überwachen, was im Iran passiert.

Haben Sie Hoffnung? Sehen Sie diese Veränderung?

Leila Alikarami: Ja! Wir kämpfen seit 100 Jahren für unsere Rechte. Und das hat auch nach der Revolution nicht aufgehört. Wenn man zum Beispiel die Bildungsrate mit der von vor 30 Jahren vergleicht, dann sieht man, dass heute 65% der UniversitätsabsolventInnen weiblich sind und das ist auch der Grund dafür, dass die Frauenbewegung Power hat. Die Frauen im Iran sind stark und mutig und sie verlangen Veränderung. Und das ist legitim. (Clementine Skorpil, dieStandard.at, 23.3.2010)

 

  • Die 32-jährige Rechtsanwältin Leila Alikarami verteidigt vor allem Frauen, die diskriminiert oder inhaftiert wurden.
Das Interview wurde von Clementine Skorpil für das Frauenreferat NÖ geführt und dieStandard.at zur Verfügung gestellt.
    foto: clementine skorpil

    Die 32-jährige Rechtsanwältin Leila Alikarami verteidigt vor allem Frauen, die diskriminiert oder inhaftiert wurden.

    Das Interview wurde von Clementine Skorpil für das Frauenreferat NÖ geführt und dieStandard.at zur Verfügung gestellt.

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